Inhalt anzeigen
- Tiefe
- Fortgeschritten
Aufdrehlänge bei der Terminierung symmetrischer Datenkabel
Wie weit darf die Verdrillung eines Aderpaars beim Anschließen aufgedreht werden — und was passiert, wenn es mehr ist?
Um ein Aderpaar anzuschließen, müssen seine beiden Adern auseinander — sie gehen auf zwei verschiedene Kontakte. Der Abschnitt, auf dem sie dafür nicht mehr umeinander gedreht sind, heißt Aufdrehlänge. Die ANSI/TIA-568-Reihe begrenzt ihn ab Kategorie 5e auf 13 Millimeter, also einen halben Zoll, gemessen von der letzten Verdrillung bis zur Stelle, an der der elektrische Kontakt entsteht.
In einem Netzwerkkabel sind immer zwei Drähte umeinander gewickelt, und genau das macht das Kabel störfest. Zum Anschließen musst Du sie ein Stück weit auseinanderdrehen — anders bekommst Du sie nicht auf ihre Kontakte. Auf diesem Stück fehlt der Schutz. Erlaubt sind gut ein Zentimeter, und das ist knapp bemessen. Wer großzügiger arbeitet, weil es sich bequemer steckt, macht aus einer sauberen Strecke eine, die bei Gigabit vielleicht noch läuft und bei der nächsten Ausbaustufe nicht mehr. Man sieht dem fertigen Stecker das nicht an — deshalb ist dieser Handgriff der Punkt, an dem sich gute von schlechter Montage unterscheidet.
Ausführliche Erklärung
Auf der aufgedrehten Strecke passieren drei Dinge gleichzeitig, und alle drei wirken in dieselbe Richtung.
Erstens verliert das Paar seine Symmetrie. Solange die Adern verdrillt laufen, nehmen sie abwechselnd dieselbe Lage zur Umgebung ein und werden von jedem Feld praktisch gleich getroffen. Zwei parallel liegende Adern tun das nicht. Was hier einkoppelt, landet als Differenz zwischen den Adern — und damit im Nutzsignal, wo es der Empfänger nicht mehr aussortieren kann. Umgekehrt strahlt der Abschnitt auch selbst ab und koppelt in die Nachbarpaare.
Zweitens ändert sich der Wellenwiderstand. Er hängt an der Geometrie: Aderabstand, Isolationsdicke, Umgebung. Ein aufgedrehter Abschnitt hat einen anderen Abstand und damit eine andere Impedanz als das Kabel davor. Jeder Impedanzsprung reflektiert einen Teil des Signals zurück, und das verschlechtert die Rückflussdämpfung — eine Prüfgröße, an der Strecken regelmäßig scheitern, ohne dass jemand ein Kabel beschädigt hätte.
Drittens steigt das Nahnebensprechen. Alle vier Paare enden im selben Steckverbinder, und im aufgedrehten Bereich liegen ihre Adern nebeneinander, ohne dass die Verdrillung die Kopplung noch ausmittelt. Nahnebensprechen ist die Größe, die auf kurzen Strecken zuerst durchfällt — und kurze Strecken sind im Wohnbau die Regel. Das erklärt einen Befund, der zunächst widersinnig wirkt: Eine drei Meter lange Verbindung fällt in der Abnahme durch, eine achtzig Meter lange besteht. Auf drei Metern macht die Terminierung den ganzen Fehler aus, weil es sonst fast nichts gibt, was ihn verdünnen könnte.
Warum 13 Millimeter und nicht zwanzig
Der Wert ist die Umrechnung eines halben Zolls und deshalb im Metrischen so krumm. Er stammt aus der amerikanischen Verkabelungsnormung, gilt dort ab Kategorie 5e und wurde für die höheren Kategorien nicht weiter verschärft — auch Kategorie 6A und 8 arbeiten mit demselben Maß.
Das überrascht auf den ersten Blick, weil die Anforderungen an Nebensprechen und Rückflussdämpfung mit jeder Kategorie steigen. Aufgefangen wird das über die Bauform der Anschlussmodule statt über ein schärferes Maß: Moderne Module führen die Adern bis unmittelbar an die Schneidklemme in vorgegebenen Bahnen, kompensieren das Nebensprechen im Modul selbst und lassen dem Monteur gar keinen Spielraum mehr, weiter aufzudrehen. Bei älteren Bauformen und bei Steckern zum Selbstkonfektionieren liegt dieser Spielraum dagegen vollständig in der Hand des Monteurs.
Für Kategorien unterhalb 5e — also die alte Telefonverkabelung — galten großzügigere Maße. Sie sind für die Gebäudetechnik ohne Bedeutung, weil dort heute nichts Neues mehr in diesen Kategorien entsteht.
Aufdrehlänge ist nicht Mantelabsetzlänge
Die beiden Maße werden dauernd verwechselt, und die Verwechslung ist teuer, weil sie in die falsche Richtung führt.
Die Mantelabsetzlänge ist die Strecke, auf der die Außenhülle des Kabels entfernt wurde. Sie muss so lang sein, dass die Adern die Kontakte erreichen — bei einem Aufputzmodul sind das gut und gern drei Zentimeter. Innerhalb dieser Strecke bleiben die Paare aber verdrillt; sie werden erst kurz vor ihrem jeweiligen Kontakt geöffnet.
Die Aufdrehlänge ist die Strecke, auf der die Verdrillung eines einzelnen Paars aufgehoben ist. Sie ist immer kürzer als die Mantelabsetzlänge, und die 13 Millimeter beziehen sich ausschließlich auf sie.
Wer beide gleichsetzt, kommt zu dem Schluss, er müsse den Mantel bis auf gut einen Zentimeter an die Klemme heranführen — und dreht dann alle vier Paare gemeinsam auf ganzer Länge auf, um sie sortieren zu können. Das Ergebnis ist genau der Fehler, den die Regel verhindern soll. Die richtige Reihenfolge lautet: Mantel großzügig absetzen, Paare verdrillt sortieren und in ihre Bahnen legen, und erst am Kontakt das einzelne Paar öffnen.
Häufiges Missverständnis
„Die Verbindung funktioniert, also stimmt sie." Das ist bei diesem Fehler die gefährlichste Annahme, weil sie fast immer zutrifft — und zwar für eine Weile. Eine Strecke mit vier Zentimetern Aufdrehlänge überträgt hundert Megabit tadellos und Gigabit meistens auch, weil Gigabit-Ethernet mit erheblicher Fehlerkorrektur arbeitet. Sichtbar wird der Fehler an drei Stellen: in der Zertifizierungsmessung, bei einem Wechsel auf schnellere Verfahren, und bei Fernspeisung mit hoher Leistung, wo die Erwärmung die Verhältnisse zusätzlich verschiebt. Alle drei kommen erst Jahre nach der Montage — wenn niemand mehr weiß, wer die Dosen aufgelegt hat.
Ein zweiter Irrtum steckt in der Frage der Vermeidbarkeit. Es gibt keine Terminierung mit Aufdrehlänge null: Zwei Adern, die auf zwei verschiedenen Kontakten enden, müssen sich irgendwo trennen. Die Regel verlangt eine Obergrenze und keine Perfektion. Wer sie als Idealforderung liest, hält sie für unerfüllbar und ignoriert sie ganz.
Nicht zu verwechseln mit
- Mantelabsetzlänge: Wie weit die Außenhülle entfernt wurde. Länger und harmloser, solange die Paare darin verdrillt bleiben.
- Abisolierlänge: Wie weit die Isolation einer einzelnen Ader entfernt wurde. Bei Schneidklemmen entfällt sie ganz, weil die Klemme die Isolation selbst durchtrennt.
- Schlaglänge: Der Abstand zwischen zwei Verdrillungen im ungestörten Kabel. Eine Konstruktionsgröße des Herstellers, kein Montagemaß.
- Gespaltenes Paar: Ein Verdrahtungsfehler, bei dem Adern aus zwei verschiedenen Paaren zusammengeschaltet werden. Er sieht in der Durchgangsprüfung korrekt aus und fällt erst im Nebensprechen auf — dieselbe Symptomatik, andere Ursache.
Typischer Fehler
Bei einer Nachrüstung werden zwölf Netzwerkdosen in einem bewohnten Haus gesetzt. Die Wege sind kurz, die meisten Strecken liegen unter zehn Metern. In der Abnahme fallen fünf davon beim Nahnebensprechen durch, und ausgerechnet die kürzeste ist die schlechteste.
Zu entscheiden ist zuerst, ob der Fehler in der Strecke oder an ihren Enden sitzt. Die Verteilung gibt die Antwort schon vor: Sitzt ein Fehler im Kabel, verschlechtert er sich mit der Länge. Wird eine kurze Strecke schlechter als eine lange, sind die Enden verdächtig — und dort gibt es nur eine Handvoll möglicher Ursachen.
Gearbeitet wird deshalb mit dem Schraubendreher, nicht mit dem Kabelkatalog: Eine der durchgefallenen Dosen wird geöffnet und die Aufdrehlänge nachgesehen; ein Blick genügt, weil vier Zentimeter neben gut einem sofort auffallen. Danach werden die betroffenen Anschlüsse neu aufgelegt — Mantel großzügig absetzen, Paare verdrillt bis an ihre Bahn führen, einzeln öffnen, klemmen — und nachgemessen. Erst wenn die Werte danach stehen bleiben, war es die Terminierung; bleiben sie schlecht, geht es um Modulqualität oder um eine Beschädigung im Kabelweg.
Die Gerätewahl ist hier ohne Belang. Kein Switch gleicht ein zu weit geöffnetes Paar aus, und ein besseres Rangierkabel verschiebt das Problem nur.
Verknüpfte Inhalte
Warum die Verdrillung überhaupt schützt, steht bei Twisted Pair; was auf der offenen Strecke verloren geht, beim Nebensprechen und bei TCL. Warum Impedanzsprünge zählen, behandelt die Rückflussdämpfung; welche Anschlusstechnik am anderen Ende der Ader sitzt, die Schneidklemmtechnik.
Quellen
Der Grenzwert von 13 Millimetern und seine Geltung ab Kategorie 5e sind in zwei voneinander unabhängigen Fachdarstellungen übereinstimmend genannt, eine davon mit Angabe der Abschnittsnummer in TIA-568-B.1. Der Normtext selbst wurde nicht eingesehen; der Vorbehalt oben gilt für den Wert wie für die Fundstelle. Die Wirkungsbeschreibung — Symmetrieverlust, Impedanzsprung, Nahnebensprechen — folgt aus dem Leitungsaufbau und ist in den Einträgen zu den jeweiligen Größen hergeleitet.