Auf einem europäischen Kabel steht „2,5 mm²", auf dem Datenblatt eines
amerikanischen Lautsprechers „14 AWG". Gemeint ist beide Male, wie viel
Kupfer im Leiter steckt — nur beschreibt die eine Angabe eine Fläche aus
einer genormten Reihe und die andere eine Stufe in einer geometrischen
Folge von Drahtdurchmessern. Die beiden Reihen liegen nicht aufeinander.
In einfachen Worten
Wie viel Strom eine Leitung ohne Verluste transportiert, hängt daran,
wie viel Kupfer drinsteckt. Dafür gibt es zwei Zählweisen. Bei uns
steht die Fläche des Kupfers auf dem Kabel, in Amerika eine
Stufennummer — und die läuft rückwärts, kleinere Nummer heißt dickeres
Kabel. Die beiden Zählweisen passen nicht genau ineinander, jede
Umrechnung ist also gerundet. Wenn ein Hersteller ein Mindestmaß
vorgibt, rundest Du deshalb immer in Richtung mehr Kupfer, nicht
weniger. Zu dick geht immer, zu dünn kostet Leistung.
Die metrische Angabe ist die einfachere. Sie nennt die
Querschnittsfläche des Leiters in Quadratmillimetern, und zwar aus einer
genormten Reihe — 0,5, 0,75, 1, 1,5, 2,5, 4, 6, 10 und so weiter. Diese
Werte sind Nennwerte; die Norm bindet dazu einen Höchstwert für den
Widerstand je Kilometer, was am Ende die eigentliche Zusage ist.
AWG geht anders vor. Die Reihe stammt aus der Drahtzieherei und
beschreibt Durchmesser: Zwischen der dicksten und der dünnsten Stufe der
ursprünglichen Reihe liegen 39 gleich große Schritte, das Verhältnis
zweier benachbarter Durchmesser ist deshalb die 39. Wurzel aus 92, also
rund 1,1229. Aufgestellt hat diese Systematik das Werkzeug- und
Messgerätehaus Brown & Sharpe in Providence, Rhode Island, das die
damals wild wuchernden Drahtlehren Mitte der 1850er Jahre auf eine
regelmäßige Reihe brachte; 1857 übernahmen die führenden US-Hersteller
sie.
Aus dem einen Verhältnis folgt alles Weitere:
Die Fläche wächst je Stufe um rund den Faktor 1,26.
Drei Stufen verdoppeln die Fläche — von 16 AWG auf 13 AWG steckt
doppelt so viel Kupfer im Leiter.
Sechs Stufen verdoppeln den Durchmesser, zehn Stufen
verzehnfachen die Fläche annähernd.
Die Nummer läuft rückwärts : kleinere Zahl, dickerer Draht.
Zwei genormte Reihen, die unabhängig voneinander entstanden sind, teilen
keine gemeinsamen Werte. Rechnet man die metrische Reihe in die
AWG-Skala um, landet man zwischen den Stufen:
Nennquerschnitt liegt rechnerisch bei nächste AWG-Stufe darunter 0,75 mm² 18,4 AWG 18 AWG = 0,82 mm² 1,0 mm² 17,2 AWG 17 AWG = 1,04 mm² 1,5 mm² 15,4 AWG 15 AWG = 1,65 mm² 2,5 mm² 13,2 AWG 13 AWG = 2,62 mm² 4,0 mm² 11,2 AWG 11 AWG = 4,17 mm² 6,0 mm² 9,4 AWG 9 AWG = 6,63 mm² 10 mm² 7,2 AWG 7 AWG = 10,55 mm²
Die mittlere Spalte ist der Punkt. Keine der geläufigen metrischen
Größen fällt auf eine AWG-Stufe, und die Abweichung geht mal in die
eine, mal in die andere Richtung: 1,5 mm² liegt deutlich über 16 AWG
(1,31 mm²) und deutlich unter 15 AWG, 2,5 mm² liegt zwischen 14 und 13.
Eine Tabelle, die „1,5 mm² = 16 AWG" schreibt, rundet also, ohne es zu
sagen — und wer in der Gegenrichtung rundet, unterschreitet unter
Umständen eine Herstellervorgabe.
Bei Datenkabeln bewegt sich dasselbe Prinzip in kleinen Zahlen. Ein
Verlegekabel mit 23 AWG hat rund 0,26 mm² Kupfer je Ader, eines mit
24 AWG rund 0,20 mm² — gut ein Viertel weniger. Dünne Patchkabel mit
28 AWG kommen auf rund 0,08 mm², also etwa vierzig Prozent der Fläche
eines 24-AWG-Leiters. Für die Datenübertragung ist das
beherrschbar, für den Stromtransport über die Datenleitung wird es zur
Wärmefrage, sobald viele solcher Leitungen im selben Bündel liegen.
„Größere Zahl, dickeres Kabel" ist der Irrtum, der beim Einkauf am
teuersten wird, weil er die Skala genau umdreht. Die Erklärung liegt in
der Herkunft der Reihe: Die Nummer zählt, wie oft ein Draht durch immer
kleinere Ziehsteine gezogen wurde. Jeder Durchgang macht ihn dünner —
also bedeutet eine höhere Nummer weniger Kupfer.
Der zweite Irrtum betrifft Litzenleiter. Steht „26 AWG" auf einem
flexiblen Kabel, ist damit nicht der Durchmesser der Ader gemeint,
sondern ein Äquivalent — die Summe der Flächen aller Einzeldrähte,
umgerechnet auf die Reihe. Der tatsächliche Außendurchmesser liegt
darüber, weil zwischen den verseilten Drähten Luft bleibt. Deshalb
schreiben Datenblätter die Bauform mit dazu, etwa „24 AWG/1" für einen
Massivleiter und „26 AWG/7" für eine Litze aus sieben Drähten.
Der dritte Irrtum ist der folgenreichste, weil man ihn nicht sieht: Die
Querschnittsangabe sagt nichts über den Werkstoff. Ein Leiter aus
kupferbeschichtetem Aluminium mit derselben AWG-Zahl hat spürbar mehr
Widerstand als Vollkupfer, und keine Zahl auf dem Mantel weist darauf
hin.
Außendurchmesser: Weder der Durchmesser der isolierten Ader noch
der des ganzen Kabels folgt aus dem Querschnitt. Für Leerrohr,
Biegeradius und Klemmenbereich zählt der Außendurchmesser, für die
elektrische Auslegung der Querschnitt.
Strombelastbarkeit: Wie viel Strom eine Leitung dauerhaft führen
darf, hängt zusätzlich an Verlegeart, Umgebungstemperatur, Häufung im
Bündel und Isolierwerkstoff. Der Querschnitt allein ist keine
Belastungsangabe.
AWG-Äquivalent bei Litze: eine gerechnete Größe, kein gemessener
Durchmesser.
CCA: gleiche Fläche, anderer Werkstoff, anderer Widerstand.
Für einen Wohnraum sind Deckeneinbaulautsprecher eines amerikanischen
Herstellers vorgesehen. Im Datenblatt steht eine Mindestangabe in AWG,
gestaffelt nach Leitungslänge; im Rohbau liegt bereits 1,5 mm², weil
das die übliche Installationsgröße war. Die Frage, die auf der Baustelle
gestellt wird, lautet „reicht das?" — und in dieser Form ist sie nicht zu
beantworten.
Beantwortet werden muss nicht „welcher Querschnitt", sondern: Wie viel
Widerstand darf die Leitung im Verhältnis zur angeschlossenen Impedanz
haben, über die tatsächliche Länge und mit Hin- und Rückleiter gerechnet?
Damit ist auch klar, warum die Herstellerangabe längenabhängig ist — sie
ist nichts anderes als diese Rechnung, verpackt in eine Tabelle.
Das Verfahren folgt daraus: Beide Angaben in dieselbe Größe bringen,
statt Stufen gegen Stufen zu halten. Verlangt das Datenblatt 16 AWG, so
sind das 1,31 mm², und die verlegten 1,5 mm² liegen darüber — die
Vorgabe ist erfüllt, mit etwas Reserve. Verlangt es dagegen 14 AWG, also
2,08 mm², reicht 1,5 mm² nicht, und 2,5 mm² wäre die nächste Größe, die
sicher darüber liegt. Gerundet wird immer zur größeren Kupferfläche;
die Gegenrichtung spart Geld an der Stelle, an der später niemand mehr
nachbessern kann.
Erst danach die Produktseite — und dort lohnt der Blick auf den
Werkstoff. Eine Leitung, die nominal passt, aber aus kupferbeschichtetem
Aluminium besteht, erfüllt die Rechnung nicht, weil die Zahl stimmt und
das Material nicht.
Warum derselbe Querschnitt in zwei Bauformen kommt und was das für
Klemmen und Stecker bedeutet, steht bei
Massivleiter und Litze . Welche
Bedeutung der Aderquerschnitt in der Datenverkabelung hat, ordnen die
Kabelkategorien ein; warum die
angeschlossene Last überhaupt Widerstand auf der Leitung verträgt oder
eben nicht, erklärt der Eintrag zur
Impedanz . Für Leitungen, die zugleich Strom
führen, ist
Power over Ethernet der Anschlusspunkt.
Die AWG-Reihe ist in ASTM B258 über den Nenndurchmesser und das
Stufenverhältnis 39. Wurzel aus 92 festgelegt; die metrischen
Nennquerschnitte und die zugehörigen Widerstandsgrenzwerte stehen in
IEC 60228. Alle Zahlen der Tabelle sind aus dieser Definition selbst
gerechnet.