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Wide-Lautsprecher-Winkel (Performance Level Ton)
Wo müssen Wide-Lautsprecher sitzen, damit sie im Level etwas wert sind — und wie wird eine Anlage bewertet, die gar keine hat?
Wide-Lautsprecher sind das Paar, das zwischen den Frontlautsprechern und den seitlichen Surrounds hängt. Ab neun Bodenkanälen sehen die Wiedergabeformate diese Position vor; welche Ziffernfolge dafür steht, erklärt die Kanal-Notation, und was die Kanäle tun, beschreibt der Eintrag zu Front Wide. Diese Kategorie bewertet an ihnen genau eine Größe: den Winkel, unter dem sie vom Referenzhörplatz aus erscheinen.
Der Maßstab ist eine Abweichung. Aus der Geometrie des Raums ergibt sich ein idealer Winkel, und gewertet wird, wie weit die tatsächliche Position davon entfernt liegt — die schlechtere der beiden Seiten zählt. Anders als bei den meisten Ton-Kategorien braucht diese Frage keine Messtechnik: Ein Grundriss mit Sitzplatz, Front- und Surround-Positionen reicht aus.
Vorne stehen bei einem Heimkino drei Lautsprecher an der Leinwand, seitlich neben Dir sitzen weitere. Zwischen diesen beiden Gruppen bleibt links und rechts ein breites Stück Wand leer. Wandert im Film ein Geräusch von der Leinwand zu Dir herüber, muss es diese Strecke überbrücken, und dort verliert es leicht seinen Ort. Ein zusätzliches Paar in dieser Lücke schließt sie — vorausgesetzt, es hängt an der richtigen Stelle. Genau das prüft diese Stufe.
Warum der Winkel über die Stufe entscheidet
Zwischen den Frontlautsprechern und den ersten Surrounds liegt der breiteste unbesetzte Abschnitt des Lautsprecherkreises. Die Front endet typischerweise bei 30 Grad, die seitlichen Surrounds beginnen frühestens bei 90 Grad; dazwischen liegen rund 60 Grad Bogen ohne eigene Quelle. Ein Objekt, das diese Strecke durchläuft, wird in dieser Zeit als Phantomschallquelle zwischen zwei weit auseinanderstehenden Lautsprechern gebildet, und je größer der Abstand, desto unschärfer wird der Ort.
Ein Wide-Paar halbiert diese Strecke. Der Gewinn hängt aber daran, dass es die Lücke wirklich in der Mitte teilt. Sitzt es zu weit vorn, klebt es akustisch an den Frontlautsprechern und lässt hinter sich einen fast unveränderten Sprung zum Surround. Sitzt es zu weit hinten, verschiebt sich dasselbe Problem auf die vordere Hälfte. Der ideale Winkel ist also kein Geschmackswert, er folgt aus den Positionen der beiden Nachbarn.
Wie der ideale Medianwinkel bestimmt wird
Die Heimkino-Planungsempfehlung CEDIA/CTA-RP22 leitet ihn geometrisch her. Bevorzugt wird dort dieser Weg: Man verbindet den Frontlautsprecher der jeweiligen Seite mit dem ersten Side-Surround derselben Seite durch eine gerade Strecke, nimmt deren Mittelpunkt und misst, unter welchem Winkel dieser Punkt vom Referenzhörplatz aus erscheint. Das ist der Sollwinkel für den Wide-Lautsprecher dieser Seite.
Als Formel, mit dem Referenzhörplatz als Ursprung und der Blickrichtung zur Leinwand als Nullachse:
M = ( (x_FL + x_SL1) / 2 , (y_FL + y_SL1) / 2 ) φ_ideal = arctan( x_M / y_M )
x ist der seitliche Abstand vom Sitzplatz, y der Abstand nach vorn;
FL ist der linke Frontlautsprecher, SL1 der erste Side-Surround
derselben Seite. Für die rechte Seite gilt dasselbe mit FR und SR1.
Die Abweichung Δ = |φ_Wide − φ_ideal| wird für beide Seiten gebildet,
und die größere von beiden bestimmt die Stufe.
RP22 nennt daneben zwei weitere Wege: den Bisektorwinkel, also die schlichte Winkelhalbierende zwischen Front und Surround, sowie die Empfehlung von Dolby und DTS, die Wides auf Hörerebene bei 120 Grad zueinander zu setzen, also bei 60 Grad je Seite. Solange beide Nachbarn gleich weit vom Sitzplatz entfernt sind, kommen alle drei Wege auf denselben Wert. Sobald sich die Abstände unterscheiden, laufen sie auseinander — und das ist im Wohnraum der Normalfall.
Ein Rechenbeispiel dazu: Der Frontlautsprecher steht 4,0 Meter vom Sitzplatz entfernt bei 30 Grad, der Side-Surround an der Seitenwand nur 2,0 Meter entfernt bei 90 Grad. Der Streckenmittelpunkt liegt dann bei 2,00 Meter seitlich und 1,73 Meter vor dem Sitzplatz, was einem Winkel von rund 49 Grad entspricht. Die Winkelhalbierende nennt für dieselbe Aufstellung 60 Grad. Zwischen beiden Verfahren liegen 11 Grad, mehr als die Toleranz der untersten bewerteten Stufe.
Die Leiter L1 bis L5
| Stufe | Größte Abweichung vom idealen Medianwinkel |
|---|---|
| L5 | höchstens ±2° |
| L4 | höchstens ±5° |
| L3 | höchstens ±7° |
| L2 | höchstens ±10° |
| L1 | mehr als ±10°, oder nicht bewertet, obwohl Wide-Kanäle vorgesehen sind |
Gewertet wird immer die schlechtere Seite. Ein Raum, dessen linkes Wide punktgenau sitzt und dessen rechtes wegen einer Tür um acht Grad verschoben hängt, steht auf L3.
Die Schritte werden nach oben hin nicht gleichmäßig enger: von L2 auf L3 sind es drei Grad, von L3 auf L4 zwei, von L4 auf L5 noch einmal drei. Der letzte Schritt auf ±2 Grad ist der einzige, der eine freie Wandfläche verlangt — zwei Grad Toleranz bedeuten bei drei Metern Hörabstand rund zehn Zentimeter Spielraum an der Wand. Wo eine Tür, ein Fenster oder ein Pfeiler in dieser Zone liegt, endet die Kategorie praktisch bei L4.
In der Ton-Note zählt der Wide-Winkel mit 3 Punkten. Das ist eine der kleineren Gewichtungen der Domäne und ein Arbeitsstand, der an Projekten kalibriert wird.
Ohne Wide-Kanäle: nicht zutreffend
Die meisten Anlagen haben kein Wide-Paar. Für sie gilt die Kategorie als strukturell nicht zutreffend: Sie wird übersprungen und kürzt die erreichbare Höchstpunktzahl der Ton-Domäne um ihre drei Punkte. Der Bericht weist dann aus, wie viele Kategorien von wie vielen bewertet wurden.
Der Grund für diese Behandlung liegt in der Trennung von Ausstattung und Ausführung. Eine Anlage ohne Wide-Kanäle hat einen Lautsprechertyp nicht, und das ist kein Ausführungsfehler, den eine Abwertung sichtbar machen müsste. Wie viele Kanäle eine Anlage überhaupt einzeln wiedergibt, zählt bereits die Kanalzahl als eigene Kategorie. Zweimal dasselbe zu bestrafen würde das Profil verzerren.
L1 bleibt damit für einen anderen Fall reserviert: Wide-Kanäle sind vorgesehen, die Lautsprecher hängen aber mehr als zehn Grad daneben — oder der Winkel wurde nie bestimmt. Die Höhenebene wird nach demselben Muster behandelt, wenn ein Raum keine oberen Lautsprecher hat.
Ein Wide-Paar ist keine Verlängerung der Surround-Ebene
Im Beratungsgespräch kommt regelmäßig die Erwartung an, Wides seien zwei zusätzliche Surrounds und würden das Umhüllungsgefühl vergrößern. Sie arbeiten an einer anderen Stelle. Wides hängen auf derselben Horizontalebene wie die Frontlautsprecher und zeigen auf den Referenzhörplatz; sie füllen die vordere Seitenlücke und verbessern damit die Bewegung von der Leinwand zur Seite. Wie geschlossen der Kreis hinter dem Hörplatz ist, misst eine eigene Kategorie, die Surround-Winkeldichte.
Die praktische Folge dieser Verwechslung ist teuer. Wer ein Wide-Paar dorthin hängt, wo eigentlich ein zweites Surround-Paar hingehört, bekommt beides nicht: Der Wide-Winkel weicht ab, und die Winkeldichte verbessert sich kaum, weil die Positionen für den hinteren Kreis zu weit vorn liegen. Ein dünn besetzter Surroundkreis wird durch Wides also nicht dichter.
Die Zonenbedingung
Neben der Zahlenleiter gilt eine Bedingung ohne eigene Stufen. RP22 weist jeder Lautsprechergruppe eine empfohlene Zone zu, für die Wides in Abschnitt 5.7. Die Empfehlung staffelt das nirgends: Auf jeder ihrer Stufen liegt die zulässige Zahl von Lautsprechern außerhalb ihrer Zone bei null.
Steht ein Wide-Lautsprecher außerhalb, ist diese Kategorie auf L2 gedeckelt, unabhängig vom gerechneten Winkel. Typisch dafür ist die Montage deutlich über Ohrhöhe, weil unterhalb ein Sideboard oder eine Tür im Weg ist: Der Azimutwinkel kann dann rechnerisch stimmen, während der Lautsprecher aus einer Höhe abstrahlt, für die er nicht vorgesehen ist. Die Zonen selbst stehen in RP22, die Höhe des Deckels ist eine AVITECT-Setzung.
Ein zweiter Montagepunkt aus derselben Empfehlung wirkt indirekt: Ein bündiger Wandeinbau ohne vorgewinkelte Schallwand steht dort als „nicht empfohlen", weil der Hörplatz dann 30 bis 50 Grad neben der Achse liegt. Die Winkelkategorie sieht das nicht — die Klangfarbe an den Sitzplätzen schon.
So lässt sich das planen
In der Planung wird der ideale Medianwinkel am Grundriss bestimmt. Nötig sind der Referenzhörplatz, die Positionen von Front- und ersten Surround-Lautsprechern sowie die Wandlängen und Türlagen, die überhaupt eine Wide-Position zulassen. Die geplante Position wird gegen den Sollwinkel gehalten, die größere Abweichung der beiden Seiten ergibt die prognostizierte Stufe. Damit steht die Einstufung, bevor ein Kabel liegt — und die Entscheidung für oder gegen ein Wide-Paar wird im Angebot als Zahl sichtbar statt als Ausstattungszeile.
Bei der Abnahme wird derselbe Winkel am gebauten Raum nachgemessen, vom Referenzhörplatz aus zum akustischen Zentrum jedes Wide-Lautsprechers. Es genügt ein Winkelmesser oder ein Entfernungsmesser mit Winkelfunktion; ein Messmikrofon braucht diese Kategorie nicht.
Beide Kennzeichen stehen deshalb auf leicht. Leicht planbar heißt: Der Wert ist am Plan abzugreifen, ohne Modellrechnung und ohne Annahme über den Raum — und darum endet die Vorhersage hier nicht bei L4. Lässt die Wand die richtige Position zu, steht auch die oberste Stufe schon im Planungsprofil. Leicht messbar heißt: Zehn Minuten mit einem Winkelmesser genügen; das gehört zum Standardumfang und wird bei der Übergabe protokolliert. Unter den Ton-Kategorien ist der Wide-Winkel eine der wenigen, bei denen Vorhersage und Abnahme dieselbe Rechnung verwenden und deshalb selten auseinanderfallen — mehr als das Wort am Level ändert sich zwischen beiden nicht.
Ein Fall bleibt offen: Solange der Grundriss die Positionen der Frontlautsprecher oder des ersten Seitensurrounds nicht festlegt, lässt sich der Sollwinkel nicht bilden. Dann steht im Profil „nicht prognostizierbar" und dahinter die Position, die im Plan noch offen ist. Das ist etwas anderes als ein System, für das nie Wide-Kanäle vorgesehen waren: Dort ist die Kategorie schlicht nicht zutreffend.
Wie sicher die Zahlen sind
Die Zahlenreihe selbst ist gut belegt. Sie stammt unverändert aus Parameter 7 der Empfehlung CEDIA/CTA-RP22, nachzulesen in der Tabelle auf Seite 65 und wiederholt in der Gesamtübersicht auf Seite 122. Die RP22-Stufen L1 bis L4 stehen auf den AVITECT-Stufen L2 bis L5, im selben Versatz wie die übrigen Winkel- und Pegelreihen der Ton-Domäne. Der Wert für L2 steht damit auf der untersten RP22-Stufe; er ist als Zuordnung eine Setzung, als Zahl aber belegt.
Unsicher ist der Bezugspunkt, gegen den gemessen wird. RP22 leitet den Medianwinkel her, legt ihn aber nicht als eine Zahl fest, und die drei genannten Wege liefern in ungleich proportionierten Räumen deutlich verschiedene Sollwinkel. Solange diese Wahl offen ist, hängt die Stufe teilweise am Rechenweg. Das Rechenbeispiel oben zeigt die Größenordnung: 11 Grad Unterschied entsprechen mehr als der gesamten Spanne von L2 bis L5.
Ein hohes Ton-Level blockiert der Wide-Winkel nie. Drei Punkte von hundert kippen keine Gesamtnote, und eine Anlage ohne Wides verliert über diese Zeile gar nichts. Ihr Wert liegt in der Planung: Sie macht aus „wir könnten noch zwei Lautsprecher dazunehmen" eine nachrechenbare Aussage darüber, was diese beiden Lautsprecher an ihrer geplanten Stelle einbringen.
Was daraus für die Planung folgt
Die Reihenfolge ist dieselbe wie bei den übrigen Winkelkategorien, nur kürzer. Zuerst steht der Referenzhörplatz fest. Dann stehen die Frontlautsprecher an der Bildfläche und die ersten Surrounds an ihrer Seitenposition — beide werden nicht für die Wides verschoben, denn sie definieren erst den Sollwinkel. Daraus ergibt sich der Zielbereich an der Wand, und erst dann fällt die Entscheidung, ob dort ein Lautsprecher montiert werden kann.
Fällt diese Prüfung negativ aus, gibt es drei Wege. Der Zielbereich lässt sich manchmal verschieben, indem der Side-Surround innerhalb seiner eigenen Zone wandert; das verändert den Medianwinkel und ist die eleganteste Lösung, solange die Surround-Winkeldichte darunter nicht leidet. Möglich ist auch eine Position außerhalb der empfohlenen Zone mit dem Deckel auf L2 — vertretbar, wenn der Kunde die Kanäle für das Format braucht. Und schließlich lassen sich die Wides ganz weglassen: Dann fällt die Kategorie aus der Bewertung, und das Budget geht in Positionen, die gezählt werden. Diese dritte Möglichkeit ist in schmalen Räumen häufig die richtige, weil der Zielbereich dort oft genau auf der Türwand liegt.
Verknüpfte Inhalte
Was Wide-Kanäle sind und woher ihr Signal kommt, erklärt Front Wide; die Ziffernfolgen der Formate stehen in der Kanal-Notation.
Die benachbarten Kategorien der Ton-Domäne sind die Surround-Winkeldichte für den Kreis hinter dem Hörplatz, die Kanalzahl für die Frage, welche Formate überhaupt vollständig ankommen, und die Screen-SPL-Differenz für die Lautsprecher an der Bildfläche. Die Rechnung, aus der am Ende eine Ton-Note wird, steht auf Performance Level: Ton Mehrkanal; wofür ein Level einsteht und was es offenlässt, erklärt Performance Level.
Quellen
Die Winkelwerte und das Verfahren zur Bestimmung des Medianwinkels folgen der Heimkino-Planungsempfehlung CEDIA/CTA-RP22 in der Fassung 1.2 von 2023, Parameter 7 auf Seite 65 und 122 sowie Abschnitt 5.7 auf Seite 64, am Volltext gelesen. Die Reihe ist gegenüber der Stufenzählung der Empfehlung um eine Position nach oben verschoben. Die Zonenbedingung stammt aus Parameter 11 derselben Empfehlung, Seite 71 und 123; die Höhe des Deckels bei einem Verstoß, die Gewichtung mit drei Punkten und die Behandlung von Anlagen ohne Wide-Kanäle kommen von AVITECT. Sie werden derzeit geprüft.