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Infrastruktur
Trennabstand nach EN 50174-2
Wie weit muss eine Datenleitung von einer Stromleitung entfernt bleiben — und wie wird dieser Abstand ausgerechnet?
Eingangsgrößen
Der Abstand, den eine Datenleitung zu einer parallel laufenden Stromleitung einhalten muss, ist eine Multiplikation aus zwei Größen: A = S · P. Der Grundabstand S hängt an zwei Angaben, die beide beim Datenkabel und an seinem Weg liegen: an der Trennklasse des Kabels und an der Ausführung der Trasse. Alles, was von der Energieseite kommt, steckt im Leistungsfaktor P — er wächst mit der Zahl der parallel geführten Stromkreise. Beide Größen sind gestaffelt, und beide lassen sich in der Planung bewegen: ein besseres Kabel, eine metallische Trennung oder eine zweite Trasse führen zum selben Ergebnis.
Strom- und Datenleitungen stören sich, wenn sie zu dicht nebeneinander liegen. Wie viel Platz dazwischen gehört, ist keine feste Zahl: Sie ergibt sich aus zwei Angaben, die multipliziert werden. Die eine sagt, wie gut Dein Datenkabel gegen Störungen geschützt ist, die andere, wie viel Strom nebenan fließt. Ein hochwertiges Kabel neben einer einzelnen Zuleitung darf Dir fast auf der Pelle liegen; dasselbe Kabel neben dem Hauptstrang eines Mehrfamilienhauses braucht eine Handbreit. Wer nur eine einzige Zentimeterzahl im Kopf hat, liegt deshalb an einem der beiden Enden immer daneben.
Natürliche Erklärung
Die europäische Verkabelungsnorm EN 50174-2, in Deutschland als DIN EN 50174-2 (VDE 0800-174-2) in der Ausgabe von Oktober 2018 geführt, behandelt die Trennung von Energie- und informationstechnischer Verkabelung in ihrem Abschnitt 6. Was dort steht, ist ein Rechenweg mit zwei Eingängen — und genau darin liegt die Nachricht der Norm. Der pauschale Mindestabstand, der seit Jahrzehnten als „zwanzig Zentimeter, dann passt es" kursiert, hat in dieser Systematik keine Entsprechung. Er verlangt an einem Ende Platz, den man anderswo dringender braucht, und reicht am anderen Ende nicht aus.
Das Kabel und sein Weg: der Grundabstand S
Wie empfindlich ein Datenkabel gegen ein äußeres Feld ist, misst die Norm über Kopplungs- und Schirmdämpfung und fasst das Ergebnis in vier Trennklassen zusammen, a bis d. Wie ein Kabel zu seiner Klasse kommt und warum die Klasse etwas anderes ist als die Schirmungsnotation auf dem Mantel, steht bei den Trennklassen a bis d. Für die Rechnung zählt allein das Ergebnis:
| Trennklasse | Grundabstand S ohne metallische Trennung | Wo sie in der Praxis vorkommt |
|---|---|---|
| d | 10 mm | Kabel der Kategorien 7 und 7A — der Ausweg im engen Bestandsschacht |
| c | 50 mm | übliche geschirmte Installationskabel der Kategorien 5, 6 und 6A; der Normalfall im Wohnhaus |
| b | 100 mm | deutlich schwächer geschützte Bauformen |
| a | 300 mm | alles darunter, überwiegend ungeschirmt |
Diese vier Werte gelten für den ungünstigsten Fall: beide Leitungen liegen im selben Raum ohne metallische Trennung dazwischen. Jede Trennung senkt S — eine offene metallene Rinne etwas, eine gelochte deutlich, und ein geschlossener metallener Kanal führt den Abstand in allen vier Klassen auf null. Die Bedingung dafür steht bei den Kabelwegen und der EMV-Trennung: Das Schirmverhalten muss dem eines Stahlrohrs mit 1,5 mm Wanddicke entsprechen.
Die Energieseite: der Leistungsfaktor P
Der zweite Faktor beschreibt, wie viel auf der anderen Seite los ist. Er steigt mit der Zahl der Energiestromkreise, die parallel zur Datenleitung geführt werden; ein dreiphasiges Kabel zählt dabei wie drei einphasige.
| Zahl der parallel geführten Energiestromkreise | Leistungsfaktor P |
|---|---|
| 1 bis 3 | 0,2 |
| 4 bis 6 | 0,4 |
| 7 bis 9 | 0,6 |
| 10 bis 12 | 0,8 |
| 13 bis 15 | 1,0 |
| 16 bis 30 | 2,0 |
Die Staffelung ist über die ersten fünf Stufen gleichmäßig und macht zwischen der fünften und der sechsten einen Sprung: Von 15 auf 16 Stromkreise verdoppelt sich P. Wer eine Trasse mit vierzehn oder fünfzehn Stromkreisen plant, steht damit dicht an einer Kante, die zwei zusätzliche Zuleitungen später überschreiten — und der geforderte Abstand verdoppelt sich mit ihnen.
Warum die Multiplikation die eigentliche Aussage ist
Weil beide Faktoren gleichberechtigt eingehen, ist derselbe Trennabstand auf mehreren Wegen erreichbar. Wer das Datenkabel eine Klasse besser wählt, kommt genauso ans Ziel wie wer eine metallische Trennung einzieht oder die Stromkreise auf zwei Trassen verteilt. In einer engen Wand ist das oft der einzige Weg, überhaupt normkonform zu bleiben, und die Entscheidung darüber, welcher der drei Hebel bewegt wird, gehört in die Planung und nicht auf die Baustelle.
Eingangsgrößen und Einheiten
| Symbol | Größe | Einheit |
|---|---|---|
| S | Grundabstand aus Trennklasse und Trassenausführung | mm |
| P | Leistungsfaktor aus der Zahl der Energiestromkreise | dimensionslos |
| A | einzuhaltender Trennabstand | mm |
S wird in Millimetern eingesetzt, also kommt A in Millimetern heraus. P ist ein reiner Zahlenfaktor ohne Einheit.
Gültiger Bereich und Annahmen
Die Trennklassen werden im Frequenzbereich zwischen rund 30 MHz und 100 MHz bewertet — dort findet Einstreuung aus der Umgebung typischerweise statt. Die Rechnung gilt für die Parallelführung beider Leitungen über eine nennenswerte Strecke.
Angenommen wird weiter, dass die Trennklasse des Datenkabels bekannt ist. Sie steht im Datenblatt und folgt aus den Kabelnormen der Reihe EN 50288; geschätzt wird sie nicht. Ebenso muss die Zahl der parallel geführten Stromkreise feststehen — sie ist in der Planungsphase häufig die unsicherere der beiden Angaben.
Die Rechnung schützt die Datenleitung vor der Energieleitung. Die umgekehrte Richtung wird nicht betrachtet, weil das Nutzsignal auf einer Netzleitung um Größenordnungen stärker ist als alles, was ein Datenkabel abstrahlt.
Grenzen
Kreuzungen sind ein anderer Fall. Laufen beide Leitungen im rechten Winkel übereinander, ist die gemeinsame Strecke sehr kurz und die Einkopplung entsprechend klein. Die rechtwinklige Kreuzung ist eine anerkannte Regel der elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV); sie stammt aus einer anderen Systematik als die Trennklassen und wird von dieser Formel nicht erfasst. Für den Kreuzungspunkt gibt A keine sinnvolle Antwort.
Die Zahlen zur Trassenausführung fehlen hier. Belegt sind die vier Grundabstände ohne metallische Trennung sowie die Richtung, in die offene, gelochte und geschlossene metallene Trassen wirken. Um wie viel eine offene oder gelochte Rinne S senkt, ist über die verfügbaren Fachdarstellungen nicht beziffert — dafür braucht es den Normtext. Wer mit einer solchen Trasse plant, rechnet vorerst mit dem vollen S und liegt damit auf der sicheren Seite.
Die Staffelung von P endet bei dreißig Stromkreisen. Für größere Bündel liegt kein Wert vor. Das betrifft Steigestränge größerer Wohnanlagen und Zählerplätze — genau die Fälle, in denen der Abstand ohnehin am knappsten ist.
Ob der Strom je Stromkreis eingeht, ist offen. Die verfügbaren Darstellungen staffeln P allein nach der Anzahl. Ob die Norm zusätzlich nach der Stromstärke unterscheidet, lässt sich ohne den Normtext nicht sagen.
Der EMV-Abstand ist keine Vorschrift der Elektroinstallation. Daneben gilt DIN VDE 0100-520 mit ihrer eigenen Regel zur gemeinsamen Verlegung von Stromkreisen verschiedener Spannungsbereiche. Beide Anforderungen bestehen gleichzeitig, und die schärfere von beiden bestimmt die Ausführung. Ein nach dieser Formel ausreichender Abstand ersetzt die Errichterprüfung durch eine Elektrofachkraft nicht.
Rechenbeispiel
Der günstige Fall: eine einzelne Zuleitung. Ein geschirmtes Cat-6A-Kabel läuft im Wohnungsverteiler ein Stück neben der Zuleitung zu einer Steckdose. Das Kabel fällt in Trennklasse c, eine metallische Trennung gibt es nicht, und es ist ein einziger Stromkreis:
text Trennklasse c → S = 50 mm 1 Stromkreis → P = 0,2
A = 50 mm · 0,2 = 10 mm
Zehn Millimeter hat jeder Kabelkanal. In diesem Fall ist die Trennung also gar kein Planungsthema — und wer hier zwanzig Zentimeter freihält, verschenkt Platz.
Der knappe Fall: der Steigestrang. Dieselbe Datenleitung soll durch einen Installationsschacht geführt werden, in dem der Steigestrang eines Mehrfamilienhauses mit zwanzig Stromkreisen liegt. Am Kabel ändert sich nichts, an der Energieseite alles:
text Trennklasse c → S = 50 mm 20 Stromkreise (16–30) → P = 2,0
A = 50 mm · 2,0 = 100 mm
Aus zehn Millimetern werden hundert, ohne dass das Datenkabel ein anderes wäre. Der Faktor zehn zwischen beiden Ergebnissen steckt allein in P — und zehn Zentimeter freien Raum hat ein Installationsschacht selten.
Umgekehrt gerechnet: welche Trennklasse passt in den Platz? Steht der verfügbare Abstand fest und ist die Kabelwahl noch offen, wird die Formel nach S aufgelöst. Beispiel: In einem Kanal bleiben 20 mm zwischen Datenleitung und Energieleitung, im Kanal laufen fünf Stromkreise.
text 5 Stromkreise (4–6) → P = 0,4
S_max = A_verfügbar / P = 20 mm / 0,4 = 50 mm
Der Grundabstand darf also höchstens 50 mm betragen — Trennklasse c liegt genau auf dieser Grenze, Klasse b mit 100 mm käme auf 40 mm geforderten Abstand und fiele durch.
Genau auf der Grenze heißt allerdings: ohne Reserve. Kommt in demselben Kanal ein siebter Stromkreis dazu, steigt P auf 0,6, und Klasse c verlangt 30 mm, wo 20 mm vorhanden sind. Ein Kabel der Klasse d kommt dagegen auf 10 mm · 0,4 = 4 mm und hält bis ans obere Ende der Staffelung durch — selbst bei dreißig Stromkreisen bleibt es bei 10 mm · 2,0 = 20 mm und damit gerade noch im vorhandenen Platz. Diese Reserve ist der Grund, aus dem sich der Aufpreis auf die bessere Klasse in einer engen Trasse rechnet.
Verknüpfte Inhalte
Woher die Trennklasse eines Kabels kommt, welche Dämpfungswerte hinter den vier Stufen stehen und warum sie sich von der Schirmungsnotation unterscheidet, steht bei den Trennklassen a bis d. Wie die Kabelwege insgesamt geplant werden — Signalgruppen, Trassentypen, die Werkstoffbedingung des geschlossenen Metallkanals und die rechtwinklige Kreuzung —, behandeln die Kabelwege und die EMV-Trennung. Was ein Schirm physikalisch leistet, erklären Schirmung und Kopplungswiderstand, wie die Bauformen bezeichnet werden, die Schirmungsnotation. Welche Übertragungsklasse eine Strecke davon unabhängig erreicht, regeln die Kabelkategorien, und was passiert, wenn Datenleitungen sich untereinander stören, steht bei Alien Crosstalk. Für die Planung der Verkabelung im Haus ist der Trennabstand eine von mehreren Vorgaben — den Rahmen gibt Heimnetzwerk-Grundlagen.
Quellen
Die Beziehung A = S · P, die Trennklassen a bis d, die Grundabstände 10, 50, 100 und 300 mm sowie die Staffelung des Faktors P stammen aus DIN EN 50174-2 (VDE 0800-174-2) in der Ausgabe von Oktober 2018, Abschnitt 6. Der Normtext ist kostenpflichtig und wurde für diese Seite nicht eingesehen; die wiedergegebenen Werte stammen aus zwei Fachbeiträgen der Zeitschrift de — das elektrohandwerk aus dem Jahr 2021, die die Tabellen der Norm für die Installationspraxis aufbereiten, und sind gegen eine britische Herstellernote zur Ausgabe von 2009 gehalten, die dieselbe Formel und dieselbe Zahlenmatrix nennt. Die rechtwinklige Kreuzung als EMV-Installationsregel belegt ein ZVEI-Leitfaden von 2008. Alle Rechenbeispiele dieser Seite sind aus diesen Tabellenwerten selbst berechnet.