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Raumakustik
Biegewellengeschwindigkeit dünner Platten
Wie schnell läuft eine Biegewelle bei einer bestimmten Frequenz durch eine Platte?
Eingangsgrößen
| Symbol | Größe | Einheit |
|---|---|---|
| B' | Biegesteifigkeit je Meter Plattenbreite | N*m |
| m'' | flächenbezogene Masse der Platte | kg/m^2 |
| f | Frequenz | Hz |
Luftschall läuft bei jeder Frequenz gleich schnell, rund 343 m/s. In einer Platte gilt das nicht: Dort hängt die Geschwindigkeit der Biegewelle von der Frequenz ab, und diese eine Eigenschaft entscheidet darüber, wie gut ein Bauteil dämmt. Diese Seite rechnet die Geschwindigkeit für eine gegebene Platte und eine gegebene Frequenz aus — und zeigt, warum daraus zwangsläufig ein Frequenzbereich folgt, in dem die Wand den Schall fast weiterreicht.
In der Luft sind alle Töne gleich schnell — tiefe wie hohe. In einer Wand ist das anders: Dort kommen hohe Töne schneller voran als tiefe. Weil das Tempo in der Wand also von unten nach oben durch das Tempo in der Luft hindurchwandert, gibt es genau einen Bereich, in dem beide gleich schnell sind. Dort passen die Bewegungen der Wand und die der Luft perfekt zusammen, und die Wand gibt den Schall fast ungehindert an das Nachbarzimmer weiter — sie wird für diesen Bereich zum Lautsprecher. Bei den üblichen Bauplatten trifft das ausgerechnet die Tonlage, in der eine Stimme von nebenan erkennbar wird.
Natürliche Erklärung
Warum wird eine Biegewelle mit steigender Frequenz schneller? Der Grund
liegt in der Krümmung. Bei hoher Frequenz ist die Welle kurz, und eine
kurze Welle biegt die Platte auf gleicher Auslenkung viel stärker als
eine lange. Je stärker die Krümmung, desto größer die Rückstellkraft aus
der Biegesteifigkeit — und eine größere Rückstellkraft treibt die Welle
schneller voran. Bei tiefen Frequenzen liegt die Platte in der langen
Welle fast flach, spürt ihre Steifigkeit kaum und wird im Wesentlichen
von ihrer eigenen Trägheit gebremst. Genau diese beiden Größen stehen
im Bruch: die Steifigkeit B' oben als Antrieb, die Masse m'' unten
als Bremse.
Die vierte Wurzel wirkt dabei stark dämpfend auf beide. Eine Platte, die viermal so steif ist, läuft nur um den Faktor √2 schneller. Wer die Biegewellengeschwindigkeit spürbar ändern will, muss das Verhältnis von Steifigkeit zu Masse also erheblich verändern.
Dispersion: eine Geschwindigkeit je Frequenz
Die Frequenzabhängigkeit ist der eigentliche Inhalt dieser Formel.
c_B wächst mit der Wurzel aus f, und daraus folgt eine sehr
handliche Merkregel:
text eine Oktave höher (f · 2) → c_B · √2 = 1,41-fach zwei Oktaven höher (f · 4) → c_B · 2 zehn Oktaven höher → c_B · 32
Eine Welle, die im Tiefton kriecht, ist im Hochton also erheblich schneller. Über den Hörbereich von 20 Hz bis 20 kHz — knapp zehn Oktaven — ändert sich die Geschwindigkeit derselben Platte um mehr als das Dreißigfache. Eine einzelne Zahl für „die Biegewellengeschwindigkeit einer Gipskartonplatte" gibt es deshalb nicht; ohne Frequenz ist die Angabe leer.
Diese Eigenschaft heißt Dispersion und trennt Körperschall in Platten sauber vom Luftschall. Auch die anderen Wellenarten im Festkörper — Dehnwelle und Schubwelle — laufen mit einer festen Geschwindigkeit; die Biegewelle ist die Ausnahme, und sie ist zugleich die einzige, die nennenswert an die Luft koppelt. Beides zusammen macht sie zur entscheidenden Größe im Schallschutz.
Warum daraus die Koinzidenz folgt
Der Luftschall hält bei rund 343 m/s eine waagerechte Linie, während die
Biegewelle bei null anfängt und mit der Frequenz immer weiter steigt.
Eine solche Kurve kreuzt eine Waagerechte genau einmal: Bei tiefen
Frequenzen ist die Biegewelle langsamer, bei hohen schneller —
dazwischen liegt genau eine Frequenz, bei der beide gleich schnell sind.
Diese Frequenz ist die
Koinzidenzgrenzfrequenz, und ab
dort bricht die Schalldämmung ein, weil das Wellenmuster auf der
Plattenoberfläche und das der auftreffenden Luftschallwelle zusammen
passen. Was dabei physikalisch geschieht und wie tief der Einbruch
ausfällt, steht beim
Koinzidenzeffekt; die Formel für f_c
selbst und die Biegesteifigkeit B' stehen auf der
Formelseite dazu.
Für diese Seite zählt die Umkehrung: Die Grenzfrequenz ist der Punkt, an
dem die hier gerechnete Kurve eine bestimmte Höhe erreicht — eine
abgelesene Stelle auf einer Geschwindigkeitskurve. Wer c_B über der
Frequenz
aufträgt und bei 343 m/s eine Waagerechte einzeichnet, liest f_c am
Schnittpunkt ab. Und weil die Kurve mit der Wurzel steigt, verschiebt
jede Änderung, die c_B anhebt, diesen Schnittpunkt nach links — also
zu tieferen Frequenzen, mitten in den Bereich, in dem Sprache ihre
Energie hat.
Genau das macht die Plattendicke. Verdoppelt man sie, verachtfacht sich
B', während m'' sich nur verdoppelt — der Bruch unter der Wurzel
wächst also um das Vierfache, und die vierte Wurzel daraus ist √2. Die
dickere Platte läuft bei jeder Frequenz um das 1,41-Fache schneller und
erreicht die 343 m/s deshalb eine Oktave früher. Dicke und Frequenz
wirken in dieser Formel gleichwertig: Dieselbe Geschwindigkeit stellt
sich in der doppelt so dicken Platte bei der halben Frequenz ein. Die
Faustregel „doppelte Dicke gleich eine Oktave tiefer" ist damit keine
Erfahrungssache; sie steht in dieser einen Wurzel.
Ein zweiter Vergleich: die Wellenlänge
Neben der Geschwindigkeit lohnt der Blick auf die Wellenlänge, weil an
ihr hängt, wie gut die Platte abstrahlt. Weil λ_B nichts anderes ist als
c_B geteilt durch dieselbe Frequenz, überträgt sich der Schnittpunkt
unmittelbar: Unterhalb der Grenzfrequenz ist die Biegewelle kürzer
als die Luftschallwelle derselben Frequenz, oberhalb ist sie länger, und
genau bei f_c sind beide gleich lang. Was dieser Längenvergleich für die
Abstrahlung bedeutet — eine kurze Biegewelle schiebt die Luft kaum weg,
weil unmittelbar daneben schon die Gegenbewegung sitzt —, steht bei den
Biegewellen. Die Koinzidenz lässt sich damit
gleichwertig über die Geschwindigkeiten oder über die Wellenlängen
beschreiben.
Eingangsgrößen und Einheiten
| Symbol | Größe | Einheit |
|---|---|---|
| c_B | Biegewellengeschwindigkeit (Phasengeschwindigkeit) | m/s |
| c_gr | Gruppengeschwindigkeit der Biegewelle | m/s |
| λ_B | Biegewellenlänge | m |
| B' | Biegesteifigkeit je Meter Plattenbreite | N·m |
| m'' | flächenbezogene Masse der Platte | kg/m² |
| f | Frequenz | Hz |
Die flächenbezogene Masse ist
dieselbe Größe wie im Massegesetz und steht
dort im Glossar erklärt. Die Biegesteifigkeit B' wird je Meter
Plattenbreite angegeben und hat deshalb die Einheit Newtonmeter; wie sie
aus Elastizitätsmodul, Dicke und Querkontraktionszahl folgt, rechnet die
Koinzidenzgrenzfrequenz vor. Für
diese Seite ist B' eine Eingangsgröße und wird von dort übernommen.
Gültiger Bereich und Annahmen
Die Formel beschreibt eine dünne Platte: Die Biegewellenlänge muss groß gegen die Plattendicke bleiben. Weil λ_B mit steigender Frequenz kürzer wird, ist das eine Grenze nach oben — die Annahme hält im Tiefton mühelos und läuft im Hochton aus. Für 12,5 mm Gipskarton erreicht die Biegewellenlänge bei rund 8 kHz das Sechsfache der Dicke; darüber mischen sich Schubverformung und Rotationsträgheit ein, die in der einfachen Biegetheorie nicht vorkommen, und die Rechnung gibt zu hohe Werte aus.
Homogen muss die Platte sein. Für einlagige Bauteile aus einem Werkstoff
stimmt das. Bei Sandwichplatten, Wabenkernen und mehrlagigen Verbunden
folgt B' nicht mehr aus Werkstoff und Dicke, und bei Lochplatten
senken die Löcher Steifigkeit und Masse in verschiedenem Maß. In beiden
Fällen ist die Formel als solche weiterhin richtig — nur der Wert von
B' gehört dann gemessen oder aus der Verbundtheorie hergeleitet, und
ohne ihn liefert die Rechnung nichts.
Unendlich ausgedehnt ist die Platte in der Rechnung außerdem. Rand, Einspannung und die Eigenmoden des konkreten Bauteils kommen nicht vor. Bei tiefen Frequenzen, wo auf eine reale Wand nur wenige halbe Wellenlängen passen, beschreibt die Formel deshalb eher die Tendenz als das Verhalten der einzelnen Platte.
Und sie gilt je Laufrichtung einmal. Gipskarton, OSB und Sperrholz sind
richtungsabhängig steif, haben also je nach Laufrichtung der Biegewelle
ein anderes B' und damit zwei Geschwindigkeiten. Wie weit die beiden
auseinanderliegen und was daraus für die Grenzfrequenz folgt, steht im
Abschnitt „Zwei Richtungen, zwei Grenzfrequenzen" der
Koinzidenzgrenzfrequenz.
Grenzen
Ohne Frequenzangabe ist das Ergebnis wertlos. Der häufigste Fehler
im Umgang mit dieser Größe ist die Tabellenzahl: „Biegewellen laufen in
Gipskarton mit 200 m/s". Diese Angabe ist nur zusammen mit der Frequenz
sinnvoll, bei der sie gilt — eine Oktave daneben stimmt sie um 41
Prozent nicht mehr. Wo eine solche Zahl ohne Frequenz auftaucht, ist
meist stillschweigend die Grenzfrequenz gemeint, bei der c_B gerade
343 m/s beträgt.
Die Amplitude bleibt außen vor. Die Formel beschreibt, wie schnell
die Welle läuft, und nicht, wie viel Energie am anderen Ende ankommt.
Dafür ist die innere Dämpfung des Werkstoffs zuständig, die im
Verlustfaktor steht. Zwei
Platten mit identischem c_B können sich in der Dämpfung deutlich
unterscheiden — Gips gegen Stahlblech ist der Fall, der im Trockenbau
vorkommt. Um wie viel, steht hier nicht: Belegte Verlustfaktoren dieser
beiden Werkstoffe liegen bisher nicht vor.
Phasen- und Gruppengeschwindigkeit fallen auseinander. Weil die
Geschwindigkeit von der Frequenz abhängt, läuft ein Impuls anders als
ein Dauerton: Seine Energie wandert mit c_gr = 2·c_B, und seine
Bestandteile ziehen sich beim Laufen auseinander, weil die hohen
Anteile vorauseilen. Ein Trittschallstoß kommt deshalb im Nachbarraum
verschmiert an, mit den Höhen zuerst. Für Koinzidenz und Abstrahlung
zählt trotzdem c_B.
Der Werkstoff ist als frequenzunabhängig angenommen. B' steckt in
der Formel als feste Zahl. Bei Gips-, Holz- und Kunststoffplatten steigt
der Elastizitätsmodul zu hohen Frequenzen hin an, und c_B liegt dann
über dem gerechneten Wert. Um wie viel, hängt am Werkstoff und ist hier
nicht beziffert.
Rechenbeispiel
Teil 1 — eine Gipskartonplatte, Schritt für Schritt. Für eine 12,5 mm starke Platte mit den Kennwerten der Koinzidenzseite (E = 2,5 · 10⁹ Pa, ρ = 750 kg/m³, ν = 0,30) steht dort bereits: m'' = 9,375 kg/m² und B' = 447,1 N·m. Gesucht ist die Geschwindigkeit bei 1.000 Hz.
text B' / m'' = 447,1 / 9,375 = 47,69 m⁴/s² ⁴√( 47,69 ) = √( √47,69 ) = √6,906 = 2,628 m/√s
√( 2π · 1.000 ) = √6.283 = 79,27 1/√s
c_B = 2,628 · 79,27 = 208,3 m/s λ_B = 208,3 / 1.000 = 0,208 m
Zum Vergleich: Die Luftschallwelle ist bei 1.000 Hz 0,343 m lang und läuft mit 343 m/s. Die Platte ist bei dieser Frequenz also deutlich langsamer als die Luft.
Teil 2 — dieselbe Platte über den Hörbereich. Der Plattenfaktor 2,628 m/√s bleibt stehen, nur die Frequenzwurzel ändert sich:
text f [Hz] c_B [m/s] λ_B [m] λ_Luft [m] 63 52,3 0,830 5,44 125 73,6 0,589 2,74 250 104,2 0,417 1,37 500 147,3 0,295 0,686 1.000 208,3 0,208 0,343 2.000 294,6 0,147 0,172 2.711 343,0 0,127 0,127 4.000 416,6 0,104 0,0858
Die Zeile bei 2.711 Hz ist der Schnittpunkt: Dort läuft die Biegewelle
genau so schnell wie der Luftschall, und beide Wellenlängen sind gleich
lang. Das ist die Koinzidenzgrenzfrequenz dieser Platte — dieselbe Zahl,
die die
Koinzidenzgrenzfrequenz auf
direktem Weg aus B' und m'' rechnet. Unterhalb dieser Zeile ist die
Biegewelle langsamer und kürzer als die Luftschallwelle, oberhalb
schneller und länger; genau an dieser Kante kippt das Abstrahlverhalten.
Teil 3 — die doppelte Dicke. Dieselbe Rechnung für 25 mm Gipskarton aus demselben Werkstoff. Dort ist m'' = 18,75 kg/m² und B' = 3.577 N·m, der Plattenfaktor also ⁴√(190,8) = 3,716 m/√s — genau das √2-Fache:
text f [Hz] c_B 12,5 mm c_B 25 mm 125 73,6 104,1 250 104,2 147,3 500 147,3 208,3 1.000 208,3 294,6 2.000 294,6 416,6
Die rechte Spalte ist die linke, um eine Zeile nach oben verschoben: Was die dünne Platte bei 250 Hz tut, tut die dicke schon bei 125 Hz. Die 25-mm-Platte erreicht die 343 m/s deshalb bereits bei 1.356 Hz statt bei 2.711 Hz — eine Oktave tiefer, mitten im Bereich der Sprachverständlichkeit. Die Planungsantwort darauf heißt: mehrere dünne Lagen, geschraubt statt verklebt. Vollflächig verklebte Lagen biegen sich gemeinsam und ergeben rechnerisch wieder die dicke Platte.
Teil 4 — eine Betondecke zum Vergleich. Eine 200 mm starke Decke (E = 3,0 · 10¹⁰ Pa, ρ = 2.300 kg/m³, ν = 0,20) kommt auf m'' = 460 kg/m² und B' = 2,08 · 10⁷ N·m, also auf einen Plattenfaktor von ⁴√(45.289) = 14,59 m/√s. Bei 100 Hz sind das:
text c_B = 14,59 · √( 2π · 100 ) = 14,59 · 25,07 = 365,7 m/s λ_B = 3,66 m gegenüber λ_Luft = 3,43 m
Die Decke ist damit schon bei 100 Hz schneller als die Luft; ihre Grenzfrequenz liegt bei rund 88 Hz. Praktisch das gesamte Hörspektrum liegt oberhalb davon, und die Decke strahlt in diesem ganzen Bereich wirksam ab. Ihre Dämmwirkung kommt also allein aus der Masse, die den Schall gar nicht erst in Bewegung setzt — die Biegewelle selbst läuft in einer Betondecke sehr schnell.
Verknüpfte Inhalte
Was Biegewellen sind, warum sie die einzige Wellenart mit nennenswerter
Kopplung an die Luft sind und wie stark die Plattendicke auf die
Biegesteifigkeit durchschlägt, steht im Eintrag zu den
Biegewellen — dort die Begründung, hier die
Rechnung. Die Frequenz, bei der c_B den Luftschall
einholt, rechnet die
Koinzidenzgrenzfrequenz; dort steht
auch die Biegesteifigkeit B'. Was beim Einholen physikalisch geschieht
und wie die Dämmkurve dabei aussieht, erklärt der
Koinzidenzeffekt. Die Wellenlänge aus
Geschwindigkeit und Frequenz behandelt die
Wellenlänge allgemein, die feste
Geschwindigkeit des Luftschalls die
Schallgeschwindigkeit. Wie viel eine
Wand über ihre Masse zurückhält, rechnet das
Massegesetz, und dieselbe Plattenbewegung in
gewollter Absicht nutzen der
Plattenschwinger und der
Flächenwandler. Wie stark Biegewellen beim
Laufen Energie verlieren, beschreibt der
Verlustfaktor; welche Wege
Körperschall im Gebäude nimmt, der
Körperschall.
Quellen
Die Dispersionsbeziehung der Biegewelle, das Verhältnis von Phasen- zu Gruppengeschwindigkeit und die Bedingung der dünnen Platte sind Standard der technischen Akustik und folgen der Darstellung bei Cremer und Heckl sowie bei Möser; die zugrunde liegende Plattenbiegetheorie stammt aus der Elastizitätstheorie des 19. Jahrhunderts.