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Early Decay Time (EDT)

Was ist die Early Decay Time — und warum passt sie besser zum Höreindruck als T20 oder T30?

Die Early Decay Time ist eine Nachhallzeit, die nur aus dem Anfang der Abklingkurve gewonnen wird: aus den ersten 10 dB. Der gemessene Wert wird mit sechs multipliziert und damit wie T20 und T30 auf einen Abfall um 60 dB hochgerechnet.

Ob ein Raum hallig wirkt, entscheidest Du in den ersten Sekundenbruch- teilen, nachdem ein Geräusch aufgehört hat. Was danach noch leise weiterläuft, hörst Du kaum — es ist längst vom nächsten Ton überdeckt. Genau diesen Anfang misst diese Größe. Deshalb passt sie oft besser zu dem, was Du empfindest, als der übliche Kennwert, der ein späteres Stück auswertet. Der Haken: Sie fällt an jedem Platz im Raum anders aus. Eine Zahl für den ganzen Raum gibt es hier nicht.

Ausführliche Erklärung

Alle drei Größen — EDT, T20 und T30 — lesen dieselbe Abklingkurve ab und unterscheiden sich nur darin, welches Stück sie auswerten. Der Grund, warum es die EDT trotzdem gibt, liegt nicht in der Messtechnik, sondern im Gehör: Beim Hören beurteilt man den Beginn des Ausklingens. Der späte Teil, den T30 auswertet, liegt im laufenden Programm meist schon unter dem nächsten Ton und trägt zum Eindruck kaum bei. Der dänische Akustiker Vilhelm Jordan schlug die Größe 1970 genau aus diesem Grund vor, und ISO 3382 führt sie seither als den Parameter für das Nachhallempfinden.

Zwei Eigenschaften folgen daraus, und beide sind für die Praxis wichtiger als der Zahlenwert selbst.

Die EDT ist ortsabhängig, T30 kaum. In den ersten 10 dB steckt noch der Direktschall und stecken die frühen Reflexionen. Wer nah an den Lautsprechern sitzt, bekommt viel Direktschall, die Kurve fällt am Anfang steil, und die EDT wird kurz. Weiter hinten überwiegt das Reflexionsgemisch, der steile Anfang fehlt, und die EDT steigt. T30 dagegen wertet einen Bereich aus, in dem der Direktschall längst keine Rolle mehr spielt — deshalb liefert er über den Sitzbereich hinweg ähnliche Werte. Genau das ist der Grund, warum ein Nachhallprotokoll mit einer einzigen Zahl einen Raum als gleichmäßig ausweisen kann, in dem die Plätze verschieden klingen.

Die EDT braucht den geringsten Störabstand. Nach derselben Logik, die T20 rund 35 und T30 rund 45 dB abverlangt — Untergrenze des Auswertebereichs plus Sicherheitsabstand —, kommt sie mit rund 20 dB aus. In kleinen Wohnräumen und in den unteren Mittenbändern oberhalb der Schroeder-Frequenz ist sie deshalb oft die einzige Größe, die sich überhaupt sauber auswerten lässt. Dafür reagiert sie empfindlich auf den festgelegten Startpunkt: Ein paar Millisekunden Versatz verschieben bei einem kurzen Abklingen bereits das Ergebnis.

Das Verhältnis von EDT zu T30 ist dabei aussagekräftiger als jeder der beiden Werte für sich. Sind beide gleich, klingt der Raum an dieser Position gleichmäßig ab. Liegt die EDT deutlich darunter, fällt der Anfang der Kurve steiler als ihr Ende, und dafür kommen zwei Ursachen in Frage: ein Platz, an dem der Direktschall überwiegt, oder eine geknickte Kurve mit flachem Schwanz, wie sie gekoppelte Räume erzeugen. Welche von beiden vorliegt, trennt der Blick auf T20 gegen T30 und der Wechsel der Messposition — bei einer Kopplung bleibt der Knick erhalten, beim Direktschall verschwindet er mit dem Abstand zur Quelle. Der umgekehrte Fall, eine EDT oberhalb von T30, kommt vor, ist aber selten.

Eine Grenze teilt die EDT mit allen Nachhallgrößen: Sie gilt nur oberhalb der Schroeder-Frequenz. Warum darunter die modale Abklingzeit die richtige Größe ist, führen T20 und T30 aus.

Häufiges Missverständnis

„Die EDT ist der genauere Wert, weil sie näher am Höreindruck liegt." Wahrnehmungsnäher und genauer sind zwei verschiedene Dinge. Die EDT ist der empfindlichere Kennwert — empfindlich gegen Position, gegen Lautsprecherrichtung, gegen den Startpunkt der Auswertung. Sie ist damit ein gutes Diagnosewerkzeug und ein schlechter Abnahmewert. Zielwerte in Normen und Empfehlungen sind aus guten Gründen auf T20 und T30 formuliert: Diese Größen beschreiben den Raum, die EDT beschreibt einen Platz im Raum.

Das zweite Missverständnis begegnet einem in Messprotokollen. Weil viele Programme EDT, T20 und T30 nebeneinander ausgeben, wird die Abweichung gern als Messfehler gelesen und die abweichende Spalte gestrichen. Warum der Unterschied das Ergebnis ist und kein Fehler, führt der Eintrag zu T20 und T30 aus; für die EDT kommt hinzu, dass sie als einzige der drei Größen den Platz beschreibt. Wer nur eine Spalte behält, verliert genau die Auskunft über die Form der Kurve, auf die es ankommt.

Nicht zu verwechseln mit

  • T20 und T30: spätere Abschnitte derselben Kurve, ausgewertet ab −5 dB. Sie erfassen das Abklingen erst, wenn der Direktschall keine Rolle mehr spielt, und streuen deshalb kaum über die Plätze.
  • Nachhallzeit als Zielgröße: Was Normen und Empfehlungen an Werten nennen, meint T20 oder T30. Eine EDT gegen einen solchen Zielwert zu halten, vergleicht zwei verschiedene Größen.
  • Modale Abklingzeit: Sie gehört zu einer einzelnen Resonanz und nicht zu einem Feld, das abklingt — unterhalb der Schroeder-Frequenz daher die zuständige Größe, und ohne Bezug zur EDT.
  • Anfangszeitlücke: der zeitliche Abstand zwischen Direktschall und erster Reflexion. Sie beschreibt ein Ereignis, die EDT eine Steigung.

Aus der Praxis

In einem Wohnkino mit zwei Sitzreihen beschreibt der Kunde die vordere Reihe als trocken und direkt, die hintere als hallig — obwohl das Messprotokoll für den Raum eine Nachhallzeit im Zielbereich ausweist und über alle Positionen kaum streut.

Der Widerspruch löst sich, sobald die EDT je Position danebensteht: Sie fällt vorne kurz aus und hinten deutlich länger, während T30 überall ähnlich bleibt. Der Raum ist nicht ungleichmäßig gedämpft, die Plätze stehen nur unterschiedlich zum Direktschall. Zu entscheiden ist damit etwas anderes als die Absorptionsmenge, nämlich ob die hintere Reihe mehr Direktschall bekommen soll oder weniger Reflexion. Ausrichtung und Sitzabstand kommen daher zuerst, dann eine gezielte Bedämpfung der Flächen, die gerade diese Reihe erreichen, und zuletzt die Frage nach Material und Gerät. Ein zusätzlicher Absorber an der Rückwand hätte T30 kaum verändert und das eigentliche Problem, den fehlenden Direktschallanteil in der hinteren Reihe, gar nicht berührt.

Verknüpfte Inhalte

Wie die Abklingkurve entsteht und was ihre Krümmung bedeutet, führen T20 und T30 aus; die Größe selbst behandelt die Nachhallzeit. Woher die Kurve kommt, steht bei der Impulsantwort, warum ein zweistufiger Verlauf entsteht, bei den gekoppelten Räumen. Die Frage, wo der Direktschall gegenüber dem Diffusfeld dominiert, klären Hallradius sowie Direktschall und Diffusfeld.

Quellen

Auswertebereich, Extrapolationsfaktor und die Einordnung der EDT als Parameter für das Nachhallempfinden stammen aus ISO 3382-1; die Ortsabhängigkeit und der Zusammenhang mit dem Direktschallanteil folgen der Standardliteratur zur Raumakustik.

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