Inhalt anzeigen
- Tiefe
- Fortgeschritten
Bewertungskurven für Raumgrundgeräusch (NR, NC, RC)
Was sind NR-, NC- und RC-Kurven, und warum wird ein Ruhepegel damit angegeben statt als eine einzelne Zahl?
Bewertungskurven sind Grenzkurven: Sie geben für jedes Oktavband eine Obergrenze vor, und ein gemessenes Geräuschspektrum bekommt die Kennzahl der niedrigsten Kurve, unter der es vollständig bleibt. Damit lässt sich ein Ruhepegel als eine Zahl angeben, ohne die Frequenzabhängigkeit wegzumitteln — der Punkt, an dem ein A-bewerteter Einzahlwert scheitert.
Ein Raum ist nie einfach nur „leise" oder „laut" — es kommt darauf an, was für ein Geräusch da ist. Ein leises Zischen und ein leises Brummen können auf dem Messgerät dieselbe Zahl ergeben und sich völlig verschieden anfühlen. Deshalb schaut man in der Planung nicht auf eine Zahl, sondern auf eine Kurve: Sie sagt für jeden Tonhöhenbereich getrennt, wie viel dort noch erlaubt ist. Der Raum bekommt am Ende die Note der strengsten Kurve, die er überall einhält — und wenn er sie nur an einer Stelle reißt, zählt genau diese Stelle. Das ist streng, aber es passt dazu, wie Du hörst: Ein einziges Brummen verdirbt die Ruhe, auch wenn sonst alles still ist.
Ausführliche Erklärung
Der Ausgangspunkt ist ein Messergebnis, das aus mehreren Zahlen besteht. Ein Ruhepegel wird oktavweise gemessen, üblicherweise von 63 Hz oder 31,5 Hz bis 8 kHz, und liefert damit acht bis neun Werte. Für die Kommunikation zwischen Bauherr, Planer und Haustechnik ist das unhandlich, für eine Anforderung im Vertrag erst recht. Eine Bewertungskurve löst das, indem sie nicht mittelt, sondern begrenzt: Die Kurvenschar liegt als Satz von Grenzlinien über dem Diagramm, und die Bewertung fragt nur, welche dieser Linien das Spektrum noch einhält.
Alle Kurvenfamilien steigen zu tiefen Frequenzen hin an — bei 63 Hz erlauben sie deutlich mehr Pegel als bei 4 kHz. Das ist kein Zugeständnis an die Technik, sondern die Nachbildung des Gehörs: Bei geringen Pegeln ist das Ohr im Tiefton unempfindlich, wie die Kurven gleicher Lautstärke zeigen. Genau deshalb sind Lüftungsgeräusche so tückisch. Sie haben ihre Energie unten, werden von der Bewertung dort großzügig behandelt und fallen trotzdem auf, weil sie ununterbrochen anstehen.
Die drei Familien
NR — Noise Rating. Die europäische Familie, entstanden aus einem Vorschlag der niederländischen Akustiker Cornelis Kosten und G. J. van Os um 1962 und seither in der europäischen Bau- und Lüftungspraxis verbreitet. Die Kurven laufen von 31,5 Hz bis 8 kHz, und die Kennzahl einer Kurve ist der Pegel, den sie im 1-kHz-Oktavband zulässt: NR 25 erlaubt bei 1 kHz 25 dB, im Tiefton entsprechend mehr. Wer im deutschsprachigen Raum eine Ruhepegelanforderung als Kurve liest, liest meist eine NR-Angabe — daneben ist hier vor allem der A-bewertete Einzahlwert gebräuchlich.
NC — Noise Criteria. Die amerikanische Familie, 1957 vom Akustiker Leo Beranek entwickelt, der damals bei Bolt Beranek and Newman arbeitete und später auch die akustische Untersuchung von Konzertsälen prägte. NC-Kurven decken 63 Hz bis 8 kHz ab und wurden aus zwei Kriterien abgeleitet: der Störung von Sprache und dem Eindruck, dass ein Geräusch über die Frequenzbereiche hinweg ausgewogen wirkt. Beranek hat sein eigenes Verfahren später überarbeitet — die NCB-Kurven (Balanced Noise Criteria) von 1989 nehmen den Tiefton bis 16 Hz dazu und ergänzen Prüfungen auf Dröhnen und Zischen.
RC — Room Criterion. Die dritte Familie, vom amerikanischen Akustiker Warren Blazier in den frühen 1980er Jahren aus der Lüftungspraxis heraus entwickelt, beantwortet eine andere Frage. Ihre Bezugskurve ist keine gebogene Grenzlinie, sondern eine Gerade, die je Oktave um 5 dB abfällt — das Spektrum, das in Räumen als neutral und unauffällig empfunden wird. Bewertet wird zweiteilig: Die Zahl ist der arithmetische Mittelwert der Pegel in den Oktavbändern 500 Hz, 1 kHz und 2 kHz, und dahinter steht ein Buchstabe für die Klangfarbe — N für neutral, R für Dröhnen (rumble) im Tiefton, H für Zischen (hiss) im Hochton. Eine Angabe lautet also „RC 30 (N)" oder „RC 30 (R)", und die beiden beschreiben zwei sehr verschiedene Räume.
Wie bewertet wird — und warum das Verfahren die Kennzahl mitbestimmt
NR und NC arbeiten nach dem Tangentenverfahren: Das gemessene Spektrum wird über die Kurvenschar gelegt, und es zählt die niedrigste Kurve, die in keinem Band überschritten wird. Der Name kommt vom Bild der Tangente: Die maßgebliche Kurve liegt am Spektrum an, und das eine Band, in dem sich beide am nächsten kommen, bestimmt die Kennzahl.
Diese Strenge ist Absicht und zugleich die Schwäche des Verfahrens. Ein einziges Band, das aus einem sonst ruhigen Spektrum herausragt — ein Ventilatorton, ein Netzbrummen, eine Kanalresonanz —, bestimmt die gesamte Kennzahl. Das ist richtig, weil genau so ein Ton auch den Höreindruck bestimmt. Es führt aber dazu, dass zwei völlig verschiedene Räume dieselbe Zahl bekommen können: einer, der die Kurve über den ganzen Bereich ausschöpft, und einer, der weit darunter liegt und nur bei 125 Hz anstößt. Der zweite ist der deutlich bessere Raum und bekommt dieselbe Note.
Genau an dieser Stelle setzt RC an. Weil die Kennzahl dort aus drei mittleren Bändern gemittelt wird, kann ein tieffrequenter Ausreißer die Zahl nicht mehr allein bestimmen — er taucht stattdessen im Buchstaben auf. Damit trennt RC zwei Aussagen, die NR und NC in eine Zahl pressen: wie laut es ist und wie es klingt. Der Preis ist, dass zwei Angaben nötig sind und dass sich die Kennzahlen der drei Familien nicht ineinander umrechnen lassen. Eine Anforderung, die die Familie nicht nennt, ist deshalb keine Anforderung.
Häufiges Missverständnis
„NR 25, NC 25 und RC 25 sind ungefähr dasselbe" ist der erste Irrtum, und er ist verständlich, weil alle drei Familien ihre Kennzahlen aus derselben Größenordnung nehmen. Sie entstehen aber aus verschiedenen Kurvenverläufen, verschiedenen Frequenzbereichen und — bei RC — aus einem anderen Rechenweg. Zwei Zahlen mit verschiedenen Buchstaben davor sind nicht vergleichbar, und eine Umrechnungstabelle zwischen ihnen gibt es nicht, sondern allenfalls Erfahrungswerte für typische Lüftungsspektren.
Ebenso falsch ist die Gleichsetzung mit dB(A). Beides sind Verfahren, ein Spektrum zu einer Zahl zu machen, aber sie tun Verschiedenes: Die A-Bewertung dämpft jedes Band mit einem festen Faktor und addiert danach alles zu einer Summe — ein Ausreißer verschwindet darin. Die Bewertungskurve addiert nichts, sie vergleicht bandweise gegen eine Grenze, und der Ausreißer bestimmt das Ergebnis. Für Lüftungsgeräusche mit Schwerpunkt im Tiefton liefern die beiden Verfahren deshalb systematisch verschiedene Urteile — und verlangt ein Auftraggeber eine dB(A)-Zahl, hat er nach der Größe gefragt, die den Fall am schlechtesten beschreibt.
Drittens wird die Reichweite der Kurven nach unten überschätzt. NC-Kurven beginnen bei 63 Hz, RC bei 16 Hz. Was darunter liegt — der Bereich, in dem ein Lüftungsgerät seine Grundfrequenz hat und in dem eine Raummode einen Kanalton verstärken kann —, taucht in einer NC-Angabe schlicht nicht auf. Ein Raum kann NC 25 einhalten und bei 30 Hz spürbar dröhnen.
Nicht zu verwechseln mit
- A-Bewertung: Eine Filterkurve, mit der ein Spektrum vor der Summenbildung gewichtet wird. Sie erzeugt einen Einzahlwert, keine Klassifizierung, und kennt kein Tangentenverfahren. Was sie leistet und wo sie irreführt, steht bei der Frequenzbewertung.
- Grundgeräuschpegel: Die gemessene Größe selbst — der Pegel, den der Raum ohne die betrachtete Quelle hat. Die Bewertungskurven sind das Verfahren, mit dem dieser Pegel benotet wird, und stehen beim Grundgeräuschpegel im Zusammenhang.
- Nachhallzeit: Wie lange Schall im Raum abklingt. Sie ist unabhängig vom Ruhepegel, und ein ruhiger Raum verzeiht mehr Nachhall als ein lauter.
- Bewertetes Schalldämmmaß: Auch eine Einzahlangabe aus einer Bezugskurve, aber für ein Trennbauteil und mit eigenem Verfahren. Es beschreibt, was ein Bauteil zurückhält, nicht, wie ruhig ein Raum ist — siehe Schalldämmung.
In der Planung
Ein dedizierter Kinoraum bekommt eine Zu- und Abluftanlage. Die Ausschreibung des Haustechnikplaners nennt „max. 30 dB(A) im Raum".
Klär davor, in welchem Verfahren das Ziel überhaupt formuliert werden soll. Eine dB(A)-Angabe ist für diesen Raum die schwächste Wahl: Sie lässt genau das durch, was in einem Kinoraum stört — tieffrequentes Rauschen aus dem Kanal und einen einzelnen Ton aus dem Ventilator. Wird stattdessen eine NR- oder NC-Kurve vereinbart, steht die Anforderung bandweise, und ein Ausreißer ist ein Mangel und keine Geschmacksfrage. Für die Abnahme ist das der entscheidende Unterschied.
Danach das Verfahren. Vereinbart gehört dreierlei: die Kurvenfamilie mit Kennzahl, der Frequenzbereich, über den gemessen wird — mit ausdrücklicher Erweiterung nach unten, wenn die Familie bei 63 Hz endet —, und der Messzustand, also Anlage in Auslegungsvolumenstrom, Projektor an, Endstufen im Leerlauf. Ohne diese drei Angaben ist eine Kurvenanforderung nicht prüfbar, und alles, was nicht prüfbar ist, wird im Streitfall zur Auslegungsfrage.
Erst zuletzt kommen die Bauteile, und dann folgt aus der Kurve eine Kette von Entscheidungen: Kanalquerschnitt und Strömungsgeschwindigkeit gegen das Rauschen, Schalldämpfer gegen den Ventilatorton, Entkopplung gegen den Körperschall, Gerätestandort gegen alles zusammen. Welche Wege das Geräusch im Einzelnen nimmt, behandelt die Wissensseite zu Lüftung und Kühlung im Kinoraum.
Verknüpfte Inhalte
Was der bewertete Pegel überhaupt ist, woher er kommt und warum Absorption ihn nicht senkt, steht beim Grundgeräuschpegel; warum ein Einzahlwert hier zu wenig ist, bei der Frequenzbewertung. Warum die Kurven zu tiefen Frequenzen ansteigen, erklären Phon und Sone und die Wissensseite zu menschlichem Hören und Lautheit. Was ein niedriger Ruhepegel praktisch einbringt, zeigen Dynamikumfang und Sprachverständlichkeit; wie Lärm draußen bleibt, Schalldämmung und Körperschall.
Quellen
Die NC-Kurven gehen auf Leo Beranek zurück, die NR-Kurven auf einen niederländischen Vorschlag der frühen 1960er Jahre, die RC-Kurven auf Warren Blazier und die amerikanische Lüftungspraxis; NC-, NCB- und RC-Verfahren sind in ANSI/ASA S12.2 zusammengefasst. Ruhepegelanforderungen für Bild- und Tonbearbeitungsräume stehen in DIN 15996.