Koaxial heißt: auf derselben Achse. Ein Innenleiter läuft in der Mitte,
ein rohrförmiger Außenleiter umschließt ihn konzentrisch, dazwischen
liegt ein Isolierstoff, das Dielektrikum. Der Außenleiter hat dabei zwei
Aufgaben gleichzeitig — er führt den Rückstrom des Signals und er
schirmt. Aus dieser Bauform folgt die Größe, an der beim Koaxialkabel
alles hängt: der Wellenwiderstand.
In einfachen Worten
Ein Koaxialkabel hat einen Draht in der Mitte und eine Metallhülle
darum herum. Das Signal läuft zwischen beiden, und weil die Hülle es
rundum umschließt, bleibt es innen und Störungen bleiben draußen. Von
außen sehen sich diese Kabel alle ähnlich, aber es gibt zwei Sorten:
eine für Antenne, Fernsehen und Digitalton, eine für Funktechnik. Man
kann sie teilweise zusammenstecken, sie arbeiten aber nicht zusammen.
Und wenn eine digitale Verbindung nicht schlechter wird, sondern
plötzlich ganz abreißt, ist genau so eine Verwechslung eine der
häufigsten Ursachen.
Die Bauform ist alt und hatte von Anfang an genau den Zweck, den sie
heute noch erfüllt. Der englische Autodidakt Oliver Heaviside , von
Haus aus Telegrafist und später einer der wichtigsten Köpfe der
Leitungstheorie, ließ sich 1880 in Großbritannien eine Leitung
patentieren, bei der ein innerer Leiter von einem konzentrischen
Kupferrohr umschlossen wird — als Mittel gegen die gegenseitige
Beeinflussung benachbarter Telegrafenadern.
Vier Schichten macht das aus. Innen der Innenleiter , massiv oder als
Litze. Darum das Dielektrikum , meist Polyethylen, entweder massiv
oder geschäumt; geschäumt heißt weniger Material und damit weniger
Verlust, aber auch weniger mechanische Formstabilität. Darüber der
Außenleiter , bei brauchbaren Kabeln als Folie mit darüberliegendem
Geflecht ausgeführt — beides zusammen aus demselben Grund wie bei jeder
anderen Schirmung . Ganz außen der Mantel.
Solange der Außenleiter rundum geschlossen ist, bleibt das
elektromagnetische Feld zwischen den beiden Leitern gefangen. Außerhalb
bleibt idealerweise nichts übrig — weder strahlt das Kabel ab, noch
strahlt etwas hinein. Das ist die Stärke der Bauform. Ihr Preis: Der
Schirm ist Teil des Signalwegs, das Kabel ist also unsymmetrisch .
Alles, was auf dem Außenleiter passiert, liegt unmittelbar im Signal,
und eine Potentialdifferenz zwischen zwei Geräten wird zum Störanteil.
Genau hier liegt der Unterschied zur symmetrischen
Übertragung , bei der der Schirm
gerade nicht am Signal beteiligt ist.
Beim Koaxialkabel hängt der Wellenwiderstand — auch charakteristische
Impedanz — nur von zwei Dingen ab: vom Verhältnis
der Durchmesser von Außen- zu Innenleiter und von der Permittivität des
Dielektrikums. Ein weiter Außenleiter über einem dünnen Innenleiter
ergibt einen hohen Wert, ein dichtes Dielektrikum senkt ihn wieder. Die
Gleichung dazu — samt der Frage, welches Durchmesserverhältnis 75 Ohm
ergibt und was eine Quetschung an dieser Stelle anrichtet — steht bei
den Leitungskenngrößen .
Das Bemerkenswerte an ihr ist, was nicht darin steht: keine Länge
und keine Frequenz. Ein Meter und hundert Meter desselben Kabels haben
denselben Wert, und ein Ohmmeter findet ihn deshalb nie. Was die Größe
bedeutet, wofür sie gebraucht wird und was bei
Fehlanpassung passiert, führt der eigene Eintrag zum
Wellenwiderstand aus. Für das
Koaxialkabel zählt hier vor allem die Folge daraus: Der Wert wird beim
Ziehen des Kabels festgelegt und ist danach nicht mehr veränderbar. Eine
gequetschte Stelle im Leerrohr oder ein zu enger Bogen verschiebt das
Durchmesserverhältnis örtlich — und macht aus einer Leitung eine
Leitung mit einer Stoßstelle darin.
Beide Werte sind Kompromisse, aber aus zwei verschiedenen Rechnungen.
Optimiert man eine luftgefüllte Koaxialleitung auf geringste
Dämpfung , landet man je nach Leitfähigkeit von Innen- und Außenleiter
im Bereich zwischen rund 60 und 77 Ω. Optimiert man dieselbe Leitung auf
höchste übertragbare Leistung , landet man bei rund 30 Ω. Wer beides
zugleich braucht — der Sender einer Funkanlage braucht es —, nimmt einen
Wert dazwischen, und dort liegt die 50-Ω-Familie.
Bei den 75 Ω kürzt die verbreitete Erzählung ab. Sie lautet meist,
75 Ω folge dem Dämpfungsoptimum — das gilt aber für eine luftgefüllte
Leitung. Steckt massives Polyethylen zwischen den Leitern, rutscht das
Dämpfungsoptimum auf etwa 40 bis 50 Ω, und ein handelsübliches
75-Ω-Kabel liegt damit gerade nicht in seinem Dämpfungsminimum;
Ellingson hält das am Beispiel RG-59 ausdrücklich fest. Tragfähiger ist
das Argument aus der Antennentechnik: Der Halbwellendipol, die Urform
der Empfangsantenne, hat eine Fußpunktimpedanz nahe 75 Ω. Wer empfängt,
braucht keine Sendeleistung und will kein Anpassungsglied — und so ist
die Empfangs- und Videotechnik dort gelandet, wo sie bis heute
geblieben ist.
Für die Praxis lässt sich das auf einen Satz bringen: In der AV- und
Haustechnik sind 75 Ω der Normalfall — Antennen- und SAT-Verteilung,
koaxiales S/PDIF, AES3id, SDI, Word Clock —, und 50 Ω tauchen dort auf,
wo gesendet oder gemessen wird, also bei WLAN- und Mobilfunkantennen
und in der Messtechnik. Welche Steckverbinder zu welchem Wert gehören
und welche weiteren Werte bei symmetrischen Leitungen vorkommen, steht
in der Übersicht beim
Wellenwiderstand .
„Koax ist ein geschirmtes Kabel." Das ist der Irrtum, der auf der
Baustelle die meisten Fehler erzeugt, und er unterschlägt die halbe
Funktion des Außenleiters. Bei einem geschirmten Datenkabel ist der
Schirm eine Zutat — fehlt er an einer Stelle, wird die Verbindung
störanfälliger. Beim Koaxialkabel ist der Außenleiter der Rückleiter,
also die Hälfte des Signalwegs. Ein hastig gesetzter F-Stecker, ein
Geflecht, das beim Absetzen gekürzt wurde, ein Adapter, der nur ein paar
Litzen berührt: Das ist keine schwächere Schirmung, das ist ein Defekt
im Leiter. Wer bei einer Koaxstrecke Fehler sucht, sucht deshalb zuerst
an den Enden und nicht am Kabel.
Aus demselben Grund gilt eine Einschränkung, die in der Praxis
regelmäßig übersehen wird: Weil der Außenleiter beide Geräteseiten
galvanisch verbindet, schleppt eine Koaxstrecke jede Potentialdifferenz
zwischen ihnen mit. Zwischen zwei Gebäudeteilen mit getrennten
Erdungsanlagen ist Koax deshalb nicht die robuste, sondern die
empfindliche Lösung — dort gehört ein
Lichtwellenleiter hin oder wenigstens
eine galvanische Trennung.
Auf der Antennenseite sitzt der zweite Fehlschluss: „Antennenkabel
ist Antennenkabel." Terrestrischer Empfang und Satellitenempfang laufen
zwar beide über 75 Ω, aber die Satelliten-Zwischenfrequenz reicht
erheblich höher als das terrestrische Fernsehband. Ein älteres
Verteilnetz kann für das eine völlig ausreichen und für das andere zu
dämpfungsstark oder zu undicht sein. Der Ohm-Wert allein sagt nichts
über den nutzbaren Frequenzbereich und nichts über die Schirmwirkung
des Kabels.
Zur dritten verbreiteten Falle, dem mechanisch passenden, elektrisch
falschen Steckverbinder, steht das Nötige bei
BNC — dort auch, warum sich 50- und 75-Ω-Varianten mit
bloßem Auge kaum unterscheiden lassen.
Twisted Pair: Die andere große Bauform für Signalleitungen —
zwei verdrillte Adern statt konzentrischer Leiter, symmetrisch statt
unsymmetrisch, und mit anderen Nennwerten. Sie löst dieselbe Aufgabe
über einen anderen Mechanismus; siehe
Twisted Pair .
Twinaxial und Triaxial: Zwei Innenleiter im gemeinsamen
Außenleiter beziehungsweise zwei voneinander getrennte Außenleiter.
Beide sehen von außen aus wie Koax und verhalten sich anders.
Schirmung im üblichen Sinn: Bei einem geschirmten
Twisted-Pair-Kabel führt der Schirm keinen Signalstrom, beim
Koaxialkabel führt der Außenleiter ihn. Dieselbe Metallhülle, zwei
verschiedene Rollen — siehe Schirmung .
Impedanz eines Lautsprechers: Ebenfalls in Ohm angegeben und
trotzdem eine ganz andere Größe. Die Abgrenzung steht beim
Wellenwiderstand und bei der
Impedanz .
Ein Neubau bekommt einen Technikraum, einen Kinoraum und ein
Wohnzimmer mit Fernseher. Beim Termin auf der Baustelle fragt der
Elektriker, wie viel Koaxialkabel er überhaupt noch legen soll — „läuft
heute doch alles über Netzwerk".
Die Menge Koax ergibt sich später: Welche Signale
sind auf eine Koaxialstrecke angewiesen und welche nicht? Die
Zuleitung von der Antenne oder der SAT-Anlage ist es, weil sie ein
Hochfrequenzsignal ins Haus bringt, für das es keinen zweiten Weg gibt,
und weil sie nachträglich am schwersten zu ziehen ist. Bild und Ton
zwischen den Geräten im Haus sind es nicht mehr — dort übernehmen
Netzwerk, HDBaseT oder Glasfaser. Ein koaxiales S/PDIF bleibt eine
Punkt-zu-Punkt-Verbindung über wenige Meter im Rack und keine
Gebäudestrecke.
Aus dieser Trennung folgen drei Festlegungen. Die Antennenstrecke wird
durchgehend in 75 Ω ausgeführt, samt Dosen und Verteilern — ein 75-Ω-Kabel
auf einem beliebigen Verteiler ist keine 75-Ω-Strecke.
Steckverbinderfamilien werden nicht gemischt, und wo BNC im Spiel ist,
wird die Ohm-Angabe mitbestellt und nicht angenommen. Und weil sich Bedarf
an Hochfrequenzstrecken schneller ändert als eine Wand, gehört jede
Koaxstrecke ins Leerrohr und nicht in den Putz.
Erst danach fällt die Produktentscheidung, und sie ist an dieser Stelle
unspektakulär. Der Fehler in solchen Projekten steckt fast nie im Kabel,
sondern in einer Strecke, die irgendwo unterwegs die Familie wechselt.
Die Größe hinter der Ohm-Angabe führt der
Wellenwiderstand aus, die Rechnung von der
Bauform zum Ohm-Wert die
Leitungskenngrößen , das Verhalten des
Außenleiters die Schirmung . Die Schnittstellen,
die auf 75-Ω-Koax laufen, stehen bei
S/PDIF , AES3 und
Word Clock ; die Steckverbinder bei
BNC und Cinch . Warum die
gleiche Aufgabe im Haus meist symmetrisch über verdrillte Paare gelöst
wird, klären Twisted Pair und die
symmetrische Übertragung ; wo
selbst das nicht reicht, der
Lichtwellenleiter . Was an
Netzwerkinfrastruktur im Haus zusammenkommt, steht bei den Grundlagen
des Heimnetzwerks , die Verteilerseite
beim Technikraum für die
AV-Technik .
Die Optimierungsbereiche hinter 50 und 75 Ω — Dämpfungsminimum,
Leistungsmaximum und die Nähe der 75 Ω zur Fußpunktimpedanz des
Halbwellendipols — sind der Lehrbuchdarstellung von Steven W. Ellingson
entnommen und dort am Objekt gelesen. Die Zuordnung der Anwendungen zu
ihren Normen (IEC 60958-3, AES3id, SMPTE-Reihe für SDI) ist nicht am
Normtext geprüft.