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Tiefe
Fortgeschritten

Kinosessel als Planungsgröße: Tiefe, Liegefunktion, Reihenabstand

Warum steht der Kinosessel am Anfang der Planung und nicht am Ende — und welche Maße gibt er dem Raum vor?

Im üblichen Projektablauf kommt das Sitzmöbel spät: Rohbau, Technik, Akustik, Oberflächen — und ganz am Ende sucht der Kunde die Sessel aus. Für einen Kinoraum ist diese Reihenfolge falsch herum. Der Sessel legt den Reihenabstand fest, der Reihenabstand geht in die Podesthöhe ein, und die Liegefunktion verbraucht einen Teil der Sichtlinienfreiheit, die auf dem Papier schon vergeben war. Wer den Sessel zuletzt entscheidet, hat die Stufe für ein Möbel gebaut, das er noch nicht kannte.

Ein Kinosessel ist kein Stuhl, den man irgendwo hinstellt. Er ist tief, und wenn er sich zum Liegen ausfährt, wird er noch viel tiefer — vorne kommt die Fußstütze heraus, hinten kippt die Lehne nach hinten weg. Beides braucht Platz, den der Raum haben muss, bevor gebaut wird. Deshalb wird im Kinoraum zuerst entschieden, auf welchen Möbeln gesessen wird, und erst danach, wie hoch die Stufe für die zweite Reihe wird. Andersherum passt es hinterher oft nur mit Kompromissen, die niemand wollte.

Was der Sessel im Raum belegt

Der Kinosaalbau misst den Reihenabstand von Rückenlehne zu Rückenlehne und nennt 1 200 Millimeter als Untergrenze für gute Beinfreiheit. Diese Zahl gilt für einen normalen Klappsessel. Für Sessel mit Liegefunktion gibt derselbe Leitfaden eine Sitztiefe von 900 bis 1 400 Millimetern in Ruhelage an und über 1 800 Millimeter im ausgefahrenen Zustand.

Damit ist der Reihenabstand keine Größe mehr, über die man verhandelt. Ein Sessel, der in Ruhelage 1 400 Millimeter tief ist, unterschreitet den Mindestabstand von 1 200 Millimetern schon im eingefahrenen Zustand — der Abstand wird also vom Möbel bestimmt, und die Beinfreiheit ist dabei nicht mehr die begrenzende Größe.

Der zweite Wert ist der unbequeme. Fährt der Sessel aus, reicht er über 1 800 Millimeter nach vorn, gemessen vom Rücken der Lehne bis zur Spitze der Fußstütze. Sitzt die vordere Reihe näher als dieser Wert, endet die Fußstütze der hinteren Reihe an der Rückenlehne der vorderen. Sollen alle Plätze gleichzeitig liegen können — und genau dafür werden die Sessel gekauft —, wächst der Reihenabstand rechnerisch auf ungefähr diese 1 800 Millimeter, also auf das Anderthalbfache der Kinoregel.

Was das für die Raumtiefe heißt, lässt sich am Blatt ausrechnen. Zwei Reihen, beide voll ausfahrbar, ergeben zusammen:

AnteilTiefe
Fußstütze der ersten Reihe, ausgefahren, vor deren Lehnerund 1,80 m
Reihenabstand Lehne zu Lehnerund 1,80 m
Wandabstand hinter der letzten Reihe0,25 bis 0,40 m
Sitzblock gesamtrund 3,9 m

Erst danach beginnt der Abstand zur Bildfläche. In einem Raum von 6,50 Metern Tiefe bleiben für alles vor der Fußstütze der ersten Reihe noch etwa 2,6 Meter, und weil die Augen der ersten Reihe rund 1,8 Meter hinter dieser Spitze liegen, kommt sie auf gut 4,4 Meter Augenabstand zum Bild. Diese Rechnung entscheidet mit über die Bildgröße, und zwar bevor über Bildgrößen gesprochen wurde.

Die letzte Reihe braucht mehr als die anderen

Die hinterste Reihe steht in fast jedem Wohnkino an der Wand, und dort scheitert die Aufstellung am häufigsten. Der Kinosaalbau setzt für die letzte Reihe 150 bis 200 Millimeter zusätzliche Tiefe an, bei Sesseln mit Liegefunktion 250 bis 400 Millimeter. Der Grund ist die Kinematik: Die Lehne kippt beim Ausfahren nach hinten und braucht diesen Weg frei.

Steht die Lehne stattdessen an der Wand, passiert eines von beidem — der Sessel fährt nicht vollständig aus, oder er drückt gegen die Wandbekleidung. In einem Kinoraum steht dort meist ein Absorber oder eine Stoffbespannung, und beides nimmt den Druck übel.

Ob eine Bauart die Lehne nach hinten kippt oder stattdessen den ganzen Sitz nach vorn schiebt, ändert diese Zahl. Das ist eine Angabe des jeweiligen Möbels und keine Regel des Raums.

Was die Liegefunktion mit der Sichtlinie macht

Die Staffelungsseite rechnet die Podesthöhe aus der Sichtlinienfreiheit — dem senkrechten Abstand zwischen den Sichtlinien zweier Reihen zur Bildunterkante. Der Kinosaalbau bewertet sie ab 200 Millimetern als gut und unter 120 Millimetern als nicht akzeptabel.

Die Liegefunktion greift diesen Wert direkt an. Beim Zurückstellen der Lehne verliert die Augenhöhe 50 bis 150 Millimeter, während der Kopf gleichzeitig 50 bis 250 Millimeter nach hinten rückt. Für die Sichtlinie zählt der Mischfall: hintere Reihe zurückgelehnt, vordere aufrecht. Im durchgerechneten Beispielraum der Staffelungsseite kosten 150 Millimeter Augenhöhe rund 110 Millimeter Freiheit — mehr als die Hälfte des gesamten Budgets von 200 Millimetern. Der Kopfversatz nach hinten holt davon einen kleinen Teil zurück, weil er den Abstand zur Bildfläche vergrößert.

Daraus folgt die eigentliche Planungsentscheidung dieser Seite: Für welche Sitzhaltung wird gerechnet? Drei Antworten sind möglich, und sie führen zu drei verschiedenen Podesthöhen.

  • Aufrecht. Die Rechnung ist die des Kinosaalbaus. Sie stimmt für die ersten zwanzig Minuten eines Films und danach nicht mehr.
  • Der Mischfall. Die Freiheit wird um den Verlust erhöht, den die zurückgelehnte hintere Reihe verursacht. Das ist die ehrliche Rechnung und die teure: Im Beispielraum wächst die Stufe von rund 39 auf rund 52 Zentimeter, und damit braucht der Zugang eine Stufe mehr.
  • Beide Reihen liegend. Der Verlust hebt sich teilweise auf, weil beide Augenhöhen sinken. Das setzt allerdings voraus, dass in beiden Reihen dieselben Sessel stehen und alle Gäste dieselbe Stellung wählen. Diese Annahme setzt im Betrieb niemand durch.

Es gibt eine Gegenbewegung, und sie gehört der Vollständigkeit halber dazu: Der Kinoleitfaden hält fest, dass Sessel mit Kopfstütze und Liegefunktion große vertikale Blickwinkel verträglicher machen. Für die erste Reihe, die zur Bildmitte am steilsten nach oben schaut, ist die Liegefunktion also ein Gewinn. Sie verbessert die Haltung vorn und verschlechtert die Sicht hinten.

Strom, Steuerung und die Stellung beim nächsten Film

Ein motorischer Sessel braucht eine Zuleitung, und zwar an jedem Platz. Sitzheizung, Ladebuchsen und Tischleuchten kommen je nach Ausstattung dazu; die Zahl der Anschlüsse folgt der Zahl der Plätze und nicht der Zahl der Sessel-Reihen. Die Leitung wandert in oder unter das Podest — vor dem Estrich eine Kleinigkeit, danach eine Baustelle. Dasselbe gilt für die Steuerleitung, wenn die Sessel an die Raumsteuerung angebunden werden sollen.

Die zweite, häufig übersehene Frage ist die Rückstellung. Eine Sichtlinienrechnung setzt eine definierte Sitzhaltung voraus. Bleiben die Sessel nach der Vorstellung in der Stellung stehen, in der sie zuletzt waren, betritt der nächste Gast einen Raum, in dem jeder Platz anders steht: Fußstützen ragen in den Gang, eine Lehne liegt an der Wand, und der Weg zur zweiten Reihe ist im Dunkeln nicht mehr der, den man kennt. Im gewerblichen Kino löst das die Reinigung zwischen zwei Vorstellungen. Im Wohnkino löst es niemand, wenn es nicht geplant wurde.

Technisch gibt es zwei Wege — die Sessel fahren beim Ausschalten des Raums über die Steuerung in eine Neutralstellung, oder es gibt eine eigene Szene dafür, die der Nutzer auslöst. Welcher davon möglich ist, hängt am Modell und an seiner Schnittstelle.

Häufige Missverständnisse

„Die Sessel suchen wir am Ende aus." Das ist die verbreitetste Reihenfolge und die teuerste. Der Sessel legt den Reihenabstand fest, der Reihenabstand geht in die Podesthöhe ein, und die Podesthöhe steht nach dem Estrich fest. Wer die Stufe zuerst baut, hat sie für ein unbekanntes Möbel dimensioniert und erfährt beim Aufstellen, ob es gepasst hat.

„Ein tieferer Sessel ist bequemer." Tiefe ist eine Raumforderung und kein Komfortmaß. Der Komfort kommt aus Sitzhöhe, Polsterung, Lehnenwinkel und Kopfstütze; die Tiefe kommt beim Trockenbauer als Meterangabe an. Ein Sessel, der zwanzig Zentimeter tiefer ist als das Vergleichsmodell, kostet bei zwei Reihen vierzig Zentimeter Raumtiefe — und die fehlen entweder vorne am Abstand zur Bildfläche oder hinten am Gang.

„Ein bisschen weniger Reihenabstand geht immer." Bei festen Sesseln gilt das eingeschränkt, bei Liegesesseln nicht. Unterschreitet der Abstand die ausgefahrene Tiefe, lässt sich die Liegefunktion nicht mehr benutzen, solange jemand vorne sitzt. Damit fällt genau die Eigenschaft weg, für die der Sessel ausgewählt wurde.

„Versetzte Reihen schaffen Platz." Sie helfen weder beim Platz noch bei der Sicht. Warum das Versetzen der Reihen die Sichtverhältnisse nicht verbessert, steht bei der Staffelung mehrerer Sitzreihen.

Grenzen und Sonderfälle

Alle Maße stammen aus dem gewerblichen Kinosaalbau. Sie beschreiben Bestuhlung für unbekanntes Publikum in einer Versammlungsstätte. Die Geometrie überträgt sich, die Vorgaben zu Gangbreiten, Fluchtwegen und Bestuhlungsdichte nicht — für einen Wohnraum gelten andere Regeln.

Sitztiefen je Bauart sind hier nur für den Liegesessel belegt. Der Kinoleitfaden führt eine Aufstellung nach Bauarten; übernommen ist daraus für diese Seite der Wertebereich der Liegesessel. Für Klappsessel, Sofagruppen und Sitzbänke fehlt eine belegte Zahl.

Gemischte Bestuhlung bricht die Rechnung. Steht vorne ein Sofa und hinten ein Kinosessel, rechnen die beiden Reihen nicht mehr mit derselben Augenhöhe, und der Fehler hebt sich nicht mehr heraus. Warum das für die Staffelung wichtig ist, steht bei der Bildhöhe und dem vertikalen Sichtwinkel.

Rollstuhlplätze und barrierefreie Zugänge haben eigene Anforderungen an Fläche, Anfahrbarkeit und Sichtlinie. Diese Seite behandelt sie nicht.

In der Planung

Ein Kellerraum von 6,50 Metern Tiefe, acht Plätze in zwei Reihen, Sessel mit Liegefunktion sind gesetzt. Der Innenarchitekt möchte die Möbel im letzten Projektdrittel auswählen, weil dann Stoff und Farbe zum Rest passen.

Die Konzeptfrage steht vorher, und sie zielt noch auf kein Modell: Wird im Raum gesessen oder gelegen? Wird gelegen, ist der Reihenabstand mit ungefähr 1,80 Metern gesetzt und die Sichtlinienrechnung läuft über den Mischfall. Beides ändert den Rohbau: Der Sitzblock belegt rund 3,9 Meter der 6,50 Meter Raumtiefe, und die Stufe wird höher, als das Standardmaß von zwanzig Zentimetern es vorsieht.

Danach die Verfahrensfrage: Welche Bauart? Sie legt drei Zahlen fest — Tiefe in Ruhelage, Tiefe ausgefahren und Wandabstand hinter der letzten Reihe. Diese drei gehen in die Podestplanung ein, lange bevor ein Modell ausgewählt ist. Sie lassen sich als Korridor festhalten und mit dem Lieferanten abgleichen: „Der Sessel darf ausgefahren höchstens 1,85 Meter tief sein und höchstens 0,30 Meter Wandabstand brauchen" ist eine Anforderung, mit der ein Möbelhändler arbeiten kann.

Zuletzt das Gerät, und das ist hier das Möbel selbst. Jetzt entscheiden Stoff, Farbe, Polsterhärte und Ausstattung — innerhalb des Korridors, den der Raum vorgibt. Fällt die Wahl auf ein Modell außerhalb dieses Korridors, wird daraus eine Änderung am Podest, und die gehört zurück in die Rohbauplanung.

Parallel dazu läuft die Elektroplanung mit: Anschlüsse an jedem Platz, Zuleitung im Podest, dazu die Steuerleitung, wenn die Sessel in die Raumsteuerung eingebunden werden. Alle drei liegen unter dem Estrich.

Verknüpfte Inhalte

Die Rechnung, in die alle Maße dieser Seite eingehen, steht bei der Staffelung mehrerer Sitzreihen: Dort wird die Podesthöhe aus Sichtlinienfreiheit, Reihenabstand, Abstand der ersten Reihe und Höhe der Bildunterkante hergeleitet. Diese Seite liefert den Reihenabstand und den Verlust durch die Liegefunktion; sie wiederholt die Formel nicht.

Woher die Augenhöhe von 1 200 Millimetern kommt und wie weit sie streut, behandelt die Seite zur Bildhöhe und zum vertikalen Sichtwinkel. Welche Bildgrößen und Sitzabstände AVITECT je Stufe ansetzt, führen die Heimkino-Systemstufen aus.

Auf der Tonseite hängt zweierlei an der Sitzanordnung: die Sitz-zu-Sitz-Varianz als Maß dafür, wie unterschiedlich der Bass über die Plätze ausfällt, und der Sweet Spot als der eine Platz, den man nicht beliebig vervielfachen kann.

Quellen

Die Zahlen zu Reihenabstand, Sitztiefen in Ruhe- und Liegestellung, Mehrtiefe der letzten Reihe, Sitzmontage auf der Stufe und zur Wirkung der Liegefunktion auf Augenhöhe und Kopfposition stammen aus Rolv Gjestlands Leitfaden für den Kinosaalbau in der Fassung vom Oktober 2019. Gjestland berät seit 1984 die norwegische Kino-Organisation Film&Kino und war an fast jedem norwegischen Kinoneubau dieser Jahre beteiligt. Der Volltext wurde im Lauf vom 19. August 2026 am Objekt gelesen; für diese Seite wurden die dort dokumentierten Belegstellen verwendet.

Die Tiefenrechnung des Sitzblocks und die daraus abgeleiteten Meterangaben für den Beispielraum sind auf dieser Seite gerechnet. Sie folgen unmittelbar aus den Tiefenangaben des Leitfadens und lassen sich mit einem Taschenrechner nachvollziehen. Der Verlust an Sichtlinienfreiheit von rund 110 Millimetern stammt aus der Beispielrechnung der Staffelungsseite und wird hier nicht neu hergeleitet.

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