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Nachhall-Toleranzmaske

Was ist die Nachhall-Toleranzmaske aus ITU-R BS.1116-3 und EBU Tech 3276 — und wie liest man sie?

Die Nachhall-Toleranzmaske ist ein frequenzabhängiger Korridor um die mittlere Nachhallzeit eines Raums. Sie beantwortet die Frage, wie weit die Nachhallzeit einzelner Frequenzbänder vom Mittelwert des Raums abweichen darf, bevor der Raum hörbar ungleichmäßig nachklingt. Definiert ist sie in zwei frei zugänglichen Referenzdokumenten für Abhörräume: ITU-R BS.1116-3 und EBU Tech 3276.

Stell Dir die gemessene Nachhallzeit Deines Raums als Linie über die Frequenz vor — links der Bass, rechts die Höhen. Die Maske ist ein Schlauch um den Mittelwert dieser Linie: Solange die Linie im Schlauch bleibt, klingt der Raum über alle Töne hinweg gleichmäßig aus. Der Schlauch ist dabei bewusst nicht überall gleich weit. Im Bass ist er breit, weil dort kein realer Raum so gleichmäßig sein kann wie in den Mitten; in den Mitten und Höhen ist er eng, weil das Ohr dort schon kleine Unterschiede als Verfärbung hört.

Wozu die Maske dient

Eine einzelne Sekundenangabe sagt wenig über einen Raum, denn die Nachhallzeit wird je Frequenzband gemessen und fällt im Bass fast immer länger aus als in den Höhen. Die Maske bewertet genau diese Streuung: Sie nimmt den Mittelwert des Raums als Bezugslinie und zieht darum eine obere und eine untere Grenze, beide abhängig von der Frequenz. Bewertet wird also die Form des Nachhallverlaufs — wie gleichmäßig der Raum ausklingt — und nicht seine absolute Höhe. Für die Höhe selbst gibt es eigene Vorgaben; bei AVITECT ist das die Kategorie Nachhallzeit, die Homogenität bewertet die Seite Performance Level: Nachhall-Homogenität.

Wer sie herausgibt

Die Maske steht in zwei Dokumenten, die inhaltlich eng verwandt sind:

  • ITU-R BS.1116-3 (Ausgabe 02/2015) stammt von der Radiocommunication-Abteilung der Internationalen Fernmeldeunion, einer UN-Sonderorganisation. Die Empfehlung beschreibt Hörtests für kleinste Qualitätsunterschiede in Audiosystemen — und dafür auch den Referenzraum, in dem solche Tests stattfinden dürfen. Die Maske steht dort in § 8.2.3.1 mit Figur 1.
  • EBU Tech 3276 (2. Ausgabe, Mai 1998) stammt von der Europäischen Rundfunkunion, dem Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Das Dokument beschreibt Abhörbedingungen für Referenz-Abhörräume und Tonregien. Die Maske steht dort in § 2.3 mit Fig. 1.

Beide Dokumente sind kostenlos abrufbar und beschreiben denselben Grundgedanken mit derselben Bezugsformel. AVITECT nutzt sie als Anker, weil sie die strengste frei verifizierbare Referenz für gleichmäßigen Nachhall sind: Räume, die diese Maske einhalten, gelten im Rundfunk als gut genug, um dort über Sendequalität zu entscheiden. Ein Wohnraum muss das nicht erreichen — als Maßstab für die oberen Performance-Level ist es genau das richtige Anspruchsniveau.

Wie man sie liest

Drei Dinge entscheiden über die richtige Lesart:

  1. Der Bezugswert ist der eigene Mittelwert des Raums. Beide Dokumente bilden zuerst den Mittelwert T<sub>m</sub> der gemessenen Nachhallzeiten zwischen 200 Hz und 4 kHz. Die Maske beschreibt dann die zulässige Differenz T − T<sub>m</sub> je Band. Ein halliger und ein trockener Raum können beide die Maske einhalten — sie verlangt Gleichmäßigkeit, keinen bestimmten Absolutwert.
  2. Es ist ein Band, keine Einzelzahl. Ober- und Untergrenze gelten gemeinsam: Ein Band, das deutlich kürzer nachklingt als der Rest, ist genauso ein Verstoß wie eines, das länger nachklingt.
  3. Der Korridor öffnet sich nach unten hin. Zwischen 200 Hz und 4 kHz ist er eng; unterhalb von 200 Hz weitet sich die Obergrenze mit fallender Frequenz stark auf. Das ist keine Nachlässigkeit der Herausgeber: Unterhalb von etwa 200 Hz bestimmen die Raummoden das Abklingen, und dort ist weder die Gleichmäßigkeit der Mitten erreichbar noch eine kurze Nachhallzeit zuverlässig messbar — BS.1116-3 vermerkt die Messschwierigkeit bei tiefen Frequenzen ausdrücklich in einer Fußnote.

Die Eckwerte am Original

Beide Dokumente wurden für diese Seite vollständig an der frei zugänglichen Fassung gelesen. Der Bezugswert ist in beiden identisch definiert: T<sub>m</sub> ist der Mittelwert der in Terzbändern gemessenen Nachhallzeiten von 200 Hz bis 4 kHz, und als Richtwert für seine Höhe nennen beide T<sub>m</sub> = 0,25 · (V/V₀)^(1/3) Sekunden mit V₀ = 100 m³ — größere Räume dürfen also etwas länger nachklingen. EBU Tech 3276 grenzt T<sub>m</sub> zusätzlich absolut auf 0,2 bis 0,4 s ein.

Die Maske selbst gilt in beiden Dokumenten von 63 Hz bis 8 kHz. Die Eckwerte aus ITU-R BS.1116-3, Figur 1 (Toleranz relativ zu T<sub>m</sub>):

FrequenzbereichObergrenzeUntergrenze
63 Hz → 200 Hzvon +0,3 s linear fallend auf +0,05 sunterhalb 100 Hz keine gezeichnet; ab 100 Hz −0,05 s
200 Hz – 4 kHz+0,05 s−0,05 s
4 kHz – 8 kHz+0,1 s−0,1 s

EBU Tech 3276, Fig. 1 zeigt denselben Verlauf mit einem Unterschied am oberen Ende: Oberhalb von 4 kHz bleibt die Obergrenze dort bei +0,05 s, nur die Untergrenze fällt auf −0,1 s. Die EBU-Fassung ergänzt außerdem eine Sprungregel zwischen benachbarten Terzbändern: Die Differenz ΔT zwischen zwei Nachbarbändern soll unter 0,05 s bleiben (200 Hz bis 8 kHz) beziehungsweise unter 25 % der längeren Zeit (unterhalb 200 Hz). Diese Nachbarband-Regel ist die Fundstelle für die Werte, die im AVITECT-Arbeitsstand als L3-Schwelle der Nachhall-Homogenität stehen.

Was das für die Performance-Level bedeutet

Im AVITECT-Levelaufbau ist die Maske der Systemwechsel innerhalb der Kategorie Nachhall-Homogenität: Bis L3 gilt eine einfache Toleranz in Sekunden, ab L4 gilt der frequenzabhängige Korridor dieser Seite. Wer die Maske einhält, hat damit automatisch auch die einfachere L3-Anforderung erfüllt — der Korridor ist im Kernbereich enger als jede Einzelzahl-Toleranz. Die Leiter selbst, ihre offenen Punkte und das zusätzliche Bassverhältnis beschreibt Performance Level: Nachhall-Homogenität.

Nicht zu verwechseln mit

  • Ziel-Nachhallzeit: Die Maske begrenzt Abweichungen vom Mittelwert des Raums. Wie hoch dieser Mittelwert liegen soll, regeln eigene Vorgaben (in beiden Dokumenten die Formel für T<sub>m</sub>).
  • Zielkurve des Frequenzgangs: Eine Pegelvorgabe über der Frequenz. Die Maske beschreibt Zeiten, keine Pegel.
  • Toleranzmaske der Betriebsschallpegelkurve: Beide Dokumente enthalten eine zweite Maske (jeweils Fig. 2) für den Frequenzgang am Hörplatz — gleicher Name, anderer Gegenstand.

Verknüpfte Inhalte

Was die Nachhallzeit ist und wie sie gemessen wird, steht in ihrem Glossareintrag. Wie AVITECT die Gleichmäßigkeit des Nachhalls in die Level-Leiter einordnet, beschreibt Performance Level: Nachhall-Homogenität. Warum der Bereich unterhalb von 200 Hz eigenen Gesetzen folgt, erklären die Raummoden.

Quellen

Alle Zahlenwerte dieser Seite stammen aus ITU-R BS.1116-3 (02/2015), § 8.2.3.1 samt Figur 1, und aus EBU Tech 3276 (2. Ausgabe, Mai 1998), § 2.3 samt Fig. 1; beide Dokumente wurden für diese Seite am 2026-08-27 an den frei zugänglichen Fassungen der Herausgeber gelesen. Die Einordnung in die AVITECT-Level stammt aus dem internen Register der Performance-Level-Kategorien (Eintrag AKU-RTH) und der Level-Matrix v0.6, Abschnitt 3.1 — beides Arbeitsdokumente ohne Freigabe.

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