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Raumakustik
Dicke der viskosen Grenzschicht
Wie dick ist die viskose Grenzschicht an einer Wand bei einer bestimmten Frequenz?
Eingangsgrößen
| Symbol | Größe | Einheit |
|---|---|---|
| eta | dynamische Viskosität der Luft, rund 1,84e-5 Pa*s bei 20 °C | Pa*s |
| rho_0 | Dichte der Luft, rund 1,2 kg/m^3 bei 20 °C | kg/m^3 |
| omega | Kreisfrequenz, 2*pi*f | 1/s |
| f | Frequenz | Hz |
An einer Wand haftet Luft und schwingt dort überhaupt nicht mit. Die viskose Grenzschicht ist die dünne Zone davor, in der die Schwingung von null auf ihren freien Wert ansteigt — und weil benachbarte Luftschichten dabei aneinander vorbeigleiten, entsteht genau dort Reibung. Diese Formel gibt ihre Dicke. Sie ist die eine Zahl, an der sich entscheidet, ob ein Loch, ein Schlitz oder eine Pore Schallenergie in Wärme umsetzt oder die Luft nahezu ungebremst durchlässt.
Direkt an einer Wand steht die Luft still, ein Stück davon entfernt schwingt sie frei — dazwischen liegt ein schmaler Übergang, in dem die Luft an sich selbst reibt und dabei Energie verliert. Wie schmal, lässt sich ausrechnen: dünner als ein Blatt Papier, bei hohen Tönen noch dünner als bei tiefen. An dieser Breite misst sich jede Öffnung. Ein weiter Kanal lässt die Luft fast ungebremst durch, ein sehr enger bremst sie kräftig — und darauf beruht jeder Absorber, auch die durchsichtigen, die ohne Dämmwolle auskommen.
Natürliche Erklärung
Die Formel beschreibt einen Wettlauf zwischen zwei Zeiten. Die Zähigkeit der Luft gibt die Bremsung, die an der Wand entsteht, von Schicht zu Schicht nach außen weiter — und dafür braucht sie Zeit. Wie weit sie in einer bestimmten Zeit kommt, ist genau das, was η/ρ₀ ausdrückt: die Zähigkeit bezogen auf die Masse, die sie bewegen muss. Dagegen steht die Schallwelle, die ihre Richtung ständig umkehrt und der Zähigkeit nur eine halbe Periode lässt, bevor alles von vorn beginnt. Je höher die Frequenz, desto weniger Zeit, desto dünner die Schicht.
Warum steht die Frequenz unter der Wurzel? Weil sich die Bremsung diffusiv ausbreitet, also wie Wärme in einem Material: In der vierfachen Zeit kommt sie nur doppelt so weit. Das ist der wichtigste Zug der ganzen Formel, denn er staucht den Wertebereich zusammen. Zwischen 20 Hz und 10 kHz liegt ein Frequenzverhältnis von 500, aber nur ein Dickenverhältnis von gut zwanzig. Eine Verzehnfachung der Frequenz macht die Schicht lediglich um den Faktor gut drei dünner.
Für die Auslegung heißt das etwas sehr Praktisches: Du darfst mit einer Größenordnung von Zehntelmillimetern rechnen, ohne die Frequenz genau zu kennen. Jede Öffnung, die deutlich weiter ist als ein Zehntelmillimeter, bleibt über den ganzen Hörbereich weitgehend verlustfrei — ein 5-mm-Bohrloch ebenso wie ein Bassreflexrohr. Und umgekehrt: Wer Verluste will, muss die Öffnungen in genau diese Größenordnung bringen, und dort wird aus einer Rechenaufgabe eine Fertigungsaufgabe.
Eingangsgrößen und Einheiten
| Symbol | Größe | Einheit |
|---|---|---|
| δ | Dicke der viskosen Grenzschicht | m |
| η | dynamische Viskosität der Luft, 1,84·10⁻⁵ Pa·s bei 20 °C | Pa·s |
| ρ₀ | Dichte der Luft, rund 1,2 kg/m³ bei 20 °C | kg/m³ |
| ω | Kreisfrequenz, ω = 2π·f | 1/s |
| f | Frequenz | Hz |
Die dynamische Viskosität η ist das Maß dafür, wie stark benachbarte Luftschichten aneinander ziehen, wenn sie verschieden schnell sind. Sie steigt mit der Temperatur, während die Dichte fällt — beides in dieselbe Richtung, sodass die Grenzschicht in warmer Luft dicker wird. Zwischen 0 °C und 30 °C sind das rund zehn Prozent, für die Auslegung also ohne Belang.
Für δ bleibt die Einheit Meter, auch wenn jede brauchbare Zahl in Millimetern oder Mikrometern herauskommt. In den Modellen für Absorber taucht δ selten direkt auf; dort steht es als Bezugslänge im Nenner einer dimensionslosen Kennzahl.
Gültiger Bereich und Annahmen
| Frequenz | δ | Einordnung |
|---|---|---|
| 20 Hz | 0,49 mm | größter Wert im Hörbereich |
| 50 Hz | 0,31 mm | Bereich der tiefsten Raummoden |
| 100 Hz | 0,22 mm | üblicher Abstimmbereich von Bassabsorbern |
| 250 Hz | 0,14 mm | oberes Ende des Resonanzbereichs |
| 500 Hz | 0,099 mm | etwa ein Blatt Druckerpapier |
| 1 kHz | 0,070 mm | Auslegungsbereich mikroperforierter Platten |
| 2 kHz | 0,049 mm | poröse Absorber wirken hier längst |
| 5 kHz | 0,031 mm | feiner als jeder übliche Bohrer |
| 10 kHz | 0,022 mm | knapp ein Zwanzigstel des Werts bei 20 Hz |
Vorausgesetzt ist Luft bei 20 °C und Normaldruck an einer ebenen, schallharten Wand, die selbst nicht mitschwingt. Die Auslenkungen bleiben klein genug, dass die Strömung laminar bleibt — bei den Pegeln eines Heimkinos in einer engen Öffnung ist das eine Bedingung mit Zähnen und keine Formalie.
Der Zahlenwert ist eine Abklinglänge und keine scharfe Kante. Im Abstand δ von der Wand fehlt der Schwingung noch rund ein Drittel ihres freien Werts; ihren vollen Wert erreicht sie erst nach mehreren δ. Wer δ als Dicke einer Schicht liest, in der es reibt, und ab der es nicht mehr reibt, rechnet zu knapp.
Grenzen
Die Formel liefert eine Länge, keinen Verlust. Wie viel Energie tatsächlich in Wärme übergeht, hängt daran, wie viel Wandfläche dem Luftvolumen gegenübersteht und wie der Querschnitt eines Kanals zu δ steht. An einer verputzten Zimmerwand bildet sich dieselbe Grenzschicht wie in einem Absorberloch, und sie verliert dort praktisch nichts, weil die Wandfläche gegenüber dem Luftvolumen des Raums verschwindet. Erst in engen Kanälen kippt dieses Verhältnis, und genau dort wird die Grenzschicht zum beherrschenden Vorgang.
Bei hohen Pegeln gilt sie nicht mehr. Sie setzt eine laminare Schichtenströmung voraus. Löst die Strömung an einer Kante ab und bilden sich Wirbel — der Normalfall an der Mündung eines Bassreflexrohrs bei hohem Pegel —, kommt ein zweiter Verlustmechanismus dazu, der mit dem Pegel wächst und in dieser Formel nicht vorkommt. Er ist außerdem hörbar, während die Grenzschichtreibung es nie ist.
Und sie beschreibt eine ebene Wand. In einem Kanal, der ähnlich eng ist wie δ, überlagern sich die Grenzschichten der gegenüberliegenden Wände, und das Geschwindigkeitsprofil ist ein anderes als vor einer einzelnen Wand. Die Formel bleibt dann die richtige Bezugslänge, verliert aber ihre Bedeutung als geometrische Schichtdicke. Die Absorbermodelle verwenden sie deshalb als Kennzahl und nicht als Maß.
Abgrenzung: die thermische Grenzschicht
Neben der viskosen bildet sich an derselben Wand eine zweite Grenzschicht: Die Wand zieht der schwingenden Luft die Verdichtungswärme ab, und auch dieser Wärmeaustausch kostet Energie — wie daraus ein Verlust wird, steht beim Glossareintrag zur viskosen Grenzschicht. Für die Auslegung zählt ihre Dicke, und die folgt einer Formel derselben Bauart, in der die Wärmeleitfähigkeit die Rolle der Zähigkeit übernimmt:
text δ_therm / δ = 1 / √Pr Pr = Prandtl-Zahl der Luft, rund 0,71
1 / √0,71 = 1,19
Die Prandtl-Zahl setzt ins Verhältnis, wie schnell sich Bremsung und Wärme in einem Stoff nach außen ausbreiten; sie ist nach dem Göttinger Strömungsforscher Ludwig Prandtl benannt und liegt für Luft nahe bei eins, beide Vorgänge sind also fast gleich flink. Die thermische Grenzschicht ist damit rund ein Fünftel dicker als die viskose. Beide wirken in engen Kanälen zusammen, und die Modelle für poröse und mikroperforierte Absorber fassen sie zu einem Verlustwert zusammen — deshalb ist im Sprachgebrauch häufig von thermoviskosen Verlusten die Rede. Für eine Abschätzung reicht die viskose Dicke, weil beide in derselben Größenordnung liegen und mit derselben Wurzelabhängigkeit von der Frequenz fallen.
Rechenbeispiel
Schritt 1 — die Zahl. Wie dick ist die Grenzschicht bei 500 Hz?
text δ = √( 1,84·10⁻⁵ / (1,2 · π · 500) ) = √( 1,84·10⁻⁵ / 1 885 ) = √( 9,76·10⁻⁹ ) = 9,88·10⁻⁵ m = 0,0988 mm
Rund ein Zehntelmillimeter. Die Kurzform bestätigt es: 2,21 / √500 = 2,21 / 22,4 = 0,0988 mm.
Schritt 2 — was diese Zahl über eine Öffnung sagt. Legt man um die Wand eines runden Lochs einen Ring von der Dicke δ, deckt dieser Ring einen bestimmten Anteil der Querschnittsfläche ab. Dieser Anteil sagt grob, wie viel der durchströmenden Luft überhaupt in den Bereich starker Reibung kommt — bei 500 Hz und vier Lochdurchmessern:
text Lochdurchmesser Anteil im Ring der Dicke δ 5,0 mm 7,7 % 1,0 mm 35,6 % 0,5 mm 63,4 % 0,3 mm 88,3 %
Damit ist die ganze Bauformfrage der Absorber beantwortet. Bei 5 mm bleibt die Reibung ein Randphänomen, der Luftpfropfen bewegt sich fast verlustfrei — weshalb der klassische Lochplattenabsorber ein Vlies braucht, um überhaupt Bandbreite zu bekommen. Ab einigen Zehntelmillimetern liefert die Reibung im Loch selbst den Verlust, den sonst der Dämmstoff beisteuert, und ein Absorber aus klarem Acryl oder Glas wird möglich.
Die Flächenanteile oben sind eine Veranschaulichung und keine Auslegungsgröße. Gerechnet wird mit der Perforationskennzahl k = d/(δ·√2), die genau dasselbe Verhältnis in einer Zahl ausdrückt; sie steht mitsamt dem Absorptionsgrad bei den Schlitzplatten- und mikroperforierten Absorbern.
Schritt 3 — die Gegenprobe im Tiefton. Ein Bassreflexrohr von 80 mm Durchmesser, abgestimmt auf 40 Hz:
text δ = 2,21 / √40 = 0,349 mm Anteil im Ring: 1,7 %
Die Grenzschicht ist hier rund dreieinhalbmal so dick wie bei 500 Hz und spielt trotzdem kaum eine Rolle, weil das Rohr gut zweihundertmal weiter ist als sie. Was die Güte einer solchen Abstimmung wirklich begrenzt, ist bei hohen Pegeln die Verwirbelung an der Mündung — dagegen hilft ein größerer Querschnitt und eine verrundete Mündung, und beides hat mit dieser Formel nichts zu tun.
Was daraus für die Planung folgt. Vor jeder Perforation steht die Konzeptfrage: In welchem Frequenzbereich soll etwas bedämpft werden, und darf die Fläche aussehen wie ein Absorber? Lautet die Antwort ja, ist poröses Material fast immer die billigere und breitbandigere Wahl, gerechnet über die Delany-Bazley-Näherung. Erst wenn die Fläche transparent oder faserfrei sein muss, kommt die Verfahrensfrage nach einer Perforation im Zehntelmillimeterbereich — und erst danach das Bauteil, das die Rechnung dann auf enge Fertigungstoleranzen festlegt.
Verknüpfte Inhalte
Wie die Reibung in der Grenzschicht entsteht, wo sie über die Wirkung entscheidet und welche Irrtümer sich an sie hängen, klärt der Glossareintrag zur viskosen Grenzschicht. Gerechnet wird sie bei den Schlitzplatten- und mikroperforierten Absorbern — dort steht auch die Perforationskennzahl k — und für poröse Schichten bei der Delany-Bazley-Näherung. Der messbare Kennwert derselben Reibung ist der Strömungswiderstand, das Optimum, auf das jede Auslegung zuläuft, erklärt die Oberflächenimpedanz. Warum der Ort im Raum mitentscheidet, steht bei der Schallschnelle; die Verluste in engen Hälsen und Rohren beim Helmholtz-Resonator und beim Bassreflex.
Quellen
Die Dickenformel und ihre Herleitung aus der Zähigkeit sind Standardstoff der technischen Akustik und der Strömungslehre; der oszillierende Fall geht auf Stokes zurück. Die Stoffwerte für Luft und der Bezug zwischen Lochdurchmesser und Grenzschichtdicke stammen aus dem Modell für mikroperforierte Platten von Dah-You Maa, die Behandlung poröser Materialien von Cox und D'Antonio sowie Möser. Die stationäre Entsprechung derselben Reibung misst ISO 9053.