Ein Sternvierer führt eine einzige symmetrische Verbindung über vier
Adern. Die vier Leiter liegen im Querschnitt kreuzweise um die
Kabelachse, und je zwei gegenüberliegende werden an beiden Enden
zusammengeschaltet — sie bilden zusammen die eine Signalseite, die
anderen beiden die andere. Vier Adern, ein Kanal: Das ist der Punkt, an
dem die meisten Missverständnisse zu dieser Bauform beginnen.
In einfachen Worten
Ein normales Mikrofonkabel hat zwei Drähte für das Signal. Ein
Sternvierer hat vier davon, kreuzweise angeordnet, und immer zwei
davon gehören zusammen. Der Zweck ist kein zweiter Kanal, sondern
Ruhe: Läuft das Kabel an einer Stromleitung entlang, erwischt deren
Magnetfeld beide Signalhälften jetzt so gleichmäßig, dass am Ende
praktisch nichts davon übrig bleibt. Du kaufst Dir das mit einem
dickeren, etwas trägeren Kabel — für lange Analogwege im Haus ist das
ein guter Handel, für schnelle Digitalstrecken nicht.
Ein verdrilltes Paar bekämpft magnetische Einstreuung dadurch, dass es
die von den beiden Adern aufgespannte Fläche klein hält und ihre
Orientierung mit jedem halben Schlag umkehrt. Das funktioniert gut, hat
aber eine Restschwäche: Die beiden Adern liegen zwangsläufig an
verschiedenen Orten im Kabelquerschnitt. In einem Störfeld, das über den
Kabeldurchmesser hinweg nicht exakt gleich stark ist — und das ist es in
der Nähe einer Stromleitung nie —, sieht die eine Ader ein etwas anderes
Feld als die andere. Was übrig bleibt, steht als Differenz zwischen den
Adern und damit genau dort, wo das Nutzsignal lebt.
Der Sternvierer setzt an dieser Restschwäche an. Werden die beiden
gegenüberliegenden Adern eines Vierers parallelgeschaltet, liegt der
elektrische Schwerpunkt dieser Signalseite auf der Verbindungslinie
zwischen ihnen — also im Zentrum des Sterns. Für die zweite Signalseite
gilt dasselbe. Beide Hälften der Verbindung haben damit denselben
geometrischen Ort, obwohl sie aus verschiedenen Drähten bestehen. Ein
Störfeld kann sie deshalb kaum noch unterschiedlich treffen; die
eingekoppelte Spannung wird zur reinen Gleichtaktgröße, und die räumt
der symmetrische Eingang am Ende weg. Zusammenstellungen zur Bauform
nennen dafür eine Verbesserung um rund 10 bis 30 dB gegenüber der
zweiadrigen Ausführung.
Das Prinzip stammt aus der Fernmeldetechnik, wo Vierer-Verseilungen seit
über hundert Jahren gebaut werden. Neben dem Sternvierer gab es dort den
Dieselhorst-Martin-Vierer , benannt nach den beiden
Fernmeldeingenieuren Dieselhorst und Martin: zwei verdrillte Paare mit
unterschiedlicher Schlaglänge, ihrerseits zu einem Vierer verseilt. Er
zielte auf niedrigere Kapazität im Phantomkreis und wurde bis in die
1970er-Jahre in Orts- und Fernkabeln der Post verwendet — das Fernkabel
Berlin–Hannover von 1914 enthielt 26 solcher Vierer. Durchgesetzt hat
sich am Ende die einfachere Sternform, weil der DM-Vierer aufwendiger zu
fertigen war und einen spürbar größeren Kabeldurchmesser mit sich
brachte.
Für den Sternvierer gibt es keine übergreifend genormte Belegung. Welche
Adernfarbe zu welcher Signalseite gehört, legt der Kabelhersteller fest,
und die Farbschemata unterscheiden sich zwischen den Baureihen. Was
festliegt, ist die Regel dahinter , und die ist rein geometrisch: Es
werden immer die beiden Adern zusammengeschaltet, die sich im
Querschnitt diagonal gegenüberliegen — nie zwei benachbarte.
An dieser Unterscheidung hängt der ganze Unterschied zwischen einem
Sternvierer und einem gewöhnlichen vieradrigen Kabel. Wer benachbarte
Adern paart, erhält zwei ganz normale Paare mit ihrem üblichen Restfehler
und hat den gesamten Vorteil der Bauform weggeworfen, ohne dass
irgendetwas ausfällt. Die Verbindung funktioniert, klingt richtig und
brummt bei ungünstiger Verlegung trotzdem. Deshalb gehört die Zuordnung
beim Konfektionieren am Kabelmantel nachgesehen und nicht aus dem
Gedächtnis gesetzt.
Vier Adern in engem Abstand haben eine deutlich größere Fläche
gegeneinander als zwei. Die Kapazität eines Sternvierers je Meter fällt
entsprechend höher aus — als Größenordnung wird genannt, dass ein
Sternvierer sich kapazitiv wie ein zweiadriges Kabel von etwa der
1,5-fachen Länge verhält. Zusammen mit der Ausgangsimpedanz der
sendenden Stufe bildet diese Kapazität einen Tiefpass, und der wirkt
oben im Übertragungsbereich.
Für ein Mikrofonsignal an einem niederohmigen Ausgang über dreißig Meter
ist das folgenlos. An einem hochohmigen Ausgang — etwa einem
Röhrengerät oder einem einfachen unsymmetrischen Line-Ausgang — und über
größere Längen wird daraus eine hörbare Höhenabsenkung. Und für alles,
was mit hohen Frequenzen arbeitet, scheidet die Bauform ohnehin aus:
Ein Sternvierer hat keinen definierten Wellenwiderstand im Sinne der
Datenübertragung und ist für AES3, für Ethernet oder für Videosignale
kein Kandidat.
Dazu kommt der praktische Teil. Ein Sternvierer ist dicker und steifer
als ein zweiadriges Kabel gleichen Querschnitts, und beim Anschließen
sind acht statt vier Aderenden zu verarbeiten. Bei einer Handvoll
Verbindungen fällt das nicht ins Gewicht; bei einer Bühnenverkabelung
mit vierzig Wegen ist es eine Entscheidung mit Preisschild.
„Sternvierer heißt vier Adern, also kann ich Stereo darüber schicken."
Das ist der teuerste Irrtum zu dieser Bauform, weil er nicht auffällt.
Wer die vier Adern als zwei getrennte Paare beschaltet, bekommt zwei
funktionierende Kanäle — und ein Kabel, das seine besondere Eigenschaft
verloren hat. Schlimmer noch: Zwei benachbarte Adern eines Vierers
liegen so eng beieinander und sind so eng mit den beiden anderen
verkoppelt, dass das Übersprechen zwischen den beiden so gebildeten
Kanälen höher ausfällt als bei einem ordentlichen Zweipaar-Kabel. Die
Bauform ist für einen Kanal optimiert, und jede andere Verwendung ist
schlechter als das billigere Kabel daneben.
Der zweite verbreitete Kurzschluss lautet, ein Sternvierer sei „besser
geschirmt". Schirm und Vierer sind zwei verschiedene Maßnahmen gegen
zwei verschiedene Felder. Ein Schirm hält elektrische Felder ab und ist
gegen niederfrequente Magnetfelder — das Feld eines Trafos, einer
Zuleitung, eines Dimmers — weitgehend machtlos, weil er dafür aus
ferromagnetischem Material bestehen müsste. Der Vierer wirkt genau dort,
wo der Schirm aufgibt. Deshalb sind fast alle Sternvierer-Kabel
zusätzlich geschirmt: Die beiden Maßnahmen ersetzen einander nicht,
sondern decken je eine Hälfte des Problems ab.
Vieradriges Kabel mit zwei Paaren: Gleiche Aderzahl, anderer
Zweck. Zwei Paare übertragen zwei Kanäle, ein Sternvierer einen.
Twisted Pair: Die Grundmaßnahme, auf der der Vierer aufsetzt. Die
Verdrillung bleibt im Sternvierer erhalten — der Stern kommt dazu.
Dieselhorst-Martin-Vierer: Ebenfalls eine Viererverseilung,
historisch für Phantomkreise in Fernmeldekabeln optimiert und heute
ohne Bedeutung in der AV-Technik.
Schirmung: Wirkt gegen elektrische Felder und gegen hochfrequente
Einstreuung. Beim Magnetfeld einer benachbarten Stromleitung übernimmt
der Vierer.
In einem Wohnhaus mit Kinoraum im Untergeschoss soll ein aktiver
Subwoofer an der Rückwand versorgt werden. Der einzige verfügbare Weg
für das Signalkabel verläuft über achtzehn Meter parallel zur
Steigleitung des Hauses, mit rund zwanzig Zentimetern Abstand — mehr
gibt der Schacht nicht her.
Prüf, ob die Störquelle überhaupt umgangen werden kann.
Sie kann es hier nicht: Der Weg liegt fest, der Abstand ebenfalls, und
das Feld einer Zuleitung ist niederfrequent und magnetisch. Damit
scheidet die Standardantwort „besser schirmen" aus, bevor sie
ausgesprochen ist.
Das Vorgehen hat zwei Teile. Erstens die
symmetrische Führung, ohne die kein Gleichtaktvorteil überhaupt
auswertbar wird. Zweitens die Bauform des Kabels — hier ist der
Sternvierer die passende Wahl, weil er genau die Feldart angreift, die
übrig bleibt. Achtzehn Meter an einem niederohmigen symmetrischen
Ausgang liegen kapazitiv unkritisch, und für ein Subwoofersignal wäre
selbst eine leichte Höhenabsenkung ohne Belang.
Zuletzt das Gerät, und dort bleibt genau eine Prüfung übrig: Hat
der Subwoofer einen echten symmetrischen Eingang? Hat er ihn nicht,
nützt der Vierer wenig, weil niemand die Differenz bildet — dann geht es
um einen Übertrager am Geräteende, und die Kabelfrage wird zur zweiten
Frage.
Warum die Verdrillung überhaupt wirkt und was sie mit der Störung macht,
steht bei Twisted Pair ; warum am Ende ein
Empfänger stehen muss, der die Differenz bildet, bei der
symmetrischen Übertragung und
beim CMRR . Womit sich elektrische Felder abhalten
lassen, behandelt der Eintrag zur Schirmung ; wie
weit Daten- und Energieleitungen auseinander gehören, die
Trennklassen .
Aufbau und Wirkprinzip sind in Fachdarstellungen zur Bauform übereinstimmend
beschrieben; die Zahlenangaben zu Störreduktion und Kapazität stammen aus
einer Herstellerunterlage und einer sekundären Zusammenstellung und sind
oben entsprechend eingeschränkt. Die fernmeldetechnische Herkunft samt
Dieselhorst-Martin-Vierer und dem Fernkabel Berlin–Hannover von 1914 ist
über eine unabhängige Zusammenstellung zur Viererverseilung belegt.