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Aderendhülse und Anschlussvorbereitung feindrähtiger Leiter

Wann braucht ein feindrähtiger Leiter eine Aderendhülse — und warum ist Verzinnen keine Alternative?

Eine Aderendhülse ist ein dünnwandiges Metallröhrchen, das über das abisolierte Ende einer feindrähtigen Ader geschoben und mit einer Crimpzange verpresst wird. Danach ist aus einem Bündel beweglicher Einzeldrähte ein formstabiler Zylinder geworden, den eine Klemme fassen kann wie einen Massivleiter. Die Maße und Ausführungen stehen in DIN 46228: Teil 1 und 2 führen die unisolierten Ausführungen, Teil 4 die isolierten mit Kunststoffkragen, in der Ausgabe von 2020 für Querschnitte von 0,5 bis 50 mm².

Ein flexibles Kabel besteht aus vielen haardünnen Drähtchen. Klemmst Du das so, wie es ist, unter eine Schraube, dann quetscht die Schraube das Bündel breit, ein paar Drähtchen rutschen seitlich heraus, und der Rest bricht mit der Zeit an der Kante ab. Die Aderendhülse ist ein kleines Metallröhrchen, das über das Drahtende gepresst wird und alles zusammenhält. Danach ist das Ende fest wie ein einzelner Draht. Das Verzinnen von Kabelenden, das man früher gemacht hat, sieht ähnlich aus und ist es nicht: Lötzinn gibt unter Druck langsam nach, und die Klemme wird von selbst locker.

Ausführliche Erklärung

Feindrähtige Leiter — die Klassen 5 und 6 der Leiternormung — sind für Bewegung gebaut. Ihre vielen dünnen Einzeldrähte können sich gegeneinander verschieben, und genau das macht sie biegsam. Unter einer Klemmkraft wird dieselbe Eigenschaft zum Problem, weil das Bündel unter Druck auch seitlich ausweichen kann.

Drei Schadensbilder folgen daraus, und sie treten selten einzeln auf. Erstens entkommen einzelne Drähte dem Klemmbereich und stehen frei neben der Klemme — im schlechtesten Fall bis zum Nachbarkontakt. Zweitens sinkt die tatsächlich klemmende Querschnittsfläche, weil nur ein Teil der Drähte Druck bekommt; der Übergangswiderstand steigt, und die Stelle erwärmt sich. Drittens brechen Einzeldrähte an der Klemmkante, sobald das Kabel bewegt wird, und der Querschnitt nimmt über die Jahre weiter ab.

Die Hülse beseitigt alle drei, weil sie das Bündel schon vor dem Klemmen zusammenfasst: Die Crimpung presst die Einzeldrähte gegeneinander und gegen die Hülsenwand, und die Klemme greift danach ein geschlossenes Metallteil.

Wann sie gebraucht wird — und wann nicht

Die Antwort steht nicht am Kabel, sondern an der Klemme:

AnschlusstechnikFeindrähtiger LeiterWas daraus folgt
SchraubklemmeHülse erforderlichDie Schraube drückt punktuell und verformt das Bündel. Ohne Hülse ist der Fehler vorprogrammiert, und zwar zeitverzögert — die Verbindung ist bei der Abnahme in Ordnung.
Federzug- und Push-in-Klemmeje nach FreigabeViele dieser Klemmen sind ausdrücklich für blanke Litze zugelassen, weil die Feder flächig drückt. Push-in-Bauformen verlangen dagegen oft eine Hülse, weil sich blanke Litze nicht in die Öffnung schieben lässt. Die Freigabe steht im Datenblatt.
SchneidklemmeHülse unzulässigDie Klemme lebt davon, sich in das Kupfer zu pressen. Eine Hülse vergrößert den Durchmesser, ist weicher und verhindert genau diese Verformung.
Bolzen mit MutterKabelschuh statt HülseHier braucht es eine Ringöse oder Gabel; die Hülse hat keine Auflagefläche.

Bei einem eindrähtigen Leiter ist die Hülse in jedem dieser Fälle überflüssig. Er ist bereits formstabil, und die Hülse fügt nur eine weitere Übergangsstelle hinzu.

Das Verzinnen und warum es verschwunden ist

Vor der Verbreitung der Aderendhülse war es üblich, Litzenenden mit Lötzinn zu tränken. Das Ergebnis sieht der Hülse ähnlich: ein formstabiles, glänzendes Ende, das sich sauber klemmen lässt. Der Unterschied liegt im Werkstoff. Lot ist ein weiches Metall mit niedrigem Schmelzpunkt, und solche Werkstoffe kriechen unter dauerhafter Last — sie geben über Monate langsam nach, ohne dass sich etwas erwärmt oder bewegt. Die Klemmkraft der Schraube sinkt entsprechend, der Übergangswiderstand steigt, die Stelle erwärmt sich, und die Erwärmung beschleunigt den Vorgang.

Dieser Mechanismus heißt Kaltfluss, und er ist der Grund, warum verzinnte Litzenenden in Schraubklemmen als nicht mehr zulässig gelten. Für eine Verbindung, die Leistung führt — eine Lautsprecherklemme, eine Zuleitung, eine Endstufenklemme —, ist das keine akademische Frage: Der klassische Befund einer angeschmorten Klemmstelle nach Jahren hat hier seine häufigste Ursache.

Handwerkliche Maße

Drei Angaben entscheiden über die Qualität, und alle drei sind einfach:

  • Abisolierlänge so wählen, dass der Leiter die Hülse ausfüllt und vorn bündig abschließt oder minimal übersteht. Zu kurz heißt weniger Crimpfläche, zu lang heißt blankes Kupfer vor der Hülse.
  • Isolation nicht mitcrimpen. Sie gehört bis an den Kragen der Hülse heran, nicht hinein — sonst klemmt die Crimpung Kunststoff statt Kupfer.
  • Passendes Crimpprofil. Vierkant, Trapez und Sechskant erzeugen verschiedene Geometrien; die Zange muss zur Hülsenreihe passen, und die Größe der Hülse zum Querschnitt. Eine zu große Hülse lässt sich verpressen und hält nicht.

Häufiges Missverständnis

„Aderendhülse ist immer richtig, schaden kann sie nie." Sie schadet an zwei Stellen sehr wohl. In einer Schneidklemme macht sie die Verbindung kaputt, weil sie das Wirkprinzip aushebelt. Und in einer Klemme, die für blanke Litze freigegeben ist, kann eine zu große oder falsch verpresste Hülse die Kontaktfläche verkleinern statt vergrößern — die Feder ist auf den Leiterquerschnitt ausgelegt, nicht auf ein Zubehörteil.

Ebenso verbreitet ist die Gleichsetzung von Hülse und Querschnitt. Eine Hülse für 2,5 mm² gehört an einen Leiter mit 2,5 mm², und die Zange gehört auf dieselbe Größe eingestellt. Wer eine größere Hülse nimmt, weil die kleinere schwer aufzuschieben war, hat ein Röhrchen mit Luft darin verpresst; es hält beim ersten Zug und danach nicht mehr.

Nicht zu verwechseln mit

  • Kabelschuh: Ringöse oder Gabelform für Schraubbolzen. Andere Bauform, anderer Einsatzort, ebenfalls gecrimpt.
  • Stoßverbinder: Verbindet zwei Adernenden miteinander. Eine Aderendhülse verbindet nichts, sie bereitet ein Ende vor.
  • Verzinntes Litzenende: Sieht so aus, wirkt nicht so, und in Schraubklemmen gilt es als nicht mehr zulässig.
  • Schneidklemme: Ganz andere Anschlusstechnik, in der die Hülse ausgeschlossen ist.

In der Planung

Ein Multiroom-Ausbau bekommt zwölf Zonen über eine Mehrkanal-Endstufe mit Schraubklemmen. Die Lautsprecherleitungen sind feindrähtig ausgeführt, weil sie über Kabelbrücken und um Ecken geführt werden, und liegen bei 2,5 mm².

Schau zuerst, welche Anschlusstechnik am Gerät sitzt und was sie für den gewählten Leiter verlangt. Sie kommt vor der Materialliste, denn sie entscheidet mit, ob überhaupt feindrähtig verlegt wird — gäbe es keinen Grund für die Flexibilität, wäre eindrähtig hier die einfachere Antwort.

Damit steht die Materialliste. Es werden isolierte Aderendhülsen der passenden Größe beschafft, die Abisolierlänge wird an der Hülsenlänge ausgerichtet, und es wird mit einer Zange gearbeitet, deren Profil zur Hülsenreihe gehört. Bei vierundzwanzig Enden lohnt sich das Einstellen der Zange einmal am Anfang statt nachträglich an einer angeschmorten Klemme. Und weil dieselben Klemmen später einmal geöffnet werden, wird die Zuleitung mit etwas Reserve verlegt: Ein Ende, das schon zweimal abgezwickt wurde, verliert irgendwann die Länge für einen neuen Crimp.

Die Gerätewahl ist an dieser Stelle bereits gefallen und ändert nichts mehr. Interessant an ihr bleibt nur eine Prüfung: Sind die Endstufenklemmen für Aderendhülsen freigegeben, oder verlangen sie blanke Litze? Beides kommt vor, und die Antwort steht im Handbuch.

Verknüpfte Inhalte

Den unterschiedlichen Aufbau feindrähtiger und eindrähtiger Leiter erklären Massivleiter und Litze; wie Querschnitte bezeichnet werden, bei Leiterquerschnitt und AWG. Welche Klemmen im AV-Bereich vorkommen, behandeln Euroblock und Terminalklemmen und die Lautsprecheranschlüsse; die Anschlusstechnik, in der die Hülse ausgeschlossen ist, die Schneidklemmtechnik.

Quellen

Die Norm DIN 46228 gliedert die Aderendhülsen in unisolierte und isolierte Ausführungen; Teilegliederung und die Querschnittsspanne der Ausgabe 2020-03 stammen aus Herstellerkatalogen und einer Hersteller-Normmitteilung. Der Kaltfluss verzinnter Litzenenden und die daraus abgeleitete Unzulässigkeit in Schraubklemmen sind über eine Fachdarstellung belegt, mit dem oben genannten Vorbehalt zur Normfundstelle.

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