Inhalt anzeigen
- Tiefe
- Fortgeschritten
Leerrohr als Planungsgröße
Wie muss ein Leerrohr geplant sein, damit sich die Leitung darin in zehn Jahren wirklich noch tauschen lässt?
Ein Leerrohr ist keine Hülle für ein Kabel. Es ist eine Zusage: Was hier liegt, kommt später wieder heraus und lässt sich durch etwas anderes ersetzen. In der Elektroinstallation von Wohngebäuden ist genau das der Zweck — DIN 18015-1 verlangt, dass Leitungen im Rohr auswechselbar installiert werden.
Diese Zusage ist erstaunlich leicht zu verlieren. Ein Rohr, das zu eng ist, zu viele Bögen hat, zu voll liegt oder dessen Enden nach dem Innenausbau niemand mehr erreicht, sieht auf dem Plan aus wie ein Leerrohr und verhält sich wie eine Wand. Der Unterschied fällt erst auf, wenn nach acht Jahren der Projektor getauscht wird und das neue Kabel einen dickeren Steckerkopf hat.
Ein Leerrohr ist ein leerer Schlauch in der Wand oder in der Decke. Durch ihn wird das Kabel gezogen — und genau darum geht es: Er soll dafür sorgen, dass Du das Kabel später austauschen kannst, ohne die Wand aufzustemmen. Damit das klappt, muss der Schlauch dick genug sein, darf nicht zu viele Kurven machen und beide Enden müssen später noch erreichbar sein. Wird eine dieser drei Sachen vergessen, liegt zwar ein Rohr in der Wand, aber Du bekommst nie wieder etwas hindurch.
Rohr, Kanal, Trasse: drei verschiedene Dinge
Umgangssprachlich wandern die drei Begriffe durcheinander, in der Planung haben sie verschiedene Aufgaben.
Ein Elektroinstallationsrohr ist ein geschlossenes Profil, durch das gezogen wird. Es schützt die Leitung und hält den Weg frei. Der Installationskanal ist offen und wird eingelegt statt eingezogen — bequemer beim Bauen, aber ohne die Zusage der Austauschbarkeit über eine verschlossene Strecke hinweg. Die Trasse schließlich ist die übergeordnete Führung, auf der Rohre und Kanäle liegen; sie entscheidet darüber, welche Signalgruppen nebeneinander laufen dürfen — nachzulesen bei den Kabelwegen und der EMV-Trennung.
Was ein Rohr aushält, steht in DIN EN 61386-1. Die Norm ordnet Rohrsysteme über einen fünfstelligen Code ein, und jede Stelle steht für eine Eigenschaft:
| Stelle | Eigenschaft | Stufen |
|---|---|---|
| 1 | Druckfestigkeit | 125 N (sehr leicht) bis 4.000 N (sehr schwer) |
| 2 | Schlagfestigkeit | 0,5 kg aus 100 mm bis 6,8 kg aus 300 mm |
| 3 | Mindesttemperatur | +5 °C bis −45 °C |
| 4 | Höchsttemperatur | +60 °C bis +400 °C |
| 5 | Biegeverhalten | starr, biegsam, selbst zurückbildend, flexibel |
Welche Mindestklassen an welchem Verlegeort gefordert sind, regelt DIN VDE 0100-520 — für die Verlegung im Beton etwa mittlere Druckfestigkeit und mittlere Schlagfestigkeit. Für die Planung ist weniger der Code selbst wichtig als die Erkenntnis dahinter: Ein Rohr ist ein Bauteil mit Eigenschaften und keine Ware nach Meter.
Die fünf Größen, an denen Austauschbarkeit hängt
Der Innendurchmesser wird gegen den Steckerkopf gerechnet, nicht gegen das Kabel. Das ist der Punkt, an dem die AV-Technik von der Elektroinstallation abweicht. Eine Mantelleitung hat keinen Stecker; ein konfektioniertes optisches HDMI-Kabel hat einen, und durchgezogen wird der Kopf. Dass die Faser dünn ist, hilft dabei nicht. DIN 18015-1 fordert für Telekommunikationsleitungen ein eigenes Rohr von mindestens 25 mm — als Mindestmaß für die Datenleitung, nicht als Maß für eine Strecke, durch die später ein Steckerkopf soll.
Bögen zählen mehr als Meter. Die Kraft, die beim Einziehen nötig wird, wächst mit dem Umschlingungswinkel nicht proportional, sondern exponentiell — dieselbe Gesetzmäßigkeit, die einen Poller am Kai mit zwei Schlägen Tau hält. Leonhard Euler löste das Problem in den 1760er-Jahren, bekannt wurde die Formel durch Johann Albert Eytelwein, Mitbegründer der Berliner Bauakademie, der sie 1808 in sein Handbuch aufnahm. Praktisch heißt das: Jeder weitere Bogen vervielfacht die nötige Kraft, statt sie um einen festen Betrag zu erhöhen — nach vier Bögen ist sie ein Mehrfaches dessen, was dieselbe Strecke gerade gekostet hätte. DIN 18015-1 zieht daraus die Konsequenz und begrenzt eine Strecke mit Richtungsänderungen auf 15 Meter.
Der Füllgrad ist eine Zahl, keine Einschätzung. Nach DIN 18015-1 darf ein Rohr bei Einzeladern zu höchstens einem Drittel, bei Mantelleitungen zu höchstens der Hälfte gefüllt sein. Wer diese Grenze ausreizt, hat ein belegtes Rohr und kein Leerrohr: Was rechnerisch noch hineinpasst, lässt sich nicht mehr einziehen, ohne die vorhandenen Leitungen zu beschädigen.
Der Zugdraht bleibt drin. Er ist beim Einziehen das Werkzeug und danach der Beweis, dass die Strecke durchgängig ist. In Ausschreibungen steht er regelmäßig als eigene Position, und zwar aus gutem Grund: Ein Rohr, in das nach dem Verputzen kein Draht mehr passt, war schon vorher zu — nur hat es niemand gemerkt. Wer eine Leitung einzieht, zieht einen neuen Draht mit ein.
Beide Enden müssen erreichbar bleiben. Das klingt banal und ist der häufigste stille Ausfall. Ein Rohr, dessen oberes Ende hinter einer verschraubten Deckenverkleidung endet, ist genau so lange austauschbar, wie jemand bereit ist, die Decke zu öffnen. Zwischendosen an sinnvollen Stellen kosten in der Rohbauphase fast nichts und retten später ganze Strecken.
Wo das Rohr an das Bauordnungsrecht stößt
Sobald ein Rohr eine Wand oder Decke quert, für die eine Feuerwiderstandsfähigkeit gefordert ist, ist es keine Elektro-, sondern eine Brandschutzfrage. Die Muster-Leitungsanlagen-Richtlinie regelt das für Deutschland als Mustervorschrift der Bauministerkonferenz.
Der Grundsatz: Leitungen dürfen durch solche Bauteile nur geführt werden, wenn eine Brandausbreitung ausreichend lang nicht zu befürchten ist oder Vorkehrungen dagegen getroffen sind. Für einzelne Leitungen gibt es Erleichterungen, und eine davon betrifft Leerrohre unmittelbar: Installationsrohre aus brennbaren Baustoffen dürfen bis 32 mm Außendurchmesser über gemeinsame Durchbrüche geführt werden — allerdings nur mit dem fünffachen lichten Abstand des größeren Durchmessers untereinander, bei Mindestbauteildicken von 60, 70 oder 80 mm je nach geforderter Feuerwiderstandsfähigkeit, und mit vollständig verfülltem Restraum. Zum Vergleich: Für elektrische Leitungen ohne Rohr genügt der einfache Abstand.
In Rettungswegen wird es strenger. Wo dort überhaupt offen verlegt werden darf, müssen dafür verwendete Elektro-Installationskanäle und -rohre aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen. Ein Kunststoffrohr an der Decke des notwendigen Flurs ist damit erledigt, bevor über Kabel gesprochen wird.
Häufige Missverständnisse
„Es liegt ein Leerrohr, also ist alles austauschbar." Austauschbar ist die Strecke nur, solange Durchmesser, Bögen, Füllgrad, Zugdraht und Zugänglichkeit zusammen stimmen. Vier von fünf reichen nicht. Der Grund, warum das so selten auffällt: Solange niemand etwas ziehen will, verhält sich ein unbrauchbares Rohr genau wie ein brauchbares.
„25 Millimeter reichen immer." Für die Datenleitung sind 25 mm das geforderte Mindestmaß und in der Wohnungsinstallation eine sinnvolle Größe. Für eine Strecke, durch die ein konfektionierter HDMI- oder Glasfaserstecker soll, ist die Frage eine andere — dort entscheidet der Kopf des Steckers, und der steht im Datenblatt des Kabels, nicht im Rohrkatalog.
„Ein Bogen mehr macht den Kohl nicht fett." Doch, und zwar mehr als jede zusätzliche Gerade. Weil die Zugkraft mit dem Winkel exponentiell wächst, ist die Reihenfolge der Fragen beim Planen umgekehrt zur Intuition: erst die Bögen minimieren, dann die Länge.
„Wellrohr ist Wellrohr." Die Klassifizierung nach DIN EN 61386-1 unterscheidet Druckfestigkeiten um den Faktor 32 und Biegeverhalten von starr bis flexibel. Ein Rohr, das im Estrich richtig ist, kann in der abgehängten Decke die Anforderungen verfehlen und umgekehrt.
Grenzen und Sonderfälle
Das Rohr ersetzt keine EMV-Trennung. Ein Kunststoffrohr schirmt nichts. Zwei Rohre nebeneinander sind elektromagnetisch dasselbe wie zwei Leitungen nebeneinander; welche Signalgruppen zusammen dürfen, steht bei den Kabelwegen und der EMV-Trennung.
Im Erdreich gelten andere Regeln. Mechanische Belastung, Wasser und die Frage nach Wasserdichtheit an den Übergängen machen daraus ein eigenes Thema; es steht unter Kabelbauarten für die Erdverlegung.
Der Mindestbiegeradius des Kabels bleibt die härtere Grenze. Ein Rohr lässt sich enger biegen, als eine Glasfaser es verträgt. Was das Kabel zulässt, steht bei Mindestbiegeradius — und diese Zahl gewinnt gegen jede Rohrangabe.
Im Bestand gibt es meist keine Wahl. Dort ist das vorhandene Rohr die Randbedingung, und die einzige belastbare Auskunft kommt aus dem Versuch: Zugdraht durchschieben, Länge messen, Bögen zählen. Was durchgeht, weiß man erst danach.
In der Planung
Ein Kellerkino im Neubau, Projektor an der Decke, Technik im Nebenraum. Die Rohbauphase läuft, die Geräte sind noch nicht ausgewählt — der Normalfall.
Am Anfang steht nicht der Durchmesser, sondern eine Festlegung über die Nutzungsdauer: Wie oft wird auf dieser Strecke in den nächsten fünfzehn Jahren etwas getauscht? Bei einem Projektor ist die Antwort mindestens einmal, und die Bandbreitenanforderungen sind zuletzt schneller gewachsen als die Häuser, in denen sie landen. Damit ist entschieden, dass die Strecke austauschbar bleiben muss — und nicht, welches Kabel hineinkommt.
Daraus folgt der Zuschnitt der Wege. Statt einer langen Diagonale mit vier Bögen werden zwei kürzere Abschnitte mit einer Zwischendose geplant, die nach dem Innenausbau erreichbar bleibt. Der Durchmesser wird gegen den dicksten Steckerkopf gerechnet, der auf dieser Strecke vorstellbar ist, nicht gegen das heute vorgesehene Kabel. Neben der Bildstrecke läuft ein zweites Rohr für Netzwerk, weil eine Netzwerkleitung eine Bildstrecke ersetzen kann, sobald die Architektur das hergibt, und weil sie zugleich der Weg für Steuerung und Stromversorgung über Power over Ethernet ist.
Erst danach kommt die Ausführung, und dort ist die Liste kurz: Rohrklasse passend zum Verlegeort, Zugdraht drin und im Abnahmeprotokoll vermerkt, Füllgrad eingehalten, Enden beschriftet, Durchbrüche durch brandschutztechnisch geforderte Bauteile fachgerecht verschlossen.
Verknüpfte Inhalte
Welche Signalgruppen nebeneinander laufen dürfen und warum die Trasse ein eigener Planungsgegenstand ist, steht unter Kabelwege und EMV-Trennung. Warum es keine allgemein gültige maximale HDMI-Länge gibt und die Zusage stattdessen an Modell und Länge hängt, behandeln die HDMI-Kabelklassen; dieselbe Frage für den Geräteanschluss beantwortet USB-C: Alt Mode, Power Delivery, E-Marker.
Was ein vorkonfektioniertes optisches Kabel von einer austauschbaren Faserstrecke unterscheidet, steht bei AOC und DAC; die mechanische Grenze beim Einziehen bei Mindestbiegeradius. Welche Anforderungen an fest verlegte Leitungen im Bauwerk gelten, behandelt Brandverhalten von Kabeln.
Quellen
Die brandschutzrechtlichen Aussagen stammen aus der Muster-Leitungsanlagen-Richtlinie in der Fassung vom Februar 2015, zuletzt geändert im September 2020 und veröffentlicht durch das Deutsche Institut für Bautechnik; sie wurde im Volltext ausgewertet. Belegt sind daraus die Erleichterung für Installationsrohre bis 32 mm Außendurchmesser mit fünffachem lichtem Abstand, die Mindestbauteildicken und die Anforderung nichtbrennbarer Rohre für die offene Verlegung in Rettungswegen.
Der Klassifizierungscode nach DIN EN 61386-1, die Mindestklassen je Verlegeort nach DIN VDE 0100-520 und die referierten Forderungen aus DIN 18015-1 stammen aus einer technischen Information des Rohrherstellers Fränkische Rohrwerke, die diese Normen wiedergibt. Von DIN 18015-1 sind Titel und Ausgabestand Mai 2020 unabhängig geprüft, der Normtext selbst nicht.
Der exponentielle Zusammenhang zwischen Umschlingungswinkel und Zugkraft sowie die Zuordnung zu Euler und Eytelwein folgen einer Fachdarstellung der Seilreibung mit vollständiger Herleitung. Die Feldliste für Rohr und Trasse folgt strukturell dem internen Rohstoff der Kabel-Datenbank.