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Einkabelsysteme nach EN 50494 und EN 50607 (Unicable, JESS)
Wie teilen sich mehrere Satellitenempfänger eine einzige Antennenleitung — und worin unterscheiden sich EN 50494 und EN 50607?
Ein Einkabelsystem versorgt mehrere Satellitenempfänger über eine gemeinsame Koaxialleitung, indem es jedem Empfangsteil ein eigenes schmales Frequenzfenster zuweist — ein Teilnehmerband. Der Empfänger fordert über Steuerbefehle einen bestimmten Transponder an, und der Umsetzer legt diesen in sein Fenster. Zwei europäische Normen beschreiben das Verfahren: EN 50494 mit acht Teilnehmerbändern, im Handel als Unicable, und EN 50607 mit bis zu 32, im Handel als JESS oder Unicable 2.
Normalerweise braucht jedes Empfangsgerät sein eigenes Kabel bis zur Schüssel — im Altbau liegt aber meist nur eines je Zimmer, und aufstemmen will niemand. Ein Einkabelsystem löst das wie eine Postverteilung mit festen Fächern: Jedes Gerät bekommt ein eigenes Fach auf der gemeinsamen Leitung, sagt an, was es sehen will, und findet es dann dort. Solange jedes Gerät sein eigenes Fach hat, stört keiner den anderen. Zwei Dinge musst Du wissen: Jedes Gerät muss das Verfahren können, und zwei Geräte dürfen nie dasselbe Fach benutzen — dann werfen sie sich gegenseitig heraus.
Ausführliche Erklärung
Der klassische Weg gibt jedem Empfangsteil eine eigene Leitung und über diese Leitung eine der vier Ebenen des Satelliten; wie das zustande kommt, steht beim Multischalter. Das Einkabelsystem dreht die Aufgabe um. Eine Ebene enthält rund 40 Transponder — so heißen die einzelnen Sendekanäle des Satelliten, von denen jeder ein Bündel von Programmen führt. Statt eine ganze Ebene mit allen Transpondern durchzureichen, sucht der Umsetzer den einen heraus, den ein bestimmter Empfänger gerade braucht, und setzt ihn auf eine feste, für dieses Gerät reservierte Frequenz um. Alle Teilnehmerbänder liegen nebeneinander auf derselben Leitung, jedes rund 30 Megahertz breit.
Der Empfänger muss dem Umsetzer also mitteilen, was er hören will. Dafür dient DiSEqC, ein Steuerprotokoll, das Eutelsat für die Verständigung zwischen Empfänger und Antennenperipherie veröffentlicht hat — die Bus-Spezifikation in der Fassung 4.2 stammt vom Februar 1998. Die Befehle laufen als Modulation auf demselben 22-Kilohertz-Signal, mit dem ein Empfänger sonst das Band eines gewöhnlichen LNB umschaltet, und sie laufen rückwärts über dieselbe Leitung, über die das Fernsehsignal ankommt.
Die beiden Normen und ihr Unterschied
EN 50494 ist die ältere Fassung. Sie erlaubt acht Teilnehmerbänder je Leitung, also acht unabhängige Empfangsteile. Der Handelsname Unicable gehört dazu als geschützte Marke von FTA Communications; das Verfahren selbst steht in der Norm und ist an keinen Hersteller gebunden.
EN 50607 stammt von JULTEC, das es als JESS entwickelt und als europäische Norm vorgeschlagen hat; seit 2014 gilt es als solche. Drei Dinge kommen dazu. Die Zahl der Teilnehmerbänder steigt von acht auf 32, und die Zahl der ansteuerbaren Satellitenpositionen wächst mit. Die Frequenzabstimmung wird feiner — 1 Megahertz statt 4. Und die Verständigung wird zweiseitig: Der Empfänger fragt die Anlage, welche Bänder belegt und welche frei sind, und bekommt binnen Millisekunden Antwort, ohne dass ein laufendes Programm abreißt. Genau das nimmt der Inbetriebnahme die mühsamste Stelle, nämlich die Bänder von Hand kollisionsfrei zu verteilen.
Wie beides in einem Gerät nebeneinandersteht, zeigt die Bänderbelegung eines heutigen Umsetzers: Die ersten acht Bänder verstehen beide Normfassungen, die Bänder 9 bis 32 nur noch EN 50607. Ein älterer Empfänger findet damit acht Plätze vor und keinen neunten. Die Abwärtskompatibilität ist also eine der Anlage zum Endgerät, und sie endet bei acht.
Die Festlegung, die Du mitkaufst
Der Preis für die eine Leitung ist eine Bindung, die bei einer Sternverkabelung gar nicht erst entsteht. Jedes Endgerät muss das Verfahren beherrschen — und zwar jedes, auch das, das in fünf Jahren dazukommt. Jedes Empfangsteil braucht außerdem ein eigenes Band, das am Gerät eingestellt wird. Bekommen zwei Empfänger dasselbe Band zugewiesen, überschreiben sie sich gegenseitig die Frequenz, und das Fehlerbild wandert: Mal fällt der eine aus, mal der andere, je nachdem, wer zuletzt umgeschaltet hat. Deshalb gehört die Bandbelegung dokumentiert, und wo programmierbare Antennendosen im Spiel sind, gehört sie an der Dose vermerkt.
Zwei Betriebsarten unterscheiden die Geräte. Im dynamischen Betrieb holt sich jeder Empfänger den Transponder, den er gerade braucht — das ist der Normalfall und der Grund für das Verfahren. Im statischen Betrieb liegen feste Transponder dauerhaft auf den Bändern; dann dürfen beliebig viele Geräte mithören, sie sehen aber nur diese Auswahl, und weil die Anlage dabei keine Transpondertabelle mitliefert, braucht jeder Empfänger einen eigenen Suchlauf. Für Wohnanlagen mit festem Programmangebot ist das sinnvoll, für ein Wohnhaus selten.
Eine dritte Eigenheit ist der Legacy-Ausgang. Er verhält sich wie ein gewöhnlicher Universal-Ausgang, bis zum ersten Mal ein Einkabel-Befehl eintrifft — danach arbeitet er im Einkabelbetrieb weiter. Wer dort ein altes Gerät anschließt und die Anlage vorher mit einem neuen Empfänger angesprochen hat, sucht den Fehler an der falschen Stelle.
Was die Leitung dabei aushalten muss
Die Teilnehmerbänder liegen zwischen knapp unter 1000 und gut 2000 Megahertz, also im oberen Bereich dessen, was ein Antennenkabel überträgt. Weil die Dämpfung mit der Frequenz steigt, kommt das oberste Band am schlechtesten an — daraus folgt eine Zuordnungsregel, die in Geräteanleitungen ausdrücklich steht: Das höchste Teilnehmerband bekommt die kürzeste Leitung, das niedrigste die längste. Wer nur einen Teil der Bänder braucht, nimmt die niedrigen. Ansonsten gelten dieselben Anforderungen wie für jede SAT-Leitung: Bandbreite, Schirmung, sauber verarbeitete Stecker, nachzulesen bei Koaxialkabel und Schirmung.
Häufiges Missverständnis
„Unicable ist die moderne Lösung, Sternverkabelung ist von gestern." Umgekehrt. Ein Einkabelsystem ist die Antwort auf eine vorhandene Verkabelung, und es legt jedes künftige Endgerät auf ein Verfahren fest. Eine Sternverkabelung legt sich auf gar nichts fest — sie funktioniert klassisch, sie funktioniert mit Einkabelumsetzern, und sie funktioniert mit dem, was in zehn Jahren kommt. Im Bestand ist Einkabel oft der einzige gangbare Weg; das macht es zur richtigen Wahl an dieser Stelle und nicht zur besseren Technik.
„Unicable 2 ist einfach die neuere Version, die alles kann." Die Anlage kann beides, das Endgerät nicht. Ein Empfänger, der nur EN 50494 beherrscht, bleibt auf die ersten acht Bänder beschränkt, egal wie viele die Anlage anbietet. Wer 32 Teilnehmer plant, plant zugleich 32 EN-50607-fähige Empfangsteile.
„Eine Leitung heißt, ich kann beliebig viele Geräte anstecken." Die Zahl der Empfangsteile ist durch die Bänder begrenzt, und jedes davon muss einzeln zugewiesen werden. Ein Verteiler hinter der Leitung vervielfacht keine Bänder, er teilt nur dasselbe Signal auf — und jedes zusätzliche Gerät braucht trotzdem sein eigenes freies Band.
Nicht zu verwechseln mit
- Multischalter im klassischen Betrieb: Er reicht eine ganze Ebene je Leitung durch. Viele heutige Geräte beherrschen beides und heißen weiterhin Multischalter; ob eine Anlage klassisch oder im Einkabelbetrieb arbeitet, sagt die Konfiguration und nicht der Gerätename.
- Verteiler: teilt das ankommende Signal passiv auf. Er setzt nichts um und schafft kein zusätzliches Teilnehmerband.
- SAT-over-IP: verteilt Satellitensignale über das Datennetz. Die Zahl der Tuner bleibt die begrenzende Größe, sie sitzt nur an einer anderen Stelle — Näheres bei der Antennen- und SAT-Verteilung.
- Wideband-LNB: gibt je Polarisation ein sehr breites Signal aus und spart damit Leitungen zwischen Spiegel und Umsetzer. Mit dem Teilnehmerband-Verfahren auf der Wohnungsseite hat das nichts zu tun, auch wenn beides als „weniger Kabel" verkauft wird.
- DiSEqC-Schalter: wählt zwischen Antennen. Er benutzt dasselbe Steuerprotokoll und verteilt nichts.
In der Planung
Ein Altbau, dritte Etage, je Zimmer eine Antennenleitung sternförmig zum Hausanschlussraum. Gewünscht sind drei Fernseher, einer davon mit Aufnahmefunktion und zwei Empfangsteilen.
Erst die Anlage zählen, dann den Katalog aufschlagen: Wie viele Empfangsteile sollen unabhängig laufen, und lässt sich eine zweite Leitung dorthin legen, wo sie fehlt? Vier Empfangsteile bei einer vorhandenen Leitung je Zimmer — hier gibt der Bau die Antwort, nicht der Katalog.
Damit steht der Aufbau. Ein Einkabelumsetzer hinter dem Quattro-LNB, vier Teilnehmerbänder vergeben, Belegung notiert. Die Prüfung, die vor der Bestellung gehört, betrifft die Endgeräte: Beherrschen alle vier Empfangsteile das Verfahren, und beherrschen sie EN 50607 oder nur die ältere Fassung? Ein Gerät, das gar nichts davon kann, hängt entweder am Legacy-Ausgang oder es fällt aus der Planung — und beides gehört geklärt, bevor die Anlage steht.
Erst zuletzt das Gerät: Zahl der Bänder, unterstützte Normfassungen, Kaskadierbarkeit, Terrestrik-Eingang. Und wo in der Wohnung eine programmierbare Antennendose sitzt, wird sie auf dasselbe Band eingestellt wie der Empfänger dahinter.
Verknüpfte Inhalte
Warum ein Satellit überhaupt vier Ebenen liefert und was daraus für die Verkabelung im Rohbau folgt, steht bei der Antennen- und SAT-Verteilung. Der klassische Weg zu vielen Teilnehmern — eine Leitung je Empfangsteil — steht beim Multischalter. Was die Leitung können muss, erklären Koaxialkabel und Schirmung; wo Umsetzer und Verteiler im Haus sitzen, ordnet der Technikraum für die AV-Technik ein.
Quellen
Die 32 Teilnehmerbänder mit je 30 Megahertz Bandbreite, die Trennlinie zwischen beiden Normfassungen bei Band 8, der dynamische und der statische Betrieb, das Verhalten des Legacy-Ausgangs und die Zuordnungsregel zwischen Bandfrequenz und Leitungslänge stehen in der Betriebsanleitung des AXING SES 5532-19 vom November 2016. Dass EN 50607 von JULTEC als JESS entwickelt und als europäische Norm vorgeschlagen wurde, seit 2014 gilt und gegenüber EN 50494 mehr Bänder, feinere Abstimmung und eine zweiseitige Verständigung bringt, steht in der technischen Information des Herstellers. Die Markenrechte an Unicable, die acht Bänder nach EN 50494 und die Herkunft von DiSEqC bei Eutelsat stammen aus enzyklopädischen Sekundärquellen.