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Vorverstärker und Vollverstärker
Was machen Vorverstärker, Endstufe und Vollverstärker in einer Stereoanlage — und wann lohnt die Trennung in zwei Geräte?
In jeder Stereokette fallen zwei Arbeiten an. Die eine wählt die Quelle aus, stellt die Lautstärke und liefert ein sauberes Line-Signal — das ist der Vorverstärker. Die andere macht daraus Leistung für die Lautsprecher — das ist die Endstufe. Der Vollverstärker erledigt beide in einem Gehäuse.
Eine Anlage muss zwei ganz verschiedene Dinge können. Sie muss entscheiden, was gerade gespielt wird und wie laut — das ist Feinarbeit mit winzigen Spannungen. Und sie muss genug Kraft aufbringen, damit die Lautsprecher überhaupt Luft bewegen — das ist grobe Arbeit mit viel Strom und Wärme. In den meisten Wohnzimmern steckt beides in einem Gerät. Man kann es auch auf zwei Geräte verteilen; dann steht der feine Teil dort, wo Du ihn bedienst, und der kräftige dort, wo die Wärme wegkann.
Ausführliche Erklärung
Zwei Arbeiten, drei Geräteformen
Das Fachwörterbuch der Audio Engineering Society beschreibt die beiden Enden knapp: Der Vorverstärker ist der erste Verstärker der Kette und hebt kleine Eingangssignale auf Line-Pegel; die Endstufe ist der letzte und macht aus dem Line-Signal so viel Leistung, wie die gewünschte Lautstärke verlangt. Für den Vollverstärker gibt es dort keinen eigenen Eintrag — er ist über die beiden anderen definiert und sonst nicht.
Die Grenze zwischen beiden Arbeiten verläuft am Line-Pegel. Alles davor arbeitet mit wenigen Volt und winzigen Strömen, alles danach mit Strömen, die eine Schwingspule bewegen. Wo diese Grenze in einer kompletten Anlage liegt, zeigt Die Audiokette; die Mehrkanal-Ausprägung derselben Teilung behandelt der Eintrag zu AV-Prozessor, AV-Receiver und Endstufe.
Was der Vorverstärker tatsächlich tut
Vier Aufgaben stecken in dem Gerät, und nur eine davon steht im Namen.
Quellen auswählen. Ein Umschalter legt genau einen Eingang auf den weiteren Weg. Was dabei zusätzlich anfällt, sieht man erst im Schaltplan: Ein mitlaufender Aufnahmeausgang wird über Widerstände entkoppelt, damit ein angeschlossenes Gerät das gehörte Signal nicht belastet.
Die Lautstärke stellen. Das ist die Hauptarbeit im Betrieb, und sie geht fast immer nach unten. Rod Elliott rechnet in seiner Vorstufenschaltung mit einer Endstufe, die bei 1,0 Volt effektiv volle Leistung abgibt, und hält fest, dass eine Vorstufe selten mehr als rund 10 Dezibel Verstärkung braucht. Ein Zuspieler auf Consumer-Nennpegel liefert 0,316 Volt; mit diesen 10 Dezibel steht die volle Leistung also schon weit vor dem Anschlag zur Verfügung. Der überwiegende Teil des Stellwegs dämpft.
Das Signal treiben. Der Ausgang muss die Kabelstrecke zur Endstufe mit niedriger Ausgangsimpedanz versorgen. Genau daran hängt, ob die Trennung in zwei Gehäuse überhaupt funktioniert.
Aufbereiten, wo nötig. Klangeinstellung, Balance und bei vielen Geräten ein Eingangsteil für den Plattenspieler. Dieses Eingangsteil ist eine eigene Sache mit eigener Kennlinie und steht beim Phono-Vorverstärker.
Warum die Trennung überhaupt möglich ist
Zwischen Vorstufe und Endstufe liegt im getrennten Aufbau ein Kabel, manchmal mehrere Meter davon. Dass dieser Weg praktisch nichts kostet, liegt an einem Grundsatz, den Dennis Bohn für Rane in einer viel zitierten Anwendungsschrift ausgesprochen hat: Moderne Halbleitertechnik überträgt zwischen Geräten Spannung und keine Leistung. Optimale Leistungsübertragung verlangt gleiche Impedanzen auf beiden Seiten, optimale Spannungsübertragung verlangt das Gegenteil — einen kleinen Innenwiderstand der Quelle und einen großen des Eingangs.
Wie günstig das ausgeht, zeigt sein Rechenbeispiel: Rund 100 Ohm am Ausgang treiben rund 20 Kilohm am Eingang, und der entstehende Spannungsteiler kostet 0,04 Dezibel. Anders gesagt: Der Übergang zwischen den beiden Gehäusen verliert nichts, was jemand hören könnte. Würde man die Impedanzen stattdessen einander angleichen, wie es die Röhrentechnik verlangte, kostete allein dieser Schritt 6 Dezibel — die Hälfte des Signals bliebe als Wärme im Ausgang.
Aus derselben Schrift stammt die unbequemere Hälfte des Befunds. Was „Verstärkung eins" bei einem Gerät bedeutet, ist nirgends festgelegt; jeder Hersteller entscheidet es für sich. Dieselbe fehlende Festlegung findet sich an der Endstufe wieder: Crown gibt für seine Geräte Empfindlichkeitsstellungen von 0,775 Volt für 0 dBu und 1,4 Volt für +4 dBu an sowie eine dritte Stellung, die stattdessen eine feste Verstärkung von 26 Dezibel liefert — Hauskonventionen, keine Norm. Wie diese Staffelung aufgebaut ist und was daraus für die Paarung zweier Geräte folgt, führt der Eintrag zur Eingangsempfindlichkeit aus.
Der Vollverstärker
Im Vollverstärker sitzen beide Hälften in einem Gehäuse, an einem Netzteil und an einer Masse. Drei Dinge fallen damit weg, und alle drei sind Fehlerquellen: die Paarung von Ausgangsspannung und Eingangsempfindlichkeit, das zusätzliche Kabel und der zweite Masseweg, über den eine Brummschleife entstehen kann. Der Hersteller hat die Pegel intern abgestimmt, und der Anwender bekommt eine Kette, die im ganzen Stellbereich funktioniert.
Viele Vollverstärker führen die Trennstelle trotzdem nach außen — als Vorstufenausgang, bei älteren Geräten als Buchsenpaar mit einer steckbaren Brücke dazwischen. Damit lässt sich später eine Endstufe daneben stellen oder die Vorstufe umgehen.
Warum man trennt — und warum das in Stereo weniger wiegt
Im Heimkino ist das stärkste Argument für getrennte Geräte der Formatwechsel: Der rechnende Teil veraltet mit Anschlussnormen und Tonformaten, die Endstufe nicht. Dieses Argument ist auf der Seite zu den AV-Geräteklassen ausgeführt — und in der reinen Stereokette greift es kaum. Ein Vorverstärker mit Umschalter, Lautstärkesteller und Phonoteil kennt keine Formate; er kann zwanzig Jahre stehen bleiben wie die Endstufe daneben.
Was in Stereo übrig bleibt, sind drei Gründe, und sie sind schwächer, aber real. Der erste ist der Störabstand: Sehr kleine Spannungen und ein kräftiges Netzteil im selben Gehäuse verlangen Aufwand bei Abschirmung und Masseführung, den zwei Gehäuse ersparen. Der zweite ist die Aufstellung — die Endstufe darf dorthin, wo Wärme abziehen kann und die Lautsprecherkabel kurz bleiben, während das Bediengerät im Wohnraum steht. Der dritte ist die Leistung: Oberhalb einer gewissen Ausgangsleistung wird ein Kombigerät groß, schwer und heiß, und ab dort entscheidet die Physik statt der Vorliebe.
Bezahlt wird das mit einer Verbindung mehr, mit dem zweiten Masseweg und mit der Pegelpaarung, die jetzt Sache des Käufers ist. Wo die Strecke lang wird, gehört sie symmetrisch ausgeführt.
Wo die Klassennamen unscharf werden
Ein Vollverstärker mit Netzwerkteil und Wandler wird als Streamingverstärker verkauft, ein Vorverstärker mit Wandler als digitale Vorstufe, und mancher Netzwerkzuspieler mit geregeltem Ausgang übernimmt die Vorstufenaufgabe gleich mit. Die Klassennamen beschreiben also eher, was ein Gerät zusätzlich mitbringt, als was es im Kern tut. Die verlässliche Auskunft steht an den Buchsen: Lautsprecherklemmen heißen Endstufe an Bord, ausschließlich Line-Ausgänge heißen Endstufe getrennt.
Häufiges Missverständnis
„Ein Vorverstärker verstärkt vor." Der Name beschreibt seine Stellung in der Kette und nicht seine Hauptarbeit. Mit rund 10 Dezibel Verstärkung und einem Zuspieler auf üblichem Line-Pegel steht die volle Leistung der Endstufe schon bei einem Bruchteil des Stellwegs zur Verfügung; darunter dämpft das Gerät. Wer einen „kräftigeren" Vorverstärker sucht, sucht meist etwas, das ihm nichts bringt.
„Die Kabelstrecke zwischen Vor- und Endstufe kostet Signal." Bei niedriger Ausgangs- und hoher Eingangsimpedanz beträgt der Verlust im Rechenbeispiel 0,04 Dezibel. Was auf diesem Weg tatsächlich passieren kann, sind Einstreuungen und Masseprobleme — die haben mit dem Pegel nichts zu tun und lassen sich mit symmetrischer Führung erledigen.
„Ich hänge den Wandler direkt an die Endstufe und spare die Vorstufe." Das funktioniert, wenn drei Bedingungen zusammenkommen: Es gibt genau eine Quelle, ihr Ausgang ist in der Lautstärke geregelt, und ihre Ausgangsspannung passt zur Empfindlichkeit der Endstufe. Fehlt die zweite, läuft die Anlage dauerhaft mit voller Leistung, und der einzige Regler steht am Lautsprecher — also nirgends. Fehlt die dritte, schrumpft der brauchbare Regelbereich auf wenige Rasten. Beide Fehlerbilder sind beim Vorstufenausgang ausgeführt.
Nicht zu verwechseln mit
- Phono-Vorverstärker: ein Eingangsteil für Tonabnehmer mit eigener Entzerrungskennlinie. Es steckt oft im Vorverstärker und ist selbst keine Geräteklasse der Kette.
- Vorstufenausgang: die Buchse, an der das Line-Signal das Gerät verlässt. Der Vorverstärker ist die Baugruppe dahinter.
- AV-Prozessor und AV-Receiver: die Mehrkanal-Gegenstücke, mit Dekodierung, Bassmanagement und Raumkorrektur. Ein Stereo-Vorverstärker dekodiert nichts.
- Mikrofonvorverstärker: arbeitet eine Pegelstufe tiefer und hebt Millivolt auf Line-Pegel. Nach der Definition der Audio Engineering Society fällt er unter denselben Oberbegriff, in der Wohnraumanlage kommt er nicht vor.
- Aktivlautsprecher: nimmt der Kette die Endstufe ab und die Vorstufe gerade nicht — er braucht weiterhin ein Gerät, das auswählt und regelt.
In der Planung
Ein Kunde hat passive Standlautsprecher, einen Plattenspieler, den Fernseher und ein Streaming-Abo. Die Frage kommt als Gerätefrage an: Vollverstärker oder Vorstufe plus Endstufe?
Davor liegt die Konzeptfrage: Wie viele Quellen kommen zusammen, und muss im System gerechnet werden? Der Plattenspieler verlangt einen Phonoeingang, der Fernseher einen digitalen Eingang, der lippensynchron bleibt. Soll zusätzlich der Raum korrigiert werden, muss das Signal bis zu der Stelle digital bleiben, an der gerechnet wird — diese Entscheidung fällt vor der Gehäusefrage.
Dann das Verfahren, und hier entscheidet der Standort. Steht die Technik im Wohnraum und bleibt die Leistung im üblichen Rahmen, ist ein Gehäuse die ehrlichere Antwort: weniger Verbindungen, keine Pegelpaarung, kein zweiter Masseweg. Wandert die Endstufe in einen Technikraum oder werden die Lautsprecher anspruchsvoll, kehrt sich das um — dann gehört die Leistung dorthin, wo die Wärme wegkann, und die Bedienung dorthin, wo der Kunde sitzt.
Zuletzt die Geräteentscheidung. Bei getrennten Geräten gehören zwei Zahlen nebeneinandergelegt, bevor bestellt wird: die Ausgangsspannung der Vorstufe bei voller Aussteuerung und die Eingangsempfindlichkeit der Endstufe. Beide sind Herstellerangaben ohne gemeinsame Festlegung — passen sie nicht zueinander, hilft später kein Regler mehr.
Verknüpfte Inhalte
Was Line-Pegel bedeutet und warum zwei Nennpegel nebeneinander bestehen, erklären die Pegelkonventionen; wie sich Empfindlichkeit und Verstärkung zueinander verhalten, der Eintrag zur Eingangsempfindlichkeit; was ein Ausgang leisten muss, um eine Kabelstrecke zu treiben, die Ausgangsimpedanz. Die Buchse zwischen den beiden Hälften behandelt der Vorstufenausgang, das Eingangsteil für den Plattenspieler der Phono-Vorverstärker. Die Mehrkanal-Ausprägung derselben Aufgabenteilung steht bei AV-Prozessor, AV-Receiver und Endstufe, die Einordnung in die gesamte Anlage bei Die Audiokette. Was passiert, wenn die Endstufe in den Lautsprecher wandert, klären Aktiv- und Passivlautsprecher; welche Geräteklasse die Quellen ins Netzwerk hängt, Netzwerkplayer und Streaming-Bridge.
Quellen
Die Definitionen von Vorverstärker und Endstufe stammen aus dem Fachwörterbuch der Audio Engineering Society; einen eigenen Eintrag für den Vollverstärker führt es nicht. Der Grundsatz, dass zwischen modernen Geräten Spannung und keine Leistung übertragen wird, die Beispielwerte von rund 100 Ohm gegen 20 Kilohm mit einem Verlust von 0,04 Dezibel, der Vergleich mit den 6 Dezibel einer Impedanzanpassung und die Feststellung, dass „Verstärkung eins" nirgends festgelegt ist, stehen in der Anwendungsschrift von Dennis Bohn für Rane von 1991. Die typische Eingangsempfindlichkeit von 1,0 Volt und die Größenordnung der nötigen Vorstufenverstärkung stammen aus einer Schaltungsbeschreibung von Rod Elliott. Die Empfindlichkeitsstellungen 0,775 Volt, 1,4 Volt und 26 Dezibel sind der Verstärker-FAQ von Crown entnommen und dort ausdrücklich als Funktion der Verstärkung beschrieben. Die Spannungswerte der beiden Nennpegel sind auf der Seite zu den Pegelkonventionen belegt und werden hier nicht erneut hergeleitet. Alle Fundstellen wurden am 24. August 2026 am Objekt gelesen.