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Dirac Live ART
Was macht Dirac Live ART technisch, was braucht es dafür — und was davon ist belegt?
Dirac Live ART — ART steht für Active Room Treatment — ist eine lizenzpflichtige Erweiterung der Raumkorrektur Dirac Live. Sie bestimmt für jedes Eingangssignal einen Hauptlautsprecher und macht die übrigen zu Stützlautsprechern: Die geben zeitlich berechnete Gegensignale ab, damit der Raum zwischen 20 und 150 Hz weniger nachschwingt. Entwickelt und lizenziert wird das Verfahren vom schwedischen Unternehmen Dirac Research. StormAudio, Denon, Marantz und andere bauen es in ihre Geräte ein — es bleibt trotzdem Dirac-Technik und wird nirgends zur Technik des Geräteherstellers.
Eine Schaukel bringt man in Schwung, indem man immer im richtigen Moment anschiebt — und man bekommt sie wieder zum Stehen, indem man im richtigen Moment dagegenhält. Tiefe Töne verhalten sich in einem Zimmer ähnlich: Der Raum schwingt weiter, obwohl der Ton längst vorbei ist. Diese Technik lässt die vorhandenen Lautsprecher gemeinsam im richtigen Moment dagegenhalten, statt Dämmmaterial an die Wände zu bringen. Für Dich soll der Bass dadurch trockener wirken, und zwar nicht nur auf einem einzigen Platz.
Das zugrunde liegende Problem
Unterhalb von etwa 150 Hz entscheidet zunehmend der Raum darüber, was am Sitzplatz ankommt — der Lautsprecher allein hat es dort nicht mehr in der Hand. Zwischen seinen Wänden bilden sich Raummoden, die einzelne Töne überhöhen und andere fast auslöschen — und die nach jedem Bassimpuls noch weiterklingen. Dieses modale Ausschwingen ist der Teil des Problems, an dem ein Equalizer scheitert: Eine Raumantwort enthält Anteile, die sich rechnerisch nicht umkehren lassen (Minimalphasigkeit), und was Du am mittleren Platz absenkst, fehlt am äußeren ohnehin schon. Die ausführliche Begründung und die Übersicht der Gegenmaßnahmen stehen unter aktive Basskontrolle.
ART setzt deshalb am zeitlichen Verhalten des Raums an. Genau darin unterscheidet es sich von einer Raumkorrektur, die jeden Kanal für sich gegen eine Zielkurve rechnet.
Woher das Verfahren kommt
ART ist keine Marketing-Neuschöpfung der 2020er Jahre. Lars-Johan Brännmark von Dirac Research und Anders Ahlén von der Universität Uppsala haben das Verfahren 2015 im Journal der Audio Engineering Society veröffentlicht, unter dem Titel „Multichannel Room Correction with Focus Control" — acht Jahre vor der Produkteinführung und in einer begutachteten Fachzeitschrift, also einer, in der Fachkollegen den Beitrag vor dem Druck prüfen. Beschrieben ist dort schon das, was heute ART heißt: Lautsprecher, die entzerrt werden sollen, bekommen Unterstützung von einem Satz Stützlautsprecher, die gemeinsam die Antwort der Hauptlautsprecher verbessern und dabei den Nachhall des Hörraums unterdrücken.
Noch älter ist die Schutzrechtsanmeldung. Das Patent US 9 781 510 B2 gehört Dirac Research AB, als Erfinder stehen Brännmark, Ahlén und Adrian Bahne darauf; die Priorität stammt vom 22. März 2012, erteilt wurde es am 3. Oktober 2017.
Diese Herkunft ist für die Beurteilung wichtiger, als sie klingt: Wer über ART spricht, hat eine Fundstelle in der Hand und kann damit das Wirkprinzip vom Leistungsversprechen trennen. Genau dieser Schnitt entscheidet bei ART über fast alles Weitere.
Funktionsweise
Drei Eigenschaften des Verfahrens stehen in der Arbeit von 2015 und im Patentanspruch, nicht in der Produktkommunikation.
Die Rollen sind ungleich verteilt. Bei mindestens zwei Lautsprechern und mindestens zwei Messpositionen schätzt das Verfahren zunächst die Impulsantworten, also das zeitliche Abbild dessen, was jeder Lautsprecher an jedem Messpunkt auslöst. Danach wird je Eingangssignal ein Lautsprecher als primär bestimmt, alle übrigen wirken als Stützlautsprecher. Das Ergebnis ist eine Hauptquelle mit Helfern statt eines Verbunds von Gleichen — und wer welche Rolle übernimmt, wechselt mit dem Signal.
Der Zielwert ist eine Impulsantwort, keine Zielkurve. Die Zielantworten berücksichtigen die akustischen Laufzeiten zwischen Lautsprechern und Messpunkten. Die Filterparameter werden dann so gesucht, dass die Abweichung zwischen tatsächlicher und Zielantwort über alle Messpunkte möglichst klein wird und das System dabei stabil bleibt. Weil das Ziel eine Zeitantwort ist, greift das Verfahren am Ausschwingen an — die Glättung des Frequenzgangs fällt dabei mit ab, sie ist aber nicht die Zielgröße.
Der Grad der Bedämpfung ist Teil des Verfahrens. Die Arbeit von 2015 führt einen Focus-Control-Parameter ein, mit dem sich die Unterdrückung der Raumakustik je Frequenzband stärker oder schwächer einstellen lässt, und hält ausdrücklich fest, vollständige Enthallung sei nicht immer wünschenswert. Ein bedämpfter Raum ist also nicht automatisch der bessere — das steckt seit der ersten Veröffentlichung im Ansatz und ist keine spätere Bequemlichkeitsfunktion.
Wie sich die Arbeit im Tiefton aufteilt, zeigt eine Voreinstellung aus dem Setup Guide: Der Arbeitsbereich der Stützlautsprecher (im Programm „Support Range") beginnt bei allen Lautsprechern außer den Subwoofern standardmäßig erst bei 50 Hz. Unterhalb davon arbeiten also nur die Subwoofer gegen den Raum. Ohne Subwoofer bleibt der unterste Teil des angegebenen Wirkbereichs damit voraussichtlich ungenutzt.
Voraussetzungen
Nach der Herstellerdokumentation, Stand 6. August 2026:
| Angabe | Wert |
|---|---|
| Wirkbereich | 20 bis 150 Hz |
| Mindestkonfiguration | Stereo, zwei Lautsprecher |
| Messpositionen | mindestens drei gültige, der Sweet Spot darunter — sonst lässt sich ART gar nicht erst auswählen |
| Mikrofon | omnidirektional |
| Gerät | ART-zertifizierter AV- oder Stereo-Receiver beziehungsweise Prozessor — oder der Dirac Live Processor auf PC und Mac |
| Lizenz | Dirac Live mit ART-Erweiterung, bei Subwoofern zusätzlich Bass Control |
| Software | Dirac Live für Windows oder macOS |
| Raumgröße | „optimal" rund 12 bis 100 m² |
Zwei Angaben daraus verändern die Planung stärker, als die Tabelle vermuten lässt.
Subwoofer ohne Bass-Control-Lizenz schließen ART aus. Der Setup Guide nennt genau zwei Auswege: die Lizenz kaufen oder die Subwoofer aus der Lautsprecherkonfiguration des Geräts entfernen. ART und Subwoofer ohne Bass Control ergänzen sich also nicht, sie schließen einander aus. Der Aufwandssprung ist damit größer als der Preis der ART-Erweiterung allein.
Die Gruppenbildung ist Handarbeit. ART-Gruppen sind Lautsprechergruppen mit mindestens einem Eingangskanal; welche Kanäle zusammengehören, entscheidet der Einrichtende anhand ähnlicher Parameter und der Position im Raum. Eine Automatik gibt es dafür nicht. Wer ART verkauft, verkauft Einrichtungszeit mit.
Was Dirac beansprucht — und was davon belegt ist
Die Herstellerdokumentation nennt vier Wirkungen: weniger Raumresonanz und Nachhalligkeit, eine straffere und sauberere Bassantwort mit verkürztem Ausschwingen, einen größeren Bass-Sweetspot und eine bessere Konsistenz von Sitzplatz zu Sitzplatz. Dazu stellt Dirac klar, dass ART Bass Control nicht ersetzt.
Zu keiner dieser vier Wirkungen nennt Dirac eine Zahl. Kein Dezibelwert, keine Zeitangabe, kein Messmaß — beziffert ist allein der Wirkbereich. Eine Aussage ohne Maß lässt sich weder nachprüfen noch widerlegen; sie bleibt unprüfbar. Und sie ist damit etwas anderes als eine bezifferte Behauptung, auch wenn beide im Verkaufsgespräch gleich klingen.
Eine unabhängige, methodisch dokumentierte Messung der ART-Wirkung ist öffentlich nicht auffindbar (Stand 6. August 2026). Gesucht wurde nach Vorher/Nachher-Messreihen mit angegebenem Analysefenster, nach Messungen abseits der Kalibrierpositionen und nach einer Trennung zwischen der Verkürzung des Ausschwingens und der sie begleitenden Glättung des Frequenzgangs. Ein Nichtfund beweist nichts über die Wirkung — er heißt, dass für sie bislang nur eine einzige Quelle spricht, und das ist der Hersteller selbst.
Der Belegstand ist damit dreistufig, und die drei Stufen sollte man nicht gegeneinander eintauschen:
| Ebene | Belegstand |
|---|---|
| Wirkprinzip | begutachtete Arbeit von 2015 und erteiltes Patent mit Priorität 2012 |
| Voraussetzungen und Wirkbereich | Herstellerdokumentation, zeit- und firmwareabhängig |
| Wirkung im Raum | Herstellerangabe ohne Maß, keine unabhängige Messung |
Abgrenzung
Gegen Dirac Live. Die Basis-Raumkorrektur entzerrt jeden Kanal für sich gegen eine Zielkurve. Sie bleibt die Grundlage, ART setzt darauf auf.
Gegen Dirac Live Bass Control. Bass Control misst die Subwoofer einzeln ein, stimmt sie untereinander und auf die Hauptlautsprecher ab und übernimmt das Bassmanagement. ART koordiniert stattdessen alle Lautsprecher gegen das Verhalten des Raums. Sobald Subwoofer im Spiel sind, braucht es beides.
Gegen passive Raumakustik. Hier sitzt die wichtigste Verwechslung, und der Name lädt dazu ein: „Room Treatment" klingt nach Absorbern. Ein Bassabsorber wandelt Schallenergie in Wärme um, danach ist sie weg. Auslöschung tut das nicht — sie fügt einen zweiten Beitrag hinzu, der sich am Messpunkt mit dem ersten aufhebt. Der Schalldruck sinkt dort, die im Raum abgestrahlte Leistung bleibt. Das ist kein Einwand gegen das Verfahren, aber es erklärt, warum seine Wirkung an Orte gebunden ist und die eines Absorbers nicht.
Gegen Trinnov WaveForming. Das zweite marktreife Verfahren dieser Familie geht zweistufig vor und verlangt mindestens vier Subwoofer. Der praktisch wichtigste Unterschied ist aber der Belegstand: Trinnov nennt Zahlen, die man nachprüfen kann, Dirac nennt keine.
Grenzen
Kontrolliert ist das Schallfeld nur dort, wo gemessen wurde. Optimiert wird an den Messpositionen. Was zwischen ihnen und hinter ihnen passiert, ist Ergebnis und nicht Vorgabe. Wie groß die wirksame Zone bei drei Messpunkten tatsächlich ausfällt, ist offen — und damit auch, wie viel von der beanspruchten Sweetspot-Vergrößerung an einem Platz in der zweiten Reihe ankommt.
Bei 150 Hz endet die Wirkung, die Moden enden dort nicht zwingend. Der Punkt, unterhalb dessen Phaseninterferenz bestimmt, was am Hörplatz ankommt, heißt in der Branchenempfehlung CEDIA/CTA-RP22 die Übergangsfrequenz des Raums — nicht zu verwechseln mit der Trennfrequenz zum Subwoofer. In kleinen Räumen liegt sie zwischen etwa 150 und 500 Hz. In einem kleinen Raum deckt ART die Modalzone damit weitgehend ab, in einem großen nur ihren unteren Teil. Diese Einordnung entsteht aus zwei belegten Angaben und ist keine Aussage des Herstellers.
Die Pegelreserve ist der ungeklärte Preis. Stützlautsprecher geben zusätzliche Gegensignale ab, und das kostet Membranhub im Tiefton. Wie viel Reserve dabei draufgeht, dokumentiert Dirac nicht. Für die Beratung ist das die wichtigere Frage als jede Ausschwingzahl: Wer ART auf ein knapp ausgelegtes System setzt, tauscht womöglich Verzerrung gegen Nachhall.
Geräte, Lizenzen und Plattformen
Diese Angaben veralten schneller als der Rest. Stand 6. August 2026, die Zeile zu Hyperion vom 23. August 2026:
| Plattform | Stand |
|---|---|
| StormAudio | ART auf allen Prozessoren und AV-Receivern ab Firmware 4.5; ohne Zusatzkosten für ab dem 1. Januar 2023 bestellte Geräte, davor Lizenzkauf |
| Denon und Marantz | auf Geräten, die Dirac Live Room Correction und Bass Control unterstützen; genannt sind Denon AVR/AVC-A1H, -A10H, -X6800H, -X4800H und -X3800H sowie Marantz AV10, AV20 und Cinema 30, 40 und 50 |
| Dirac Live Processor (PC und Mac) | ART verfügbar seit dem 30. Juni 2026 — damit erstmals ohne dedizierte Hardware |
| miniDSP Tide16 | 16-Kanal-Prozessor, Lizenzen für Room Correction, Bass Control und ART im Lieferumfang |
| Arcam Radia (AVA15, AVA25, AVA35, AVP45) | erste Arcam-Geräte mit ART, laut Hersteller ab dem dritten Quartal 2026 im Fachhandel |
| Hyperion Professional (APR-16, RCV-11) | Prozessor APR-16 mit Dirac Live und ART, Markteinführung am 15. Juli 2026; der AV-Receiver RCV-11 zusätzlich mit Bass Control |
| NAD | Room Correction und Bass Control, kein ART |
Die ART-Lizenz kostet bei Dirac 299 US-Dollar, sowohl als Nachrüstung für Denon- und Marantz-Geräte als auch für ältere StormAudio-Geräte und für den Dirac Live Processor.
AVITECT-Einordnung
AVITECT arbeitet mit Dirac-basierten Geräten, und ART ist bei uns das Verfahren, das im Wohnraum häufiger zum Zug kommt. Wohnzimmer sind selten ideal geschnitten, und ART ist an dieser Stelle offener als die Alternative — es schreibt keine Lautsprecherpositionen vor und kommt mit dem zurecht, was der Raum hergibt.
Entscheidender als die Raumform ist allerdings, wie tief die vorhandenen Lautsprecher spielen. Große Standlautsprecher im Wohnraum können als Stützquellen wirklich etwas beitragen. Im dedizierten Heimkino wird dagegen oft hoch getrennt: Die Lautsprecher dort können enorme Pegel, reichen aber gar nicht besonders tief hinunter — und unterhalb von etwa 40 bis 50 Hz beginnt ohnehin erst der voreingestellte Support Range. Damit verpufft ein guter Teil des ART-Vorteils, und Trinnov WaveForming wird dort zur naheliegenderen Wahl. Die vollständige Gegenüberstellung steht unter Dirac Live ART oder Trinnov WaveForming?.
Ein Kostenargument kommt hinzu: Dirac hat an mehrere Gerätehersteller lizenziert, und ART verlangt keine Mindestzahl an Subwoofern. Bei der Komponentenwahl bist Du damit freier, und im Einstandspreis liegt ART häufig niedriger.
Verknüpfte Inhalte
Das Problem, das ART angeht, steht unter Raummoden und modales Ausschwingen; die Einordnung aller Verfahrensfamilien samt Entscheidungsbaum unter aktive Basskontrolle. Das gemeinsame Rechenprinzip erklärt MIMO, seine alltagsnahe Form Noise Cancelling, und warum eine Raumantwort nicht einfach umkehrbar ist, steht unter Minimalphasigkeit.
Voraussetzung sind Dirac Live, bei Subwoofern Dirac Live Bass Control, sauberes Bassmanagement und eine belastbare Raummessung. Das konkurrierende Verfahren ist Trinnov WaveForming.
Quellen
Das Wirkprinzip stützt sich auf zwei Primärquellen: die Arbeit von Lars-Johan Brännmark und Anders Ahlén im Journal der Audio Engineering Society von 2015 und das Patent US 9 781 510 B2 von Dirac Research. Voraussetzungen, Wirkbereich und Lizenzlage stammen aus der Helpdesk-Dokumentation von Dirac, die Plattformlage aus Herstellermitteilungen und deren Wiedergabe in der Fachpresse; für diese Angaben gilt der Datenstand 6. August 2026, für Hyperion der 23. August 2026, und firmwareabhängige Aussagen sind im Text als solche gekennzeichnet. Die Übergangsfrequenz kleiner Räume ist der Branchenempfehlung CEDIA/CTA-RP22 v1.2 von September 2023 entnommen. Für die vier beanspruchten Wirkungen gibt es außer der Herstellerdokumentation keine Quelle.