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Fortgeschritten

Motion Flex — Air Flex Woofer und Wave Flex Drive Unit

Wie ist ein unsichtbarer Lautsprecher von Sonance konstruiert — und warum arbeitet er nicht wie eine einzige schwingende Platte?

Motion Flex ist der Name, unter dem Sonance seit 2020 die Konstruktion seiner überputzbaren Lautsprecher zusammenfasst. Der Kern ist eine Aufteilung: Die Fläche, die später unter Spachtel und Farbe verschwindet, besteht aus zwei akustisch voneinander getrennten Zonen, und diese beiden Zonen erzeugen Schall auf völlig verschiedene Weise. Oben eine Membran, die als Biegewellenplatte arbeitet und Mitten und Höhen abdeckt; darunter eine große steife Fläche, die von einem Konustreiber über ein eingeschlossenes Luftpolster kolbenförmig bewegt wird. Wie ein überputzbarer Lautsprecher geplant, eingebaut und verputzt wird, steht bei den unsichtbaren Lautsprechern. Hier geht es um das Innere.

Ein Lautsprecher, der in der Wand verschwindet, hat ein Problem: Er muss flach sein, und flache Dinge machen keinen Bass. Sonance löst das so, dass die Wandfläche zwei Aufgaben gleichzeitig übernimmt. Ein Teil der Fläche zittert fein und macht daraus Stimmen und Höhen. Der andere Teil wird von hinten über ein Luftkissen angeschoben und bewegt sich als Ganzes vor und zurück — das gibt den Bass. Damit sich die beiden nicht gegenseitig stören, sitzt zwischen ihnen eine Trennung. Für Dich heißt das: aus einer Wand, in der nichts zu sehen ist, kommt trotzdem mehr als nur Hintergrundmusik.

Warum flache Bauform und Tiefton einander im Weg stehen

Ein Lautsprecher erzeugt tiefe Töne über verschobenes Luftvolumen, und dieses Volumen ist das Produkt aus Membranfläche und Hub. Ein überputzbarer Wandler hat beim Hub kaum Spielraum: Er sitzt unter einer Schicht Spachtelmasse, die mitschwingen muss und bei jedem Millimeter zusätzlicher Auslenkung reißt. Nach oben begrenzt ihn außerdem die Wandstärke — bei den Invisible-Modellen 68 Millimeter Einbautiefe, was in eine gewöhnliche Trockenbauwand passt und sonst nichts hergibt.

Bleibt die Fläche. Und genau dort setzt der reine Flächenwandler an, wie ihn der Eintrag zu Flächenwandlern und DML beschreibt: Eine Platte wird bewusst in vielen verteilten Eigenformen angeregt und strahlt über ihre ganze Ausdehnung ab. Das ergibt die sehr breite Abstrahlung, für die diese Bauart bekannt ist — und es erklärt zugleich, warum ihr der Tiefton fehlt. Eine dünne Platte, die sich örtlich durchbiegt, verschiebt in der Summe wenig Luft, weil sich benachbarte Bereiche gegenläufig bewegen und ihre Beiträge teilweise auslöschen.

Der übliche Ausweg ist ein zweiter Lautsprecher im Raum, der den Tiefton übernimmt. Motion Flex versucht stattdessen, beide Aufgaben in derselben Fläche unterzubringen.

Wie die beiden Zonen arbeiten

Die Wave Flex Drive Unit ist der obere Teil. Sonance beschreibt sie als Biegewellenmembran mit einer 44 Millimeter großen Schwingspule; die aktive Fläche misst 127 Quadratzentimeter beim IS6 und 188 beim IS8 und IS10. Sie deckt Mitten und Höhen in einem einzigen Wandler ab, es gibt also keinen separaten Hochtöner. Das Prinzip dahinter — eine Platte, in der Biegewellen laufen und die deshalb über einen sehr weiten Winkel abstrahlt — ist herstellerneutral und im Glossar beschrieben. Sonance verwendet es und beansprucht es nicht als eigene Erfindung.

Der Air Flex Woofer ist der interessantere Teil, weil er das Problem von oben anders angeht. Ein Konustreiber aus Karbonfaser — je nach Modell 165, 203 oder 254 Millimeter — sitzt hinter der Wand und arbeitet gegen ein eingeschlossenes Luftpolster. Dieses Luftpolster überträgt seine Bewegung auf eine große, absichtlich steife Membranfläche, die Sonance als Air-Pulse-Membran führt und die 633, 1234 beziehungsweise 1573 Quadratzentimeter misst. Der Konus bewegt damit nicht unmittelbar die Luft im Raum, sondern eine Fläche, die rund drei- bis viermal so groß ist wie die Kreisfläche seines Nenndurchmessers — und weil die schwingende Konusfläche kleiner ausfällt als dieser Nenndurchmesser, liegt das Verhältnis in Wahrheit noch etwas höher. Weil diese Fläche steif ausgelegt ist, bewegt sie sich als Ganzes und nicht in Eigenformen — sie ist ein Kolben und kein Flächenwandler. Was diese Anordnung technisch bewirkt, beschreibt der Eintrag zum Strahlungswiderstand: Eine kleine Membran greift im Tiefton schlecht in die Luft, eine große greift besser. Das eingeschlossene Luftpolster überträgt die Bewegung des kleinen Konus auf die große Fläche und verbessert damit den Griff, ohne dass der Konus selbst wachsen müsste. Das ist der Grund, warum die Frequenzgangangaben bis 35 Hertz hinunterreichen und nicht dort aufhören, wo ein reiner Biegewellenwandler aufhört.

Die akustisch entkoppelte Schallwand ist die Trennung dazwischen. Ihre Aufgabe beschreibt der Hersteller als Fernhalten der Biegebewegung von der Kolbenbewegung: Was die obere Zone an Wellen über ihre Platte schickt, soll die untere Fläche nicht erreichen und umgekehrt. Ohne diese Trennung säßen zwei Antriebe mit unvereinbaren Bewegungsformen auf demselben Bauteil, und die Biegewellen der einen liefen als Störung durch die Membran der anderen.

Was daraus für die Wiedergabe folgt

Die Zweiteilung wirkt sich zuerst auf die Abstrahlung aus. Sonance gibt für die vollbereichigen Modelle 170 Grad hemisphärische Abstrahlung bis 10 Kilohertz an, für den IS10W als reinen Tieftöner ohne Wave Flex Drive Unit 180 Grad ohne Frequenzangabe. Was diese Zahlen wert sind und wo sie enden, ordnet die Weichenseite unter CDX ein — dort entscheidet sich, wie der Übergang zwischen den beiden Zonen gelegt ist.

ModellFrequenzgang (±3 dB)KennschalldruckBelastbarkeit
IS650 Hz – 30 kHz84 dB100 W
IS840 Hz – 30 kHz86 dB160 W
IS1035 Hz – 30 kHz87 dB200 W
IS10W (Tieftöner)35 – 250 Hz87 dB200 W

Kennschalldruck zwischen 84 und 87 Dezibel ist für Lautsprecher dieser Membranfläche zurückhaltend, und die Nennimpedanz liegt bei 6 Ohm. Beides zusammen heißt: Der Pegel kommt aus der Endstufe und nicht aus dem Wirkungsgrad. Sonance begrenzt entsprechend auf höchstens zwei Geräte parallel an einem Verstärkerkanal und baut in jeden vollbereichigen Lautsprecher zwei selbstrückstellende Polyfuses ein, eine je Wandler. Die Begründung dafür ist bemerkenswert und steht so in der Anleitung: Bei einem gewöhnlichen Lautsprecher nimmt Überlastung das Gerät mit, bei einem eingeputzten die Oberfläche gleich mit.

Voraussetzungen

Wandaufbau. Die Modelle sind für 12,5 und 15 Millimeter Gipskartonplatte ausgelegt, Ausgleichsscheiben für beide Stärken liegen bei. Die Rückseite ist 241 Millimeter breit, damit der Lautsprecher auch zwischen Ständer im Abstand von 305 Millimetern passt. Die Einbautiefe beträgt 68 Millimeter; ohne Gehäuse verlangt Sonance rund 70 Millimeter freien Raum, mit Schallschutzgehäuse rund 90.

Verstärkung. Die hauseigenen DSP-Endstufen bringen Presets mit, die nach Finish-Art und Finish-Dicke unterscheiden. Für die Tieftonmodelle schreibt Sonance sie vor, für die vollbereichigen empfiehlt er sie. Wer fremd verstärkt, soll die Endstufe so wählen, dass ihre Dauerleistung die Belastbarkeit des Lautsprechers nicht überschreitet — die umgekehrte Reihenfolge zur sonst üblichen Reserveregel, und aus demselben Grund wie die Polyfuses.

Oberfläche. Nur flexible Materialien: langsam abbindende Leichtspachtel, Tapete, Vinyl- oder Holzfurnier mit 0,5 Millimeter Stärke und Papierrücken, Venezianer auf Acrylbasis. Ausgeschlossen sind Schnellbinder, echter Kalkglätteputz, Stuck, Fliesen, Steinfurnier und Metall. Die Gesamtdicke über der aktiven Fläche zielt auf 1,0 bis 1,5 Millimeter und darf 3 Millimeter nie überschreiten. Gemessen wird das mit dem D.I.S.C.-System.

Umgebung. Kein Außenbereich, keine direkte Hitze- oder Feuchteeinwirkung. Nur die Modelle mit dem Zusatz T sind für Plenumräume nach UL 2043 zugelassen.

Abgrenzung

Gegen den reinen Flächenwandler. Der Wissensbeitrag zu unsichtbaren Lautsprechern ordnet überputzbare Modelle dem Distributed-Mode-Prinzip zu und hält ausdrücklich offen, dass einzelne Systeme mit Mischformen aus Flächenanregung und klassischem Antrieb arbeiten. Motion Flex ist genau so ein Fall, und zwar nicht als Nebenaspekt: Der gesamte Tieftonbereich kommt hier aus einem Kolbenschwinger. Wer die Bauart pauschal als DML beschreibt, beschreibt bei diesen Modellen nur die obere Hälfte.

Gegen Einbaulautsprecher mit Blende. Dort sitzt ein gewöhnlicher Konus- und Kalottenaufbau hinter einem Gitter. Die Bauform ist sichtbar, das Wirkprinzip aber unverändert das eines Kolbenschwingers mit definiertem Gehäusevolumen. Motion Flex gibt beides auf und ersetzt es.

Gegen die Weichenauslegung. Wie die beiden Zonen im Signal getrennt werden, ist eine eigene Frage und steht unter CDX. Motion Flex ist der Name für die Wandler, CDX der für ihre Übergabe.

Gegen die Einbaukalibrierung. D.I.S.C. misst die Schichtdicke über der fertigen Fläche und gehört zur Bauabnahme. Es ist kein Bestandteil des Wandlers und keine Raumkorrektur.

Grenzen

Der Tiefton reicht weiter als bei einem Flächenwandler, aber nicht weit genug. 35 Hertz beim größten Modell ist eine Herstellerangabe ohne Angabe des zugehörigen Pegels. Für Heimkino verlangt Sonance selbst einen Subwoofer und ein Hochpassfilter bei 80 Hertz auf den unsichtbaren Kanälen.

Der Pegel hat eine harte Obergrenze, und sie ist sichtbar. Löst eine Polyfuse aus, war zu viel Leistung im Spiel. Sonance nennt Risse im Finish als typische Folge dauerhaften Überfahrens — die Reparatur betrifft dann die Wand und nicht das Gerät.

Die Oberfläche bleibt Teil des Lautsprechers. Jede Schicht über der aktiven Fläche verändert Masse und Steifigkeit des schwingenden Systems. Das folgt unvermeidlich daraus, dass die Fläche selbst abstrahlt, und es ist der Grund, warum ein Messverfahren für die Schichtdicke überhaupt zum Produkt gehört.

Die Belegkette endet an der Wirkung. Aufbau, Flächen, Materialien und Kennwerte sind dokumentiert. Warum die Luftkopplung des Air Flex Woofer besser arbeiten soll als ein direkt abstrahlender Flachtreiber gleicher Fläche, steht nirgends — weder als Herleitung noch als Messung.

Verknüpfte Inhalte

Planung, Bauablauf und Schallschutz überputzbarer Lautsprecher stehen unter unsichtbare Lautsprecher. Das Prinzip der oberen Zone erklären Flächenwandler und DML sowie Biegewellen. Die Signalaufteilung zwischen den Zonen steht unter CDX, die Prüfung der Putzschicht unter D.I.S.C.. Warum der Tiefton eine eigene Quelle verlangt, ordnet Subwoofer ein. Zur Marke selbst führt Sonance.

Quellen

Aufbau, Membranflächen, Bestückung, Kennwerte, Einbaumaße und sämtliche Installationsvorgaben stammen aus der Einbauanleitung der Invisible Series mit Stand 12. Oktober 2020, die die Modelle IS6, IS8, IS10 und IS10W abdeckt. Die Modell- und Datenangaben zu den seither hinzugekommenen Ausführungen — den 70-Volt-Modellen sowie den größeren Tieftonmodellen — stammen von den Produktseiten des Herstellers, geprüft am 18. August 2026. Die Funktionsbeschreibung der akustisch entkoppelten Schallwand ist nur über einen Fachpressebericht belegt und in dieser Ausführlichkeit in keinem Herstellerdokument enthalten. Sämtliche Wirkungsaussagen sind Herstellerangaben; eine Messung liegt weder vom Hersteller noch von dritter Seite vor.

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