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Auslösecharakteristik von Leitungsschutzschaltern (B, C, D)

Was unterscheidet einen B-, C- und D-Automaten — und warum entscheidet das darüber, ob eine AV-Anlage anläuft?

Die Auslösecharakteristik beschreibt, ab welchem Vielfachen des Bemessungsstroms der magnetische Schnellauslöser eines Leitungsschutzschalters anspricht. Der Buchstabe auf dem Automaten — B, C oder D — benennt genau diesen Bereich und sonst nichts.

Ein Sicherungsautomat hat zwei Wächter in einem Gehäuse. Der eine ist langsam und passt auf, dass die Leitung nicht über Stunden überlastet wird und warm läuft. Der andere ist blitzschnell und schaltet ab, wenn irgendwo ein echter Kurzschluss auftritt. Der Buchstabe auf dem Automaten sagt Dir, wie empfindlich der schnelle Wächter eingestellt ist. Das ist keine Frage von besser oder schlechter: Ein zu empfindlicher Wächter schaltet schon ab, wenn eine große Endstufe eingeschaltet wird, ein zu unempfindlicher reagiert im Ernstfall zu spät. Welcher an Deinen Stromkreis gehört, entscheidet die Elektrofachkraft — und dafür muss sie wissen, was in der Anlage hängt.

Ausführliche Erklärung

Zwei Auslöser in einem Gehäuse

Ein Leitungsschutzschalter schützt gegen zwei verschiedene Gefahren, und er hat für jede ein eigenes Bauteil.

Gegen Überlast arbeitet ein Bimetallstreifen. Er erwärmt sich im Betriebsstrom, verbiegt sich dabei und löst aus, wenn der Strom über längere Zeit zu hoch bleibt. Das ist ein langsamer Vorgang, gemessen in Minuten bis Stunden — und genau so soll es sein, weil auch die Leitung Zeit braucht, um sich unzulässig zu erwärmen.

Gegen Kurzschluss arbeitet ein Elektromagnet. Er reagiert auf die Stromstärke selbst und schaltet innerhalb von Millisekunden ab, weil ein Kurzschluss keine Minute Bedenkzeit verträgt.

Der entscheidende Punkt für die Planung: Die Charakteristik betrifft ausschließlich den zweiten Auslöser. Der thermische Teil arbeitet bei B, C und D nach denselben Werten.

Der thermische Teil — bei allen gleich

Zwei Prüfströme legen den langsamen Auslöser fest, jeweils bezogen auf den Bemessungsstrom des Automaten:

PrüfstromWas der Automat tun muss
1,13 × Ininnerhalb einer Stunde nicht auslösen
1,45 × Ininnerhalb einer Stunde auslösen

Daraus folgt eine Erkenntnis, die viele überrascht: Ein 16-Ampere-Automat schaltet bei 17 Ampere innerhalb einer Stunde nicht ab, und nach der Prüfvorgabe darf er es auch nicht. Der Schutz zielt auf die Erwärmung der Leitung, und die verkraftet eine geringe Überschreitung über lange Zeit. Wer eine Steckdosenleiste sucht, die bei Überlast früher abschaltet, findet sie hier nicht.

Die drei Charakteristiken

Der magnetische Auslöser spricht innerhalb eines Bandes an — nicht bei einem festen Wert, weil Fertigungsstreuung und Temperatur mitspielen. Die Bänder sind:

CharakteristikMagnetische AuslösungWofür sie gedacht ist
B3 bis 5 × Inder Regelfall in der Wohnungsinstallation: Steckdosen, Licht, allgemeine Leitungen
C5 bis 10 × InVerbraucher mit hoher Einschaltspitze — Trafos, Motoren, größere Lampengruppen
D10 bis 20 × Instark induktive oder kapazitive Lasten: große Transformatoren, Elektromagnete, Kondensatorbatterien

Daneben gibt es Charakteristiken für Sonderfälle: A und Z sprechen bereits beim Zwei- bis Dreifachen an und dienen dem Schutz von Halbleitern oder Messkreisen, K liegt beim Acht- bis Vierzehnfachen und stammt aus der Industrieinstallation.

Für AV-Anlagen ist der Sprung von B auf C der praktisch relevante. Ein 16-Ampere-Automat der Charakteristik B kann ab 48 Ampere magnetisch auslösen und muss es spätestens bei 80 Ampere. Der rechnerische Spitzenwert einer einzelnen größeren Endstufe mit Ringkerntrafo liegt beim Einschalten mitten in diesem Band — ob der Automat hält, entscheidet dann der zufällige Einschaltzeitpunkt. Laufen mehrere Endstufen gemeinsam an, addieren sich ihre Spitzen und die Frage stellt sich nicht mehr.

Warum die höhere Charakteristik nicht einfach besser ist

Die naheliegende Antwort auf einen fallenden Automaten lautet: eine Charakteristik höher. Sie ist oft richtig und trotzdem keine Entscheidung, die am Gerät fällt.

Der Grund liegt im Fehlerfall. Damit ein Mensch geschützt ist, muss der Automat bei einem Körperschluss innerhalb einer festgelegten Zeit abschalten. Ob er das schafft, hängt daran, wie viel Strom im Fehlerfall überhaupt fließen kann — und das bestimmt die Impedanz der Schleife aus Außenleiter und Schutzleiter, also Querschnitt und Länge der Leitung. Wird die Auslöseschwelle vom Fünffachen auf das Zehnfache angehoben, muss die Schleife entsprechend niederohmiger sein, damit dieser Strom zustande kommt. Bei einer langen Zuleitung mit kleinem Querschnitt kann genau das scheitern.

Ein Automat der Charakteristik C an einer Leitung, die dafür zu dünn oder zu lang ist, sieht aus wie ein Schutz und ist im Fehlerfall keiner. Deshalb gehört die Auswahl zur Auslegung der Anlage und nicht zur Fehlersuche am Rack.

Häufiges Missverständnis

„Wenn der Automat fliegt, nehmen wir einen größeren." Der Satz vermischt zwei Größen, die voneinander unabhängig sind. Der Bemessungsstrom — die Zahl hinter dem Buchstaben — schützt die Leitung gegen Erwärmung und richtet sich nach ihrem Querschnitt. Er lässt sich nicht anheben, ohne die Leitung mit anzuheben, und er hat auf das Verhalten beim Einschalten keinen Einfluss, weil dort der magnetische Auslöser anspricht. Wer einen 16-Ampere-Automaten der Charakteristik B durch einen mit 20 Ampere ersetzt, verschiebt die magnetische Schwelle zwar mit, schützt aber eine Leitung, die für 16 Ampere ausgelegt wurde, jetzt schlechter. Die richtige Stellschraube ist die Charakteristik, und selbst die nur nach Prüfung der Schleife.

Ein zweiter Irrtum betrifft die Fehlerstrom-Schutzeinrichtung. Sie wird oft im selben Atemzug genannt und schützt einen anderen Fall: Strom, der die Anlage über einen Menschen oder eine feuchte Wand verlässt, statt über den Neutralleiter zurückzukommen. Ein Automat merkt davon nichts, weil die Beträge dafür viel zu klein sind. Beide Geräte sitzen nebeneinander in der Verteilung und ersetzen einander nie.

Nicht zu verwechseln mit

  • Bemessungsstrom des Automaten: Die Zahl (10, 16, 20 Ampere) folgt dem Querschnitt der Leitung und schützt sie gegen Erwärmung. Der Buchstabe davor sagt etwas anderes.
  • Schaltvermögen: Die Angabe im Rechteck auf dem Gehäuse (6.000 oder 10.000) nennt den Kurzschlussstrom, den der Automat noch beherrscht, ohne Schaden zu nehmen. Sie hängt am Netz und am Ort in der Verteilung.
  • Fehlerstrom-Schutzeinrichtung: Sie erkennt Strom, der den vorgesehenen Weg verlässt, und arbeitet in Größenordnungen von Milliampere. Ein Leitungsschutzschalter kann diesen Fall grundsätzlich nicht erkennen.
  • Selektivität: Die Frage, ob bei einem Fehler nur der nächstgelegene Automat abschaltet und nicht auch der davorliegende. Sie betrifft das Zusammenspiel mehrerer Schutzorgane und ist eine eigene Auslegungsaufgabe.

In der Planung

Ein dediziertes Heimkino mit fünf Endstufenkanälen in zwei Gehäusen, zwei aktiven Subwoofern, Projektor, Prozessor und Netzwerktechnik. Der Elektroplan liegt vor, die Leitungen sind noch nicht verlegt.

Zuerst die Konzeptfrage: Was muss dauerhaft versorgt bleiben, was darf mit dem Kino ausgehen, und soll die Anlage über einen Schalter startbar sein? Ohne diese Antwort lässt sich weder die Zahl der Stromkreise noch ihr Zuschnitt festlegen — und beides steht vor jeder Frage nach Automaten.

Der zweite Schritt ist die Übergabe an den Elektroplaner, und dort gehört die Einschaltspitze hinein. Er braucht drei Angaben: welche Geräte an welchem Stromkreis hängen, welche Dauerleistung sie zusammen aufnehmen und ob sie gleichzeitig oder gestaffelt anlaufen. Mit einer Einschaltsequenz addieren sich die Spitzen nicht mehr, und ein B-Automat kann genügen; ohne sie wird die Frage nach der Charakteristik unausweichlich — samt Nachweis, ob die Leitung die höhere Schwelle überhaupt hergibt.

Erst zum Schluss kommen die Geräte selbst in den Blick: die Verteilung im Rack, die Zahl der Abgänge, ob eine sequenzielle Steuerung ohnehin im Projekt ist. Wer diesen Weg umkehrt und mit einer Steckdosenleiste beginnt, merkt beim ersten Einschalten, dass die Reihenfolge nicht beliebig war.

Verknüpfte Inhalte

Warum eine Endstufe im Moment des Einschaltens ein Vielfaches ihres Betriebsstroms zieht und was dagegen unternommen wird, steht beim Einschaltstrom. Welche Fragen zur Stromversorgung schon in den Rohbau gehören, steht bei der Stromversorgung für AV-Systeme. Warum der Leiterquerschnitt über die Belastbarkeit einer Leitung entscheidet, behandelt Leiterquerschnitt und AWG, und wie ein Technikraum insgesamt geplant wird, steht beim Technikraum für AV-Technik.

Quellen

Die Auslösebereiche der Charakteristiken B, C und D sowie die beiden thermischen Prüfströme sind über zwei voneinander unabhängige Darstellungen belegt: das technische Handbuch eines Herstellers von Schutzschaltgeräten und eine Enzyklopädie-Fundstelle, die zusätzlich die Sondercharakteristiken A, K und Z nennt. Beide geben dieselben Werte an. Der Normtext von EN/IEC 60898-1 ist kostenpflichtig und wurde in keinem Lauf beschafft; er steht auf der Normen-Einkaufsliste. Ein erneuter Abrufversuch der ABB-Broschüre, die bereits im Lauf zur Stromversorgungsseite gesperrt war, antwortete am 22. August 2026 wieder mit einer Zugriffsverweigerung.

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