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Frühe Reflexionen (Performance Level Akustik)
Wie stark müssen die frühen Reflexionen in einem Heimkino gedämpft sein — und ab welchem Wert liegt der Raum auf welchem Performance Level?
Ein Heimkino-Raum wirft den Schall jedes Lautsprechers von Wänden, Decke und Boden zurück, und die ersten dieser Rückwürfe treffen den Hörplatz nur wenige Millisekunden nach dem Direktschall. Die frühen Reflexionen, im Register AKU-ER, bewerten eine einzige Größe: wie viel leiser diese Rückwürfe am Sitzplatz ankommen. Gemessen wird die Dämpfung im Zeitfenster von 0 bis 15 ms nach dem Direktschall und im Band von 1 bis 8 kHz — dem Bereich, in dem das Gehör Richtung und Klarheit entscheidet. Wo diese Rückwürfe entstehen und wie Du die Stelle mit einem Spiegel findest, steht beim Erstreflexionspunkt; hier geht es darum, welcher gemessene Wert welches Level bedeutet.
Wenn im Film jemand von links spricht, hörst Du den Ton nicht nur vom Lautsprecher, sondern kurz danach noch einmal von der Wand daneben. Dein Gehör kann die beiden nicht auseinanderhalten und mischt sie zu einem breiigen Klangbild zusammen. Wo genau die Stimme steht, wird dadurch ungenau, und Sprache wird anstrengender. Deshalb schaut AVITECT im Kinoraum darauf, wie laut diese ersten Rückwürfe noch sind — je leiser, desto sauberer das Bild im Ohr.
Warum die Zahl im Heimkino zählt
Mehrkanalton stellt Klänge an bestimmte Orte im Raum, und diese Orte sind Teil der Mischung. Kommt ein früher Rückwurf fast so laut an wie der Direktschall, verschiebt und verbreitert er die wahrgenommene Quelle: Der Effekt sitzt dann irgendwo zwischen Lautsprecher und Wand statt dort, wo die Tonmischung ihn hingelegt hat. Bei Bewegungen über mehrere Kanäle wird aus dem präzisen Schwenk ein Wischen.
Der zweite Effekt ist die Klarheit. Frühe Rückwürfe verlängern jeden Einschwingvorgang, und dadurch verwaschen Konsonanten und feine Details. Das fällt bei Dialog am ehesten auf und macht sich als Anstrengung bemerkbar, bevor es als Fehler auffällt — man dreht lauter und versteht trotzdem nicht besser.
Der dritte Grund ist die Gleichheit der Kanäle. Ein Kinoraum hat mindestens fünf Hauptkanäle, oft mehr, und jeder von ihnen hat eigene Reflexionswege. Sind sie unterschiedlich stark gedämpft, klingt dasselbe Signal je nach Kanal anders, und die Hüllkurve über alle Kanäle zerfällt. Genau deshalb zählt die Kategorie als kritisch, und mit 17 von 100 Punkten der Akustik-Domäne wiegt sie so schwer wie die Nachhallzeit — schwerer wiegt in dieser Domäne nichts; die Zahl selbst wird derzeit geprüft. Ein Mangel hier lässt sich später weder mit Geräten noch mit Einmessung auflösen.
Die Gegenregel im Stereo-Hören
Diese Kategorie gilt fürs Heimkino und den Mehrkanalton. Im Stereo- und HiFi-Kontext dreht sich der Befund um: Dort helfen seitliche Reflexionen dem Höreindruck, weil sie die Bühne breiter und räumlicher machen, und werden bewusst erhalten statt gedämpft. Zwei Lautsprecher müssen einen Raumeindruck erst erzeugen, während die Mehrkanalmischung ihn bereits mitbringt. AVITECT führt dafür eine eigene Kategorie, im Register HIF-ER-LAT, die getrennt bewertet wird — ein Raum kann für Kino und für Stereo also verschieden ausfallen. Was auf dieser Seite steht, ist die Kino-Regel.
Die Leiter L1 bis L5
Angegeben ist die Dämpfung der frühen Reflexionen gegenüber dem Direktschall, gemessen im Fenster 0 bis 15 ms und im Band 1 bis 8 kHz. Kalibriert an eigenen Projekten sind die Werte noch nicht.
| Level | Kriterium |
|---|---|
| L5 | ≥ 12 dB, nachgewiesen als P90 über alle Sitzplätze |
| L4 | ≥ 10 dB an allen Sitzplätzen, seitliche Erstreflexionsflächen eingeschlossen; bewusst gestreute Flächen brauchen einen Diffusitäts- und Spektralnachweis ◦ |
| L3 | ≥ 8 dB am Referenzsitz |
| L2 | ≥ 5 dB ◦ am Referenzsitz |
| L1 | weniger als 5 dB Dämpfung oder nicht gemessen |
◦ Wert wird derzeit geprüft.
L3 bis L5 übernehmen die Zahlenreihe der Heimkino-Planungsempfehlung CEDIA/CTA-RP22. Deren Parameter 21 nennt für die eigenen Stufen 8, 10 und 12 Dezibel Dämpfung (Seite 106, wiederholt auf Seite 124) und dazu dasselbe Zeitfenster von 0 bis 15 ms und dasselbe Band von 1 bis 8 kHz, das auch diese Kategorie misst. Weil die Hausleiter eine Stufe tiefer ansetzt als RP22, landen die drei Werte auf L3, L4 und L5.
Die 5 dB auf L2 haben keinen eigenen Beleg. RP22 verlangt auf der zugehörigen Stufe nichts; die 5 dB sind eine Setzung von AVITECT, damit die Leiter unten nicht abbricht, und gelten, bis die Kalibrierung an Projekten sie bestätigt.
Denselben Kennwert regeln zwei Regelwerke für Abhörräume im Rundfunk, die AVITECT als Referenz für den Kinoraum heranzieht: Die Internationale Fernmeldeunion verlangt in ITU-R BS.1116-3 (Abschnitt 8.3.3.1, Seite 15) eine Dämpfung von mindestens 10 Dezibel im Band 1 bis 8 kHz für Reflexionen, die den Hörbereich innerhalb von 15 ms erreichen; die Europäische Rundfunkunion schreibt in EBU Tech 3276 (Abschnitt 2.2, Seite 5) wortgleich dasselbe. Beide Dokumente sind am Original gelesen. Sie setzen jeweils einen einzigen Grenzwert für den ganzen Hörbereich und stützen damit L4 dieser Leiter; eine Abstufung über fünf Level kennen sie nicht.
Zwei Dinge an dieser Tabelle sind wichtig. Erstens liegen die Stufenabstände bei 2 bis 3 Dezibel, und eine Feldmessung des Reflexionspegels streut um ein bis zwei Dezibel — die Stufen sind damit knapp messbar und gehören zu den Punkten, die an eigenen Projekten nachzuschärfen sind. Die Staffelung stützt sich deshalb zusätzlich auf den Geltungsbereich: L3 genügt am Referenzsitz, L4 verlangt den Wert an jedem Sitzplatz und nimmt die Seitenflächen ausdrücklich mit hinein — wer sie stattdessen streut, weist die Streuung und ihren Frequenzverlauf nach.
Zweitens ist die P90-Pflicht auf L5 der eigentliche Sprung: Neun von zehn Sitzplätzen müssen die Dämpfung erreichen — und weil die Reflexionswege für jeden Platz anders verlaufen, ist das im Wohnraum ein deutlich größerer Eingriff als die zusätzlichen 2 Dezibel vermuten lassen.
So lässt sich das planen
Die Stufe steht nicht erst nach der Messung fest. Sie lässt sich aus dem Akustikplan schätzen, weil die Reflexionswege aus der Geometrie folgen.
Zuerst werden die Spiegelflächen bestimmt: Für jeden Hauptlautsprecher und jeden Sitzplatz sind das die Punkte auf Seitenwänden, Decke, Boden und Rückwand, an denen der Schall auf dem kürzesten Umweg zum Ohr gelangt. Sitzplan und Lautsprecherpositionen reichen dafür aus. Dann wird für jede dieser Flächen im Plan nachgesehen, ob sie absorbierend, streuend oder unbehandelt bleibt, und mit welchem Absorptions- oder Streugrad im Band von 1 bis 8 kHz. Aus dem Anteil der behandelten Spiegelflächen und ihrer Dämpfung folgt die prognostizierte Stufe.
Zwei Bedingungen gelten dabei. Diffusorflächen zählen nur mit dokumentierten Streudaten; ohne Datenblatt gehen sie wie eine unbehandelte Fläche in die Rechnung ein. Und Leinwandtuch und Bestuhlung gehören mit hinein, weil beide im fraglichen Band spürbar dämpfen.
Für die Praxis heißt das: Die Kategorie ist mittelschwer planbar — die Geometrie gibt die Flächen eindeutig vor, die Dämpfungswerte hängen aber an Datenblättern, die nicht jedes Bauteil mitbringt. Fehlt eines, bleibt die Kategorie im Planungsprofil vorerst ohne Stufe — n/p, mit dem Namen des Bauteils. Weiter als bis L4 reicht die Prognose nicht: Die oberste Stufe verlangt die Dämpfung bei neun von zehn Sitzen, und das zeigt erst die Messung. Zu messen ist sie ebenfalls mittelschwer, weil das Zeitfenster von 0 bis 15 ms je Kanal und je Sitzplatz sauber ausgewertet werden muss; der Nachweis gehört zum Messpaket Akustik. Im Regelfall steht im Angebot ein geplantes L3 oder L4 — und diese Kategorie ist die Kategorie, die ein Akustikpaket am weitesten bewegt: von der Putzwand mit rund 2 dB Wegunterschied auf L1 zum Absorber mit rund 10 dB Dämpfung auf L4, drei Stufen in einem Schritt.
Wie sicher die Zahlen sind
L3, L4 und L5 hängen an einer Quelle, die im Volltext gelesen ist: CEDIA/CTA-RP22 Parameter 21. Fenster, Band und die drei Zahlen 8, 10 und 12 Dezibel stammen von dort. Für die 10 dB auf L4 kommen zwei weitere Belege dazu: ITU-R BS.1116-3 § 8.3.3.1 nennt denselben Wert mit demselben Fenster und demselben Band, EBU Tech 3276 § 2.2 ebenso. Beide sind am Original gelesen. Damit steht die Mitte der Leiter auf drei unabhängigen Primärquellen.
Bei L4 geht es um die seitlichen Erstreflexionsflächen, und dort gibt es zwei vertretbare Wege: sie im Kinoraum bewusst erhalten und vor allem Decke, Boden und die Flächen hinter den Lautsprechern dämpfen — oder für die Seiten Dämpfung beziehungsweise nachgewiesene Streuung verlangen. Diese Seite führt die Kino-Regel und verlangt deshalb den zweiten Weg; der erste hat in der HiFi-Kategorie für seitliche Reflexionen seinen eigenen Platz. Ein Grenzwert für den Spektralnachweis fehlt bisher — bis er feststeht, bleibt L4 an dieser Stelle eine Prüfanweisung ohne Zahl.
L2 ist eine Setzung, L5 verbindet die 12 dB mit der P90-Pflicht. Für die Einordnung eines Raums heißt das: L3 und L4 lassen sich heute vertreten, L5 ist Zielrichtung, solange die Kalibrierung an Projekten aussteht.
Für Räume, die Kino und Musik gleich ernst nehmen, gibt es keine dritte Linie. Jeder Raum bekommt eine dokumentierte Hauptnutzung, und nach ihr richtet sich, ob die Kino-Regel dieser Seite oder die Stereo-Regel der HiFi-Domäne gilt. Eine gemischte Leiter aus beiden Philosophien hätte die Trennung zwischen Kino- und Stereo-Bewertung aufgehoben.
Verknüpfte Inhalte
Mit 17 von 100 Punkten hat diese Kategorie das größte Gewicht der Akustik-Domäne, gleichauf mit der Nachhallzeit; die vollständige Rechnung steht bei Performance Level Akustik. Warum ein Projekt am Ende ein Profil aus mehreren Leveln bekommt und keine einzelne Note, steht bei Performance Level. Wo die frühen Reflexionen im Raum entstehen, erklärt der Erstreflexionspunkt; was im Tiefton darunter passiert, wo Reflexionen als Resonanz statt als Rückwurf wirken, behandeln die Raummoden.
Quellen
Schwellenwerte und Gewicht stammen von AVITECT. Sie werden derzeit geprüft. Messfenster, Band und die Zahlen auf L3 bis L5 folgen CEDIA/CTA-RP22 v1.2, Parameter 21 (Seite 106 und 124, im Volltext geprüft). Die 10 dB auf L4 sind zusätzlich in ITU-R BS.1116-3 (Abschnitt 8.3.3.1, Seite 15) und in EBU Tech 3276 (Abschnitt 2.2, Seite 5) am Original nachgelesen; beide Fundstellen stehen mit Abschnitt und Seite in der Quellenliste dieser Seite.