Zwei Kabel mit demselben Querschnitt, demselben Kupfer und derselben
Kategorie können sich in einem Punkt unterscheiden, der über die halbe
Installation entscheidet — im Aufbau der Ader. Ein Massivleiter
besteht aus einem einzigen Draht, eine Litze aus vielen dünnen
Einzeldrähten, die miteinander verseilt sind und zusammen denselben
Nennquerschnitt ergeben.
In einfachen Worten
Es gibt zwei Bauarten von Kabeln. In der einen steckt pro Ader ein
einzelner Draht, in der anderen ein Bündel aus vielen dünnen. Der
einzelne Draht bleibt liegen, wo Du ihn hinlegst, bricht aber, wenn er
ständig hin und her gebogen wird. Das Bündel ist beweglich und hält
das Umstecken aus. Deshalb steckt in dem, was fest in die Wand geht,
der einzelne Draht, und in dem, was zwischen Dose und Gerät baumelt,
das Bündel. Das ist keine Preisfrage, sondern eine Frage, ob die
Verbindung in fünf Jahren noch steht.
Die Normung führt die Bauformen als Leiterklassen . Klasse 1 ist der
eindrähtige Leiter, Klasse 2 der mehrdrähtige für feste Verlegung, die
Klassen 5 und 6 sind die flexiblen und hochflexiblen Ausführungen mit
sehr vielen sehr dünnen Einzeldrähten. Zwischen Klasse 1 und Klasse 6
liegt kein Qualitätsunterschied, sondern ein Zweckunterschied.
Mechanisch ist die Sache eindeutig. Biegt man einen Draht, wird die
Außenseite gedehnt und die Innenseite gestaucht; je dicker der Draht,
desto größer diese Dehnung bei gleichem Radius. Ein Massivleiter nimmt
das ein paarmal hin und wird dabei härter und spröder — an der immer
gleichen Stelle bricht er irgendwann. Eine Litze verteilt dieselbe
Bewegung auf viele dünne Drähte, die sich gegeneinander verschieben
können. Das ist der ganze Grund, warum Verlegekabel und Patchkabel
verschieden aufgebaut sind.
Elektrisch ist der Unterschied klein und wird regelmäßig
überschätzt. Bei gleichem Nennquerschnitt liegt der Widerstand einer
Litze etwas höher, weil die verseilten Einzeldrähte einen längeren Weg
zurücklegen als die gerade Strecke und weil zwischen ihnen Luft bleibt —
der Außendurchmesser einer Litze fällt entsprechend größer aus als der
eines Massivleiters gleichen Querschnitts.
Bei Datenkabeln kommt ein zweiter Effekt dazu, und der ist in den
Verkabelungsnormen ausdrücklich eingepreist: Litzen-Patchkabel dämpfen
stärker als Verlegekabel derselben Kategorie. Die Normenreihe rechnet
deshalb mit Abschlägen auf die zulässige Einfügedämpfung — genannt
werden 20 Prozent für 24 AWG und 50 Prozent für 26 AWG, für die heute
verbreiteten dünnen Patchkabel mit 28 AWG ein Faktor von 1,95. In der
Praxis heißt das nicht „schlechtes Kabel", sondern schlicht, dass die
Patchkabel im Längenbudget der Gesamtstrecke teurer bezahlt werden als
die feste Strecke dazwischen.
Der teure Teil der Verwechslung sitzt nicht im Kabel, sondern an seinen
Enden. Jede Anschlusstechnik ist für eine Leiterart und eine
Querschnittsspanne freigegeben, und das steht im Datenblatt des Moduls,
nicht im Katalogtext:
Schneidklemmen — die Kontakte in Datendosen, Keystone-Modulen und
Patchfeldern — schneiden durch die Isolierung und fassen den Leiter
zwischen zwei Schneiden. Viele Module sind für beide Leiterarten
freigegeben, dann aber mit getrennten Angaben, etwa eindrähtig von
AWG 26 bis 22 und flexibel von AWG 27 bis 22. Andere sind es nicht.
Federkraft- und Schraubklemmen an Geräten, Verstärkern und
Lautsprecherterminals nehmen Litze auf; feindrähtige Leiter werden
dafür üblicherweise mit einer Aderendhülse versehen, damit keine
Einzeldrähte aus der Klemme wandern.
Steckverbinder gibt es je Leiterart. RJ45-Stecker werden getrennt
für eindrähtige und für flexible Leiter angeboten, weil die
Kontaktschneiden anders greifen müssen.
Der Fehler, um den es hier eigentlich geht, ist der leise: Ein
Kontakt, der die falsche Leiterart fasst, funktioniert oft zunächst. Er
fällt später aus — nach Temperaturwechseln, nach einem Zug am Kabel,
nach der ersten Wartung. Genau diese Sorte Fehler ist im fertigen Bau
am aufwendigsten zu finden.
„Litze leitet besser, weil sie mehr Oberfläche hat." Der Satz greift
den Skin-Effekt auf und zieht daraus den falschen Schluss. Richtig ist,
dass Wechselstrom mit steigender Frequenz nach außen wandert; im Kupfer
liegt die Eindringtiefe bei 20 kHz rechnerisch bei rund 0,47 mm, was bei
üblichen Lautsprecherquerschnitten am oberen Bandende einen kleinen,
aber nicht völlig verschwindenden Effekt ergibt. Falsch ist der zweite
Teil: Die Einzeldrähte einer gewöhnlichen Litze sind nicht voneinander
isoliert, sondern liegen blank aneinander. Elektrisch verhält sich das
Bündel deshalb wie ein Leiter mit dem Durchmesser des Bündels, und die
zusätzliche Oberfläche zählt gar nicht mit. Eine Aufteilung, die
wirklich wirkt, verlangt lackisolierte Einzeldrähte — HF-Litze, wie sie
im Spulenbau von Frequenzweichen vorkommt, und nicht das flexible
Lautsprecherkabel aus dem Handel.
Die zweite Verwechslung läuft andersherum und klingt zunächst plausibel:
Ein Patchkabel mit Massivleiter wäre doch stabiler. Es ist steifer, aber
nicht stabiler. Bewegte Verbindungen sind genau der Fall, für den der
Massivleiter nicht gemacht ist — und ein Kabelbruch in der Ader zeigt
sich von außen nicht.
Feindrähtige Leiter: Leiterklassen 5 und 6, also Litze mit sehr
vielen sehr dünnen Drähten. Eine Steigerung der Beweglichkeit, keine
eigene Kategorie — und Klemmen brauchen dafür häufiger eine
Aderendhülse.
HF-Litze: Bündel aus lackisolierten Einzeldrähten. Sieht ähnlich
aus, verfolgt aber einen ganz anderen Zweck als flexible Verlegung.
CCA: kupferbeschichtetes Aluminium ist eine Werkstofffrage und
völlig unabhängig davon, ob der Leiter massiv oder verseilt ist.
Leiterquerschnitt und AWG: Die Angabe „24 AWG/1" nennt beides —
Querschnitt und Aufbau. Was die Zahlen bedeuten, steht bei
Leiterquerschnitt und AWG .
Ein Technikraum bekommt ein Rack, in dem die Geräte auf Auszügen sitzen,
damit man zum Anschließen an die Rückseite kommt. Die Datenleitungen
kommen aus dem Haus im Rack an, und der Elektriker schlägt vor, sie
direkt auf RJ45-Stecker zu crimpen und in die Geräte zu stecken — ein
Arbeitsgang gespart, ein Patchfeld gespart.
Die Konzeptfrage davor lautet, wo die feste Verkabelung endet und wo
beginnt, was bewegt wird. In diesem Raum ist die Antwort eindeutig, denn
jeder Auszug bewegt die letzten anderthalb Meter jeder Leitung, und zwar
über die ganze Lebensdauer der Anlage. Damit ist auch entschieden, dass
das Verlegekabel dort nicht ankommen darf.
Der Aufbau ergibt sich damit von selbst. Die feste Strecke endet an einem
Patchfeld oder an Anschlussmodulen, beide für den eindrähtigen Leiter des
Verlegekabels ausgelegt und dort mechanisch entlastet. Ab dieser
Schnittstelle übernehmen konfektionierte Patchkabel mit Litze, mit genug
Länge für den vollen Auszug und mit einer Führung, die den Bogen über den
Mindestbiegeradius hält. Erst danach ist die Gerätefrage dran — und sie
ändert an dieser Aufteilung nichts.
Was die Zahlen auf dem Mantel bedeuten und warum die Umrechnung
zwischen Quadratmillimetern und AWG nur näherungsweise stimmt, steht bei
Leiterquerschnitt und AWG . Warum
dieselbe Kategorie in zwei Bauformen kommt und was am Ende gemessen
wird, führt der Eintrag zu den
Kabelkategorien aus. Wie die
Schnittstelle zwischen fester Verkabelung und Geräten im Raum aussieht,
behandelt die Seite zum
Technikraum .
Die Leiterklassen und die genormten Nennquerschnitte stehen in
IEC 60228. Die gesonderte Bewertung von Litzen-Patchkabeln im Kanal
gehört zur Verkabelungsnormung (ANSI/TIA-568.2-D); die genannten
Abschläge sind hier über Herstellerdarstellungen belegt, die sich auf
diese Norm berufen. Die Eindringtiefe bei 20 kHz ist aus der
Standardbeziehung für den Skin-Effekt gerechnet.