Hybrid- und Composite-Kabel führen mehrere Medien unter einem gemeinsamen
Mantel — Strom und Daten, Kupfer und Glasfaser, Koax und Speisung. Die
beiden Wörter sagen dabei weniger, als sie zu sagen scheinen: Welche
Kombination gemeint ist, hängt davon ab, wer spricht.
In einfachen Worten
Normalerweise hat jede Aufgabe ihr eigenes Kabel: eines für den Strom,
eines für das Netzwerk, eines für den Lautsprecher. Manchmal steckt
alles zusammen in einer einzigen Hülle. Das klingt praktisch, weil nur
einmal gezogen werden muss — und ist eine Entscheidung für die
Lebensdauer des Gebäudes. Geht die Hülle einmal kaputt, sind alle
Dienste darin auf einmal weg. Und weil jeder Hersteller sein eigenes
Bündel schnürt, gibt es später selten ein passendes Ersatzkabel.
Wer eine saubere Trennung der beiden Begriffe sucht, findet sie nirgends.
Die TIA hat 2020 klargestellt, dass bei ihr Hybrid Cable ein Kabel
mit Lichtwellenleitern und stromführenden Elementen meint und Composite
Cable ein Kabel aus zwei oder mehr Kabeleinheiten gleicher oder
verschiedener Medien. Der nordamerikanische Errichtungsstandard belegt
ausgerechnet den Fall Glasfaser plus stromführende Leiter mit dem Wort
Composite . Damit meinen die beiden meistzitierten Regelwerke der
Branche mit demselben Sachverhalt verschiedene Wörter — und ICEA und ISO
haben jeweils eigene Fassungen.
Im deutschen AV- und Smart-Home-Sprachgebrauch gibt es überhaupt keine
Festlegung. „Hybridkabel" steht dort für alles, was mehr als eine Sache
kann. Das ist kein Skandal, aber es hat eine Konsequenz für die
Ausschreibung: Der Name eines solchen Kabels ist keine Spezifikation.
Was drin ist, steht im Aufbau — Anzahl und Querschnitt der Adern, Art
und Zahl der Fasern, Aufbau des Koaxelements, Schirmung je Element — und
sonst nirgends.
Damit fehlt dieser Kabelart auch das, was jede genormte Leitungsart hat:
Eine genormte Belegung gibt es nicht. Welche Ader welche Funktion
übernimmt und welche Farbe sie hat, legt der Hersteller fest, und zwar je
Typ. Das ist der eigentliche Planungsbefund. Er ist der Grund, warum sich
ein solches Kabel weder blind konfektionieren noch durch das Produkt
eines anderen Anbieters ersetzen lässt.
Vier Kombinationen decken den Alltag ab. Bus mit Speisung ist die
häufigste: zwei Adern für die Versorgung, zwei für den Datenbus, unter
einem Mantel — die Verkabelung, mit der die Steuerungssysteme von Crestron
und Loxone arbeiten. Koax mit Speisung kommt aus der Kameratechnik und
bringt Bildsignal und Betriebsspannung in einem Zug an den Mast.
Glasfaser mit Kupfer löst das Problem, dass eine Faserstrecke Licht
überträgt, das Zielgerät aber Strom braucht, und steckt in vielen
HDMI-Verlängerungen über große Distanzen. Bündel für die Wand
schließlich fasst zusammen, was ohnehin an dieselbe Stelle geht — etwa
eine Datenleitung, ein Lautsprecherpaar und ein Koax für eine
Deckenposition.
Was diese Fälle verbindet, ist das Motiv: Eine Trasse ist teurer als ein
Kabel. Wo einmal gezogen wird statt viermal, spart das Arbeit,
Rohrquerschnitt und Platz. Die Rechnung geht auf — an dem einen Tag, an
dem gezogen wird.
Danach beginnt der andere Teil der Rechnung, und er hat drei Posten.
Der erste ist die gemeinsame Schadensursache . Ein Kabel ist eine
Einheit für Bagger, Schrauben und Brand. Was den Mantel trifft, trifft
alles darin — und damit ist die Idee erledigt, Steuerung und Bild
getrennt zu führen, damit im Fehlerfall noch etwas geht. Redundanz
innerhalb eines Mantels existiert nicht.
Der zweite ist die Herrschaft des schwächsten Elements . Für den
zulässigen Biegeradius, die Zugkraft, die Verlegetemperatur und die
Brandklasse gilt jeweils der strengste Wert im Verbund, denn der
Aufbau lässt sich nicht selektiv belasten. Ein Bündel mit einer Faser
darin erbt deren Biegeradius, auch wenn das Kupfer daneben viel mehr
aushielte. In der Planung heißt das: Der Rohrbogen wird nach dem
empfindlichsten Element bemessen, und die Angabe dafür steht im
Datenblatt des Verbunds, nicht in dem des Einzelelements.
Der dritte Posten ist die Ersetzbarkeit , und er wiegt am schwersten.
Ein solches Kabel ist eine Konstruktion seines Herstellers. Es gibt keine
Kategorie, in die es fällt, und damit auch kein gleichwertiges Produkt
eines anderen Anbieters — wer in zehn Jahren nachziehen oder reparieren
will, findet den Typ entweder noch im Programm oder eben nicht. Bei
getrennten Leitungen im Leerrohr stellt sich diese Frage gar nicht: Cat 6A
und ein Lautsprecherkabel bekommt man immer.
Sobald Netzspannung und Kleinspannung unter denselben Mantel geraten,
verlässt das Thema die Kabeltechnik und wird zur Frage der
Errichtungsnorm. Der Ausgangspunkt ist bekannt: Stromkreise der
Spannungsbereiche I und II dürfen nach DIN VDE 0100-520 § 528.1 nicht in
derselben Kabel- und Leitungsanlage liegen, wobei fünf Ausnahmen
bestehen. Die Bereichsgrenze liegt bei 50 V Wechsel- und 120 V
Gleichspannung.
Was daraus für ein Kabel folgt, das beide Seiten von vornherein
zusammenlegt, sagt AVITECT hier nicht. Offen ist bereits, ob ein
gemeinsamer Mantel im Sinne der Norm dieselbe Kabel- und Leitungsanlage
ist, und ebenso, wie die Ausnahmen auf einen Werksaufbau anzuwenden sind,
den niemand vor Ort verändern kann. Der Normtext liegt nicht vor, und
eine Antwort ohne ihn wäre eine Installationsvorschrift ohne Grundlage.
„Ein Kabel statt vier — das ist doch immer besser." Der Vorteil fällt an
einem Tag an, der Nachteil über die Nutzungsdauer. Wer beides
gegeneinander stellt, muss die richtigen Größen vergleichen: Auf der einen
Seite steht die eingesparte Zugarbeit und ein kleinerer Rohrquerschnitt,
auf der anderen ein Bauteil, das im Schadensfall alle Dienste mitnimmt
und sich später nicht typgleich nachkaufen lässt. Bei kurzen,
zugänglichen Wegen gewinnt oft das Hybridkabel; bei allem, was in der
Wand verschwindet und zwanzig Jahre halten soll, gewinnt fast immer das
Leerrohr mit getrennten Leitungen.
Der zweite Irrtum betrifft das Wort selbst. „Hybrid" auf einem Datenblatt
beschreibt keine Bauart und schon gar keine Norm. Es sagt nur, dass mehr
als eine Sorte Leiter im Mantel liegt — welche, in welcher Zahl und mit
welchen Eigenschaften, muss man lesen.
Multicore: Viele gleichartige Elemente unter einem Mantel, etwa ein
Kabel mit acht Mikrofonpaaren. Da alle Elemente dieselben Eigenschaften
haben, entfällt genau das Problem, um das es hier geht.
Bündel ohne gemeinsamen Mantel: Mehrere fertige Kabel, die nur
zusammengebunden oder mit einer Folie zusammengehalten sind. Jedes
behält seinen eigenen Mantel und seine eigenen Grenzwerte, und man kann
eines davon einzeln tauschen.
Aktives Optisches Kabel: Ein Kabel mit Elektronik in den Steckern,
das intern optisch überträgt. Eine zweite Nutzebene führt es nicht;
es ist eine Bauform eines einzelnen Signalwegs.
Leerrohr mit mehreren Leitungen: Die Alternative zum Hybridkabel und
keine Spielart davon. Gemeinsame Trasse ja, gemeinsamer Mantel nein —
und damit bleibt jedes Element einzeln tauschbar.
Ein Projektor an der Decke, 22 Meter vom Technikraum entfernt, Neubau,
Rohbauphase. Am Markt gibt es ein fertiges Hybridkabel, das Bild über
Faser und Strom über Kupfer in einem Zug an die Decke bringt — die
Verlockung, damit Steckdose und zweite Leitung zu sparen, ist real.
Vor der Kabelwahl steht aber eine andere Frage: Wie oft wird an dieser
Deckenposition in den nächsten fünfzehn Jahren etwas verändert? Bei einem
Projektor ist die ehrliche Antwort „mindestens zweimal" — Geräte werden
getauscht, und mit ihnen wechseln Anschlussart und Leistungsbedarf.
Ein ausreichend dimensioniertes
Leerrohr mit getrennten Leitungen hält die Position offen: Was heute eine
Faser ist, kann morgen eine zweite Faser sein, und die Stromseite bleibt
davon unberührt. Das Hybridkabel dagegen legt die Kombination fest — es
ist die richtige Wahl dort, wo der Weg schwer zugänglich, die Strecke
kurz und die Anwendung stabil ist, etwa bei einem Bus mit Speisung zu
einem Bedienpanel. Erst danach kommen Marken und Typen ins Spiel, und
für den Deckenweg ist die Entscheidung an dieser Stelle bereits gefallen.
Warum das Leerrohr die eigentliche Alternative ist und wie es bemessen
wird, steht auf der Seite zum
Leerrohr als Planungsgröße . Die
Grenzwerte, die im Verbund der strengste Wert werden, führen der
Mindestbiegeradius und die
Verlegetemperatur ; die Brandklasse des
gesamten Kabels behandelt das
Brandverhalten von Kabeln . Warum eine
Faser im Verbund besonders empfindlich gegen Querdruck ist, erklären
Makrobiegung und Mikrobiegung . Der Fall,
in dem Strom und Daten ohne zweiten Leiter auf derselben Ader laufen,
steht bei Power over Ethernet und bei
Power over HDBaseT .
Die TIA-Begriffsbestimmungen und der Hinweis auf die abweichenden
Fassungen von NEC, ICEA und ISO stammen aus einer Fachdarstellung eines
Kabelherstellers zur TIA-Klarstellung von 2020, die nur über einen
Auszug zugänglich war. Die NEC-Definition folgt Fachdarstellungen zum
Article 770. Die Aussage zur Trennung der Spannungsbereiche folgt
DIN VDE 0100-520 § 528.1 in der Wiedergabe einer deutschen
Elektro-Fachdarstellung; der Normtext lag nicht vor.