Ein Twisted Pair ist ein Aderpaar, dessen beide Leiter mit einer
festgelegten Schlaglänge umeinander gedreht sind — bei Netzwerkkabeln
typischerweise ein Schlag alle ein bis zwei Zentimeter, bei jedem Paar im
Kabel etwas anders. Die Verdrillung ist kein Fertigungsrest und keine
Zugentlastung, sondern das entscheidende Konstruktionsmerkmal: Sie ist der
Grund, warum ein ungeschirmtes Kabel neben einer Stromleitung liegen kann,
ohne dass die Verbindung zusammenbricht.
In einfachen Worten
Ein Datenkabel besteht aus Paaren, und die beiden Drähte eines Paares
sind umeinander gewickelt. Der Grund ist einfach: Alles, was von außen
stört, soll beide Drähte gleich treffen. Was beide gleich trifft,
erkennt das Gerät am anderen Ende als Störung und wirft es weg — es
hört nur auf den Unterschied zwischen den beiden. Damit das
funktioniert, müssen die Drähte bis kurz vor die Anschlussstelle
gewickelt bleiben. Wer sie zum Anschließen weit auseinanderdreht, nimmt
genau die Eigenschaft heraus, für die er das Kabel gekauft hat.
Ein Magnetfeld, das sich ändert, treibt in jeder Leiterschleife eine
Spannung — und wie groß sie ist, hängt von der Fläche ab, die die
Schleife aufspannt. Zwei parallel geführte Adern bilden eine lange,
schmale Schleife; ein Störfeld aus einer benachbarten Leitung koppelt in
diese Fläche ein, und das Ergebnis liegt als Spannung zwischen den beiden
Adern — also genau dort, wo das Nutzsignal steht.
Die Verdrillung greift diesen Mechanismus an zwei Stellen an. Sie
verkleinert erstens die Fläche, weil die Adern eng aneinanderliegen. Und
sie kehrt zweitens deren Orientierung mit jedem halben Schlag um: Was im
einen Abschnitt eine Spannung in die eine Richtung treibt, treibt sie im
nächsten in die andere, und über die Länge der Strecke bleibt in der Summe
sehr wenig übrig.
Beschrieben hat das Alexander Graham Bell schon 1881, in einer Zeit,
in der Telegrafen- und Bahnstromleitungen den frisch gebauten
Telefonnetzen dazwischenfunkten. Sein Patent auf den Telephone-Circuit
begründet die verdrillte Führung damit, dass die beiden Adern eines
Paares durch den Schlag abwechselnd dieselbe Lage zu allen übrigen Adern
einnehmen; deshalb, so das Patent, sei bei verdrillten Adern ihr Abstand
zueinander für die Störfreiheit ohne Belang. Das Argument ist bis heute
unverändert gültig, und die Bauform hat inzwischen mehr Kilometer im Boden
als jede andere.
Hier liegt der Punkt, an dem die verbreitete Kurzfassung „Verdrillung
unterdrückt Störungen" zu kurz greift. Die Verdrillung sorgt dafür, dass
die Störung auf beiden Adern gleich anliegt. Sie ist damit vom
Gegentakt in den Gleichtakt gewandert — aus dem Bereich, in dem das
Nutzsignal lebt, in einen Bereich, den der Empfänger ignorieren kann.
Weg ist sie erst, wenn am Ende ein symmetrischer Eingang sitzt, der nur
die Differenz der beiden Adern auswertet.
Twisted Pair und symmetrische
Übertragung sind deshalb keine zwei
unabhängigen Maßnahmen, sondern zwei Hälften derselben. Ein verdrilltes
Paar an einem unsymmetrischen Eingang bringt fast nichts, und ein
symmetrischer Eingang an zwei parallel geführten Adern ebenfalls wenig.
Daraus folgt die eigentliche Qualitätsgröße eines Datenkabels, und sie
heißt nicht Schirmung, sondern Symmetrie : Beide Adern müssen
elektrisch möglichst gleich sein — gleiche Länge, gleicher
Isolationsaufbau, gleiche Kapazität gegen Erde. Wo diese Gleichheit
verletzt wird, wandelt sich Gleichtakt teilweise zurück in Gegentakt, und
die Störung ist wieder da. Eine gequetschte Stelle, ein angeschnittener
Leiter, ein einseitig aufgedrehtes Paar: Jedes davon ist eine
Unsymmetrie.
In einem vieradrigen Datenkabel liegen vier Paare nebeneinander, und jedes
davon ist selbst eine Störquelle für die anderen — das Nebensprechen.
Hätten alle dieselbe Schlaglänge, lägen die Adern über die ganze Strecke
in gleichbleibender Lage zueinander, und die Einkopplung würde sich
aufaddieren statt sich auszumitteln. Deshalb bekommt jedes Paar eine
eigene Schlaglänge. Die unterschiedlichen Drehungen sind mit bloßem Auge
erkennbar, sobald man den Mantel abzieht.
Die Verdrillung hält die beiden Adern in einem konstanten Abstand. Damit
sind Kapazität und Induktivität je Meter festgelegt — und damit der
Wellenwiderstand des Paares. Er ist der
Grund, warum die einschlägigen Normen überhaupt Zahlen nennen können:
100 Ohm für die symmetrische Gebäudeverkabelung nach ISO/IEC 11801 und
TIA-568, 110 Ohm für AES3, rund 120 Ohm für RS-485 und die darauf
aufsetzenden Busse.
Und daraus folgt die Regel, die auf jeder Baustelle gebrochen wird: Am
Auflegepunkt darf das Paar nur ein kurzes Stück aufgedreht werden.
TIA-568 nennt dafür 13 Millimeter, gemessen von der letzten Schlagstelle
bis zur Schneidklemme. Was darüber hinausgeht, ist zweierlei zugleich —
eine Stelle ohne Verdrillung, an der eingekoppelt wird, und eine
Stoßstelle im Wellenwiderstand, an der reflektiert wird.
Die Bauform überträgt weit mehr als Ethernet, und das ist für die
Planung der interessante Teil: Es sind fast immer dieselben Kabelwege,
dieselben Verlegeregeln und dieselben Fehlerbilder.
Anwendung Nennwellenwiderstand Typischer Anschluss Ethernet nach ISO/IEC 11801 und TIA-568 100 Ω 8P8C, Keystone AES3 digital, symmetrisch 110 Ω XLR-3 RS-485 und RS-422, DMX512 rund 120 Ω je nach Anwendung KNX Twisted Pair, Cresnet und weitere Gebäudebusse je nach Bus Klemme, Euroblock analoges symmetrisches Audio, Mikrofon nicht relevant XLR, Klinke, Euroblock
Bei analogem Audio zählt allein die Störfestigkeit; der
Wellenwiderstand spielt dort keine Rolle, weil die Wellenlängen
kilometerlang sind. Bei allem Digitalen zählt beides.
„Geschirmt ist besser als verdrillt" ist der Irrtum, der beim Einkauf die
meisten Fehlentscheidungen erzeugt, und er verwechselt zwei Mechanismen
gegen zwei verschiedene Störarten. Die Verdrillung wirkt gegen
magnetische Einkopplung, wie sie von stromdurchflossenen Leitungen in
der Nähe ausgeht. Der Schirm wirkt gegen elektrische Felder und gegen
hochfrequente Einstrahlung. Das eine ersetzt das andere nicht. Ein
ungeschirmtes Kabel mit sauberer Symmetrie schlägt in der Praxis
regelmäßig ein geschirmtes, dessen Schirm an einem Ende nicht richtig
aufgelegt ist — denn ein einseitig oder gar nicht aufgelegter Schirm wirkt
nicht, und ein beidseitig aufgelegter kann bei Potentialunterschieden
zwischen zwei Gebäudeteilen selbst Ströme führen. Welcher Aufbau wann
sinnvoll ist, steht bei der Schirmung .
Der zweite ist handwerklich und begegnet einem an fast jeder
nachträglich gesetzten Dose: „Ein paar Zentimeter aufdrehen schadet
nicht." Es schadet erst dann sichtbar, wenn die Strecke mehr leisten muss
als bisher. Eine Verbindung mit weit aufgedrehten Paaren läuft mit
Gigabit-Ethernet oft klaglos und fällt in dem Moment aus, in dem eine
Kamera mit 10 Gigabit oder ein AV-over-IP-Gerät daran soll — und dann
sucht man den Fehler im Gerät.
Der dritte betrifft die Begriffe selbst. „Verdrillt" beschreibt den
Kabelaufbau, „symmetrisch" das Übertragungsverfahren. Ein
Cinch-Verlängerungskabel wird nicht dadurch symmetrisch, dass seine Adern
verdrillt sind.
Schirmung: eine leitfähige Hülle um Paar oder Kabel. Anderer
Mechanismus, andere Störart, eigene Anforderungen an die Auflegung.
Sternvierer: vier Adern, bei denen jeweils zwei gegenüberliegende
parallel geschaltet ein Signalleiter bilden. Dieser Aufbau mittelt das
Störfeld noch besser aus als ein Paar und ist bei Mikrofonleitungen
verbreitet — er hat dafür eine höhere Kapazität je Meter.
Verseilung des Gesamtkabels: Dass mehrere Paare gemeinsam
verdrallt im Mantel liegen, ist Fertigungstechnik und dient der
Flexibilität und der Formstabilität. Die störunterdrückende Wirkung
steckt im Paar, nicht im Bündel.
Symmetrische Übertragung: das Verfahren am Sender und Empfänger.
Twisted Pair ist das Medium, das dieses Verfahren erst wirksam macht —
aber die beiden Begriffe bezeichnen nicht dasselbe.
In einem Neubau sind zwölf Netzwerkdosen gesetzt worden, alle vom
Elektriker aufgelegt, alle „geprüft" im Sinne von: Der Rechner bekommt
eine Verbindung. Ein Jahr später kommen Deckenlautsprecher mit
AV-over-IP, zwei Access Points und vier PoE-Kameras dazu. Drei Strecken
laufen nicht stabil, zwei Kameras starten immer wieder neu.
Jede Fehlersuche beginnt beim Soll: Was soll diese Verkabelung
übertragen — heute und in zehn Jahren? Eine Strecke für einen
Bürorechner und eine Strecke für zeitkritische Audio- und Videodaten mit
gleichzeitiger Stromversorgung sind unterschiedliche Anforderungen an
dieselbe Leitung. Solange das nicht festgelegt ist, gibt es keinen
Maßstab, an dem eine Dose „richtig" ist.
Der Weg dorthin ist unspektakulär: messen statt vermuten. Eine
Zertifizierungsmessung über den Permanent Link zeigt Nebensprechen und
Rückflussdämpfung und findet damit genau die Fehler, die eine
Verbindungsprüfung übersieht — aufgedrehte Paare, gequetschte Stellen,
Module der falschen Kategorie. Dazu gehört die Sichtprüfung an den Dosen:
Wie weit sind die Paare geöffnet, sitzt der Mantel bis unmittelbar an die
Klemmstelle, ist die Zugentlastung gesetzt.
Erst danach kommen Geräte und Komponenten ins Spiel — und die Erfahrung
aus solchen Situationen ist, dass die Nacharbeit fast immer an den
Auflegestellen liegt und nicht am Kabel in der Wand. Ausgetauscht werden
Module und Patchkabel, nicht die Installation.
Warum die Gegenstelle die Störung erst wegrechnet, steht bei der
symmetrischen
Übertragung ; warum die feste
Geometrie des Paares einen Zahlenwert ergibt, beim
Wellenwiderstand . Die Schirmungsvarianten
und ihre Notation behandeln Schirmung und
Schirmungsnotation , die Leistungsklassen
der Kabel die Kabelkategorien . Was an
Netzwerkinfrastruktur im Haus zusammenkommt, steht bei den Grundlagen des
Heimnetzwerks , die Stromversorgung über
dieselbe Leitung bei Power over
Ethernet .
Die Verdrillung als Mittel gegen induktive Störung und ihre Begründung
gehen auf Bells Patent von 1881 zurück, das für diese Seite im Volltext
eingesehen wurde. Die Nennwellenwiderstände und die Anforderungen an
Nebensprechen stammen aus ISO/IEC 11801 und ANSI/TIA-568, der Wert für
AES3 aus der AES3-Norm, die differentiellen Steuerschnittstellen aus
TIA-485 und TIA-422.