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Fortgeschritten

DTS:X

Was ist DTS:X als Marktformat — und warum steht es auf fast jedem Gerät, aber auf so wenigen Filmen?

DTS:X ist das objektbasierte Tonformat von DTS, angekündigt im April 2015 und seither das zweite objektbasierte Marktformat im Wohnraum. Auf dem Papier leistet es dasselbe wie Dolby Atmos: Ein Tonelement liegt getrennt vor, seine Position steht in Metadaten daneben, und ein Renderer im Wiedergabegerät verteilt es auf die Lautsprecher, die tatsächlich da sind. Der Unterschied zwischen beiden Formaten liegt woanders — in der Herkunft, im Auslieferungsweg und vor allem darin, wie viel es überhaupt zu hören gibt.

DTS:X macht im Grunde dasselbe wie Dolby Atmos: Der Ton weiß, wo er im Raum sein soll, und Dein Gerät rechnet aus, welche Boxen das erzeugen. Fast jeder Verstärker der letzten zehn Jahre kann beides. Der Unterschied ist, dass Du Dolby Atmos ständig zu hören bekommst und DTS:X selten — es gibt schlicht viel weniger Filme damit. Und wenn eine Leitung in Deiner Anlage zu schwach ist, fällt DTS:X weiter zurück als Dolby Atmos: Du hörst dann nicht etwa nichts, sondern eine sehr alte Fassung, die sich nach normalem Surround anhört. Kaputt wirkt dabei nichts, und genau das macht es schwer zu bemerken.

Das zugrunde liegende Problem

Objekt, Metadaten und Renderer als Prinzip behandelt der objektbasierte Ton. DTS stand 2015 vor einer besonderen Ausgangslage, und sie erklärt die Bauform des Formats.

Der Wettbewerber war drei Jahre früher im Kino und hatte die Deutungshoheit über das Wort „immersiv". Gleichzeitig lag bei DTS ein sehr großer Altbestand: Seit 1996 ist jeder DTS-Datenstrom nach demselben Prinzip gebaut, ein 5.1-Kern mit Erweiterungen darum herum, und dieses Prinzip steckt in jedem Gerät und auf jeder Scheibe mit DTS-Ton. Wer dort ein neues Format danebenstellt, verliert diesen Altbestand.

DTS hat sich deshalb für den Anbau entschieden: DTS:X setzt nach eigener Darstellung auf DTS-HD Master Audio auf, um abwärtskompatibel zu vorhandenen DTS-Datenströmen und Lautsprecher-Layouts zu bleiben. Das ist der Ursprung beider Eigenschaften, die das Format bis heute prägen — der sanfte Rückfall auf den alten Kern und die Bindung an eine Codec-Familie aus den neunziger Jahren.

Funktionsweise

Kein vorgeschriebenes Layout — und ein Umrechner dafür. DTS betont in der Ankündigung, dass DTS:X an keine vorgeschriebene Lautsprecherkonfiguration und an keine feste Kanalzahl gebunden ist, und nennt bis zu 32 Lautsprecherpositionen, ausdrücklich abhängig davon, was das jeweilige Gerät kann. Dazu kommt eine Aussage, die Dolby so nicht macht: Eine für ein bestimmtes Layout erstellte Mischung lässt sich für die Wiedergabe über ein anderes Layout umrechnen. Auf der Produktseite formuliert DTS das als Anpassung an praktisch jedes symmetrische Lautsprecherlayout.

Zwei Auslieferungswege mit verschiedenen Obergrenzen. Von der Scheibe kommt DTS:X in DTS-HD Master Audio, für Streaming hat DTS einen eigenen Codec entwickelt, der als DTS-UHD in einer eigenen Spezifikation festgelegt ist. Welcher Weg welchen Träger zulässt und wo unterwegs gewechselt wird, steht bei DTS:X übertragen; was den Streamingcodec technisch ausmacht, bei DTS-UHD. Für die Wahl des Formats zählt an dieser Stelle eine Eigenheit, die es bei Dolby nicht gibt: Der Weg entscheidet mit über die Zahl der Höhenpositionen, die das Gerät überhaupt ansteuert.

Der Upmixer und der Virtualisierer im selben Gehäuse. Unter dem DTS:X-Dach vertreibt DTS zwei weitere Verfahren, die regelmäßig mit dem Format selbst verwechselt werden. DTS Neural:X ist der Upmixer, der kanalbasiertes Material auf ein größeres Layout verteilt; DTS nennt dafür Aufbauten bis 30.2. DTS Virtual:X erzeugt einen räumlichen Eindruck aus wenigen Lautsprechern und zielt auf Soundbars und Fernseher. Beide arbeiten auch dann, wenn keine DTS:X-Mischung anliegt — was ein Upmixer allgemein leistet, steht beim Upmixer.

Eine offene Autorenplattform. DTS hat das Format von Anfang an mit MDA verbunden, einer nach eigener Angabe lizenzgebührenfreien, offenen Plattform für die Erzeugung objektbasierter Mischungen. Das ist ein Unterschied auf der Produktionsseite und erklärt einen Teil des Marktauftritts, an dem das Wort „open" schon im Titel der Ankündigung steht.

Voraussetzungen

Ein Gerät, das DTS:X dekodiert und rendert. Bei AV-Receivern ist das seit Jahren der Regelfall; DTS nennt auf seiner Produktseite eine breite Liste von Herstellern für Fernseher, Soundbars, Spielkonsolen und Receiver. Die Formatunterstützung kommt in dieser Geräteklasse also meistens mit, ohne dass jemand danach fragen muss.

Eine Strecke, die den jeweiligen Träger durchlässt. Von der Scheibe verlangt der verlustfreie Träger eine HDMI-Verbindung; über den älteren Tonrückkanal und über den optischen Ausgang bleibt nur der alte Kern übrig. Die Formatlisten stehen bei eARC und ARC.

Inhalte. Das ist die Bedingung, an der es in der Praxis scheitert, und sie ist keine Gerätefrage. Auf der Disc kommt DTS:X vor, aber deutlich seltener als Dolby Atmos. Beim Streaming hängt der Weg an einem einzelnen Programm: DTS:X ist das Tonformat von IMAX Enhanced, und Xperi hat Disney+ im April 2024 als ersten großen Dienst mit diesem Ton angekündigt, mit Start am 15. Mai 2024. Ein zertifiziertes Gerät verlangt DTS dafür nicht, wohl aber eines, das DTS:X entschlüsselt.

Abgrenzung

Gegen Dolby Atmos. Beide Formate sind objektbasiert, beide rendern im Wiedergabegerät, beide schreiben kein Layout vor. Planungsrelevant unterscheiden sie sich an drei Stellen.

Erstens am Angebot. Dolby Atmos ist auf Discs, bei Streamingdiensten, im Rundfunk, in Spielen und in der Musik vertreten; DTS:X kommt auf Discs vor und beim Streaming bislang über ein einzelnes Programm. Für den Kunden heißt das: Die Geräteseite ist bei beiden Formaten erledigt, die Inhaltsseite nicht.

Zweitens an der Rückfalltiefe. Bei Dolby stehen zwei Träger derselben Generation nebeneinander, und ohne Atmos-Dekoder bleibt eine 5.1- oder 7.1-Mischung übrig. Bei DTS führt der Rückfall bis auf den Kern von 1996 — 5.1, verlustbehaftet, ohne Objekte. Beide Fälle klingen unauffällig, der zweite kostet mehr.

Drittens an den Dekodiergrenzen. Bei Dolby ist die Zahl der Wiedergabepositionen unabhängig vom Träger. Bei DTS nennt der Hersteller für die beiden Wege verschiedene Obergrenzen — bis 7.1.4 von der Scheibe und bis 5.1.4 beim Streaming. Ein Raum mit sechs Deckenpositionen kann diese Bestückung also je nach Quelle nur teilweise nutzen; die Frage nach der überwiegenden Quelle gehört damit in die Konzeptphase und nicht in die Geräteauswahl.

Gegen die eigenen Trägerformate. DTS-HD Master Audio und DTS-UHD sind Codecs, DTS:X ist der Inhalt, der darin mitfährt. Ein Gerät kann DTS-HD Master Audio beherrschen, ohne DTS:X zu beherrschen, und der Streamingweg verlangt noch einmal etwas anderes als der Disc-Weg.

Gegen Neural:X und Virtual:X. Beide führen das DTS-Logo und arbeiten in denselben Geräten, erzeugen aber keine Objekte. Wenn Höhenlautsprecher bei einem alten Actionfilm mitspielen, ist fast immer der Upmixer am Werk.

Gegen IMAX Enhanced. Das ist ein Prüf- und Lizenzprogramm, das fertige Geräte und Inhalte abnimmt; DTS:X ist der Ton darin. Was das Siegel prüft und welches Gerät für den Zugang zu solchen Inhalten wirklich nötig ist, steht bei IMAX Enhanced.

Gegen die Ziffernfolge. 7.1.4 beschreibt einen Aufbau und keine Tonspur; gezählt wird nach der Kanal-Notation.

Grenzen

Jede Zahl auf dieser Seite kommt vom Hersteller. Die beiden Obergrenzen der Auslieferungswege stehen als Stichpunkte auf einer Produktseite ohne Datum. Die 32 Lautsprecherpositionen aus der Ankündigung von 2015 sind ausdrücklich an die Fähigkeiten des jeweiligen Geräts geknüpft — im selben Absatz schreibt DTS, dass die Receiver jenes Jahrgangs bis zu 11.2 Ausgangskanäle hatten. Zwischen dem, was das Verfahren zulässt, und dem, was ein Gerät ausführt, liegt bei DTS also von Anfang an eine große Spanne.

Wie DTS:X im Datenstrom untergebracht ist, steht nicht fest belegt. Das einzige öffentlich abrufbare DTS-Dokument mit Architekturtiefe stammt von 2006 und kennt DTS:X noch nicht; die Verbindung beider Stände ruht auf der Herstelleraussage von 2015. Die Spezifikation des Streamingwegs ist über ETSI zugänglich, die des Disc-Wegs nicht in gleicher Weise.

Auch DTS legt sein Rendering nicht offen. Für die Frage, wie ein Gerät ein Objekt zwischen unbesetzten Positionen aufteilt, gibt es keine Herstellerangabe und keinen methodisch dokumentierten Vergleich mehrerer Prozessoren an derselben DTS:X-Spur. Für die Beratung heißt das, dass Unterschiede zwischen Geräten nur am eigenen Aufbau hörbar werden.

DTS:X Pro ist eine zweite Stufe mit dünner Quellenlage. Unter diesem Namen führt DTS eine Ausbaustufe für Prozessoren der oberen Klasse mit deutlich mehr Ausgangskanälen. Belegt ist auf der DTS-Produktseite die Angabe, dass Neural:X bis 30.2 unterstützt; eine datierte DTS-Fundstelle zum Umfang von DTS:X Pro selbst wurde nicht gefunden.

Verknüpfte Inhalte

Das Prinzip hinter dem Format erklärt die Seite zum objektbasierten Ton; das konkurrierende Marktformat ist Dolby Atmos. In welchem Träger DTS:X ankommt und wo unterwegs gewechselt wird, steht bei DTS:X übertragen, der Streamingcodec im Einzelnen bei DTS-UHD.

Die Formatgrenzen des Tonrückkanals stehen bei eARC und ARC, die Kapazität des optischen Ausgangs bei Was über S/PDIF und TOSLINK passt. Wie ein Gerät seine Formatfähigkeit an den Zuspieler meldet, klärt die EDID; was eine Angabe wie 7.1.4 abzählt, die Kanal-Notation. Das Prüfprogramm hinter dem Streamingweg ist IMAX Enhanced.

Quellen

Die Merkmale des Formats — Objektbasierung, keine vorgeschriebene Lautsprecherkonfiguration, 32 Lautsprecherpositionen je nach Gerät, die Umrechnung einer Mischung auf ein anderes Layout, das Aufsetzen auf DTS-HD Master Audio und die offene Autorenplattform MDA — stammen aus der DTS-Ankündigung vom 9. April 2015. Die beiden Dekodiergrenzen, Neural:X mit bis zu 30.2, Virtual:X und die Herstellerliste stehen auf der DTS:X-Produktseite, die kein Datum nennt. Der eigens für Streaming entwickelte Codec, die Abwärtskompatibilität zu älteren DTS-Geräten und der Start bei Disney+ im Mai 2024 stammen aus einem Xperi-Beitrag vom 15. April 2024. Alles davon ist Herstellerdarstellung.

Dass für IMAX-Enhanced-Inhalte bei Disney+ ein DTS:X-fähiges Gerät genügt und keine Zertifizierung verlangt wird, steht in einer DTS-FAQ und ist bei IMAX Enhanced im Einzelnen belegt.

Der Aufbau der älteren DTS-Familie aus Kern und Erweiterungen — samt der Einführung des Codiersystems im Jahr 1996 — ist im DTS-Whitepaper von 2006 belegt und bei DTS:X übertragen im Einzelnen nachgewiesen; die Einordnung des Streamingwegs als eigene Formatgeneration steht in der ETSI-Spezifikation und ist bei DTS-UHD belegt. Alle Marktangaben beschreiben den Stand ihres jeweiligen Dokuments.

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